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Anders Wohnen (21) Naturerlebnis und Kulturgenuss

28.06.2010 ·  In Ostfriesland hat sich ein deutsch- niederländisches Paar mitten in einem Park eine Künstler-Oase geschaffen. Von Rainer Müller

Von Rainer Müller
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Grüner wird's nicht: Vor zwei Jahren haben Jan Timmer und Elisabeth Tatenberg den Traum vom Eigenheim im Grünen wörtlich genommen und mitten in einem märchenhaften Park gebaut. „Sehen Sie die Baumreihe dort am Horizont?“, fragt der Architekt Timmer und macht auf seiner Dachterrasse eine ausholende Bewegung, „das ist unsere Grundstücksgrenze.“ Das Gelände ist groß, so groß, „dass wir selbst immer noch nicht alles gesehen haben“, ergänzt seine Lebensgefährtin und erzählt von der Entdeckung exotischer Bäume oder neugeborener Rehkitze auf der Lichtung.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein perfektes Naturidyll, ist in Wirklichkeit ein Paradoxon: Umgeben von den baumlosen Marschen der ostfriesischen Polderlandschaft, bildet der Park eine Insel aus Bäumen. Sogar Urweltmammutbäume finden sich hier, die als ausgestorben galten, bis 1941 in China einige Exemplare gefunden wurden und irgendwie zur Baumschule Hesse in Ostfriesland gelangten. Die Hesses hatten hier am Rand der Kleinstadt Weener einst ihre Gärtnerei und experimentierten offenbar erfolgreich mit der Ansiedelung der chinesischen Metasequoia.

Reizvolle Ausblicke

Als aber der wirtschaftliche Erfolg ausblieb und der Betrieb pleiteging, verwilderte das Gelände über Jahre, bis es irgendwann einem Landschaftspark glich. Jan Timmer hörte von dem Areal und erkannte die Chance, „hier wirklich einen Traum wahr werden zu lassen“, und griff zu. Mitten hinein ins große Grün setzten die neuen Nutzer 2008 ihr Domizil aus Beton, Glas und Kupfer. Größer könnte der Kontrast kaum sein.

Doch trotz aller modernen Baumaterialien kann Timmers Entwurf nicht verbergen, dass er und seine Partnerin, eine Malerin, zuvor in einer mittelalterlichen Burg gelebt hatten: Wie eine Burgmauer umfasst ein Oval aus Sichtbeton die zwei Gebäude im Inneren. Schwere Tore aus Cortenstahl verschließen die beiden Eingänge. Vor dem Mauerring wurde ein großer Teich angelegt. Nicht zufällig erinnert er an einen „Burggraben“. Zum Wasser hin öffnet sich die Mauer und gibt reizvolle Ausblicke frei - und eine kleine Badestelle.

Elisabeth Tatenberg hat den Platz zwischen ihrem Atelier und dem Haupthaus liebevoll wie einen mediterranen Klostergarten gestaltet. Rhododendron, Fingerhut und Knabenkraut sprießen im Hochbeet zwischen wärmespeichernden Ziegelsteinen. Mit den gleichen dunklen Ziegeln ist auch die Außenwand des Ateliers verkleidet.

Fast alles ist Maßanfertigung

„Die Ziegel haben wir eigens in einem kleinen Betrieb in Holland anfertigen lassen“, berichtet Architekt Timmer. Überhaupt ist fast alles im und am Haus Maßanfertigung. „Ich habe alle Nutzräume wie Möbel eingebaut“, sagt der Hausherr und führt vom offenen Wohnbereich durch das „Umkleidezimmer“, das lediglich ein großer Paravent aus Holz ist, hinter dem sich die Kleiderschränke verbergen. Eine Tür gibt es hier ebenso wenig wie im Schlafzimmer oder im Bad. Im Grunde ist das Haus nichts anderes als ein veredelter Rohbau ohne Trennwände und Türen - mit einer Ausnahme: Die Toilette lässt sich dann doch abschließen.

Und wenn Gäste kommen? „Kein Problem“, findet Elisabeth Tatenberg, „sieht doch alles gut aus - und wenn es mal etwas unaufgeräumt ist . ..“, sagt sie und zieht im Schlafbereich demonstrativ einen schweren Vorhang vor dem Bett zu. Auch vor der frei neben dem Bett stehenden Badewanne gibt es für alle Fälle einen Vorhang.

Auf Individualität legt das Paar deutlich mehr Wert als auf Privatheit. Das hat nicht nur mit dem Charakter der Hausherren zu tun, sondern auch mit dem ihres Hauses: Es ist kein rein privates Wohnhaus, sondern ein „Kunsthaus“. Weil das Objekt etwas außerhalb der Ortschaft liegt, gibt es keinen Bebauungsplan. Das deutsche Baugesetzbuch sieht Häuser im Außenbereich nur für landwirtschaftliche Betriebe und in wenigen Ausnahmefällen vor, damit Zersiedelung der Landschaft und aufwendige Erschließungsmaßnahmen möglichst vermieden werden.

Städtbaulicher Vertrag

„Wir haben mit der Gemeinde deshalb einen städtebaulichen Vertrag geschlossen und das Haus und den Park der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, erklärt Timmer. „Wir veranstalten hier Konzerte und Ausstellungen“, ergänzt Tatenberg. 90 Besucher finden im Konzert- und Ausstellungssaal Platz, wenn Musiker aus ganz Deutschland, aus Frankreich oder den Vereinigten Staaten Kammerkonzerte geben. Bei der ersten Ausstellung im Herbst zeigt die Malerin einige ihrer eigenen Werke. Derzeit sichtet sie ihr umfangreiches OEuvre, Dutzende Gemälde stehen auf dem Boden des kleinen Saals. „Wir wollen das hier wie in den Uffizien in Dreierreihen übereinanderhängen. Es sind starke Bilder. Die Wirkung wird entsprechend sein“, ist die Künstlerin überzeugt.

Vor und nach den Konzerten bewirten Elisabeth Tatenberg und Jan Timmer ihre Gäste mit Wein und einem Imbiss in der offenen Küche oder im Wohnbereich. Dabei können die Gäste das Kunsthaus erkunden. „Wir sind hier umgeben von Kunst“, sagt die 56-jährige Hamburgerin und meint damit nicht nur ihre expressiven Landschaftsbilder im Wohn- und Schlafbereich. Auch Antiquitäten, Skulpturen und Objekte sind überall im Haus geschmackvoll und immer wieder überraschend arrangiert. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der beabsichtigten Kontraste mit farbigen Stoffen an den Sichtbetonwänden, Fellen, Holzmöbeln, alten Spiegeln und vielen verspielten Details wirkt das Kunsthaus sehr gemütlich. Hier fühlen sich auch Betonskeptiker wohl.

Das Haus als Schaukasten

„Das Haus ist mein Schaukasten“, sagt Jan Timmer stolz. Der 63-Jährige bewohnt seinen Schaukasten nicht nur selbst, er arbeitet auch darin. Eine Holztreppe führt in die zwei turmartig aufgesetzten Obergeschosse. Von außen ist der Turm mit Kupfer verkleidet und bildet ein markantes Zeichen für das Kunsthaus. Im Turm befinden sich zwei große Arbeitszimmer für Timmer und einen Mitarbeiter. Die Architekten arbeiten vor allem an Projekten in den Niederlanden. Er hat eine Motorrad-Grand-Prix-Rennstrecke entworfen, Hafen- und Gewerbegebäude, hauptsächlich aber Wohnhäuser. Er ist auch geistiger Vater eines der ambitioniertesten Wohnprojekte Hollands, das mit künstlichen Seen und Kanälen derzeit gleich hinter der Grenze bei Winschoten entsteht - die „Blauwe Stad“ (Blaue Stadt).

Ganz so weit geht der Blick von der Dachterrasse auf Timmers Arbeitszimmer zwar nicht, aber der Blick über den „Hessepark“ ist dennoch beeindruckend. Von hier werden auch der Grundriss des Kunsthauses und die technischen Funktionen klar. Auf dem Flachdach sorgen Solarkollektoren für warmes Wasser, die Räume werden mit Erdwärme geheizt beziehungsweise im Sommer gekühlt. Das Abwasser wird über eine Biokläranlage hinterm Haus gereinigt. „Für das Trinkwasser hätten wir für unseren Privatgebrauch einen Brunnen bohren können - das können wir aber nicht machen, weil wir ja auch Gäste haben“, sagt Timmer. So ist einerseits die öffentliche Teilnutzung als Kunsthaus Grundbedingung, hier wohnen zu dürfen, obwohl ja wegen des deutschen Planungsrechts aufwendige und ineffiziente Erschließungen vermieden werden sollen. Andererseits musste eben wegen der Öffentlichkeit eine 600 Meter lange Wasserleitung gelegt werden. Klingt absurd? „Ach, die Bürokratie bei uns in den Niederlanden ist viel schlimmer“, wiegelt Jan Timmer ab.

Wildpferde und Schafe

Immerhin vergingen tatsächlich nur eineinhalb Jahre zwischen dem ersten Gespräch der Bauherren mit dem Planungsamt und dem Baubeginn. Die reine Bauzeit für das Anwesen mit seinen 600 Quadratmetern Nutzfläche betrug sogar nur ein halbes Jahr. „Da konnte ich natürlich von meiner Erfahrung profitieren.“ Auch was die Baukosten angeht: „Für ein Wohnhaus rechnet man normalerweise 400 bis 500 Euro je Kubikmeter umbauten Raumes. Für unseren bewohnbaren Rohbau haben wir jetzt 330 Euro pro Kubikmeter gezahlt.“

Noch ist die Arbeit am Haus aber nicht ganz beendet. Auf dem Dach soll zum Beispiel noch eine große Photovoltaikanlage realisiert werden. Und der Park? Jan Timmer lacht. „Da kann Elisabeth ihre Grünwut austoben.“ Angesichts einer Parkgröße von 33 Hektar werden ihr die für nächstes Jahr geplanten frei laufenden Wildpferde und Schafe vermutlich eine große Hilfe sein.

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