13.06.2010 · Auf dem Plendelhof nahe Bremen hat sich die Seiltänzerin Daniela Franzen ein ehemaliges Güllesilo zum Refugium umgebaut.
Von Birgit Ochs, Groß HenstedtDie Nase schnuppert misstrauisch. Nein, nach Gülle riecht es in dem kleinen, runden Häuschen mit dem spitzen Ziegeldach beim besten Willen nicht mehr. Vielleicht ein ganz klein wenig nach Hund, auf alle Fälle nach Holz und an diesem Morgen nach Milchkaffee und den buttrigen Croissants, die Daniela Franzen auf den Esstisch gestellt hat. "Schweinemist, den gibt es hier schon seit Jahren nicht mehr", sagt die Hausherrin, die mit ihrem roten Zopf, den bunten Kleidern und dem großen Ohrenschmuck wie eine Zirkusprinzessin aussieht. Sie hat sich in einem ehemaligen Güllesilo auf zwei Etagen ein Refugium eingerichtet.
Jahrelang stand der graue Betonbau als Schandfleck vor der roten Backsteinfassade des Plendelhofs. Die Bewohner wussten nichts mit dem tristen Ringbau anzufangen. Einst waren sie als Studenten aus Bremen nach Groß Henstedt, einem Dorf mit etwas mehr als 100 Einwohnern, gekommen, um sich hier ihren Traum vom Landleben mit Platz für Pferde und Hühner zu verwirklichen. Vor etwa zehn Jahren zogen die Artisten Daniela Franzen und Marcello Monaco in die Wohngemeinschaft ein. Neun Erwachsene und vier Kinder leben zur Zeit auf dem Hof. Eine Bewohnerin und eine kleine Familie besitzen jeweils eigene Wohnungen innerhalb des Anwesens. Die anderen Mitglieder der Haus- und Wohngemeinschaft haben eigene Zimmer, teilen sich aber zwei Küchen und mehrere Badezimmer. Zu ihnen gehören auch Marcello und Daniela. "Wir leben hier schon sehr eng", sagt Marcello und spielt auf eine gewisse Verbindlichkeit im Umgang an, zum Beispiel die gemeinsamen Abendessen am großen Holztisch. Denn von räumlicher Enge kann auf dem weitläufigen Anwesen keine Rede sein, zu dem neben dem Haupthaus Garten und Weiden, Pferdestall, Sattelkammer und eine große Werkstatt gehören. Der Dachboden, von der Größe eines Tanzsaals, bietet nicht nur Raum zum Wäscheaufhängen, sondern auch eine Probebühne.
Doch auch wenn auf dem Plendelhof kein Platzmangel herrsche, habe sie irgendwann das Bedürfnis nach einem Refugium, nach einem Atelier verspürt, erzählt Daniela. Da fiel ihr das Silo ein. Schon lange hatten die Bewohner überlegt, was sie mit dem so hässlichen wie nutzlosen Bau, der gleich an der Einfahrt zum Hof steht, anfangen könnten. Es gab die Idee, aus dem Trumm ein Schwimmbad zu machen oder einen Kuhstall. Aber am Ende fehlte es immer an der Energie, die Sache anzupacken. So richtig hatte sich wohl auch niemand die Metamorphose des Güllesilos vorstellen können. Bis Daniela den Einfall mit dem Refugium hatte. "Ich bin noch in derselben Nacht raus, um den Bau abzumessen", erzählt die 41-Jährige. Auf der Grundfläche von 28 Quadratmetern ließ sich aufbauen, befand sie. Dann ging alles ziemlich schnell.
Als Seiltänzerin, die mit Marcello und den beiden Dalmatinerhunden Lilly und Laila in den Sommermonaten von Theaterfestival zu Theaterfestival reist, pflegt Franzen ohnehin einen unkonventionellen Lebensstil. Ihre Phantasie und die Fähigkeit, sich an ungewöhnlichen Orten einzurichten, hatte sie schon bewiesen, als sie ihre Heimatstadt Koblenz verließ, um in Berlin zunächst Kunst zu studieren und später die Artistenschule zu besuchen. An der Spree lebte sie in einem Lastwagen, den sie sich wohnlich eingerichtet hatte. "Das war toll", beschreibt sie das Wohngefühl. Vor allem habe ihr die Bescheidenheit gefallen. Danach habe sie sich wieder gesehnt.
Anfangs hätten sie manche belächelt und mit Sprüchen wie "Mädchen, das kannst du vergessen" von ihrem Vorhaben abhalten wollen. Doch das waren Ausnahmen. "Die Unterstützung und Hilfsbereitschaft waren enorm", berichtet Marcello. Der Artist aus der süditalienischen Hafenstadt Bari ist sichtlich beeindruckt vom wohlwollenden Interesse, auf das der Umbau des Silos stieß. Da war zunächst der Landrat, der sie in Fragen des Bauantrags beriet. "Er war richtig begeistert", sagt Franzen, die den Antrag für einen Umbau zum Atelier stellte, das in diesem Sommer durch eine Freilichtbühne und Zuschauerränge ergänzt werden soll. Die Fassade des Silos bekommt eine Mosaikgestaltung, die die Künstlerin gemeinsam mit Kinder- und Jugendgruppen anlegt. Die Kacheln spendierte ihr ein Händler aus der Umgebung.
Der Umbau sei ein hartes Stück Arbeit gewesen, erzählt das Artistenpaar. Zunächst mussten sie den offenen Rundbau von Wasser und Matsch befreien - mit Eimern und Spaten. Eine "ziemliche Aktion" sei das gewesen, erinnern sie sich. Verglichen mit dem, was folgte, war die Reinigung ein Kinderspiel. Um zwei Türen und die Fenster in den Beton zu schneiden, waren mehrere Anläufe nötig. Das Silo besteht aus einem drei Meter hohen Betonring, der mit Ziegeln verstärkt ist. Ein Zimmermann baute im Innern ein Holzgerüst, das nötig war, um den bestehenden Bau aufzustocken und die Mauern zu verstärken. Daniela Franzen hat die zwischen dem Holzrahmen liegenden Flächen mit 10 Zentimeter dicken Ytong-Steinen ausgefüllt und zwischen Beton und Bausteine eine Blähtonschicht zur Isolierung angelegt. Nur ein einziger Ofen heizt das nun mehr als 50 Quadratmeter große Häuschen.
Erfahrung mit dem Bauhandwerk hatte die Artistin keine. "Ich hab' mich manchmal ganz schön verrechnet", erzählt sie und gibt zum Besten, wie sie dem Betonschneider völlig falsche Maße für eines der Fenster nannte. "Da war dann ein Riesenausschnitt in der Wand, das Fenster war viel kleiner." Es blieb nur eines: zumauern.
Als tragende Säule im Erdgeschoss, die den Holzboden der oberen Etage stützt, wählte sie einen Baumstamm, aus dem ein Nachbar Feuerholz machen wollte. Gekrönt wird das Silo durch ein spitzes Dach. Ein auf Kirchtürme spezialisierter Dachdecker hatte sich erboten, es zu decken. Die Aufgabe erwies sich als tückisch, weil die Bauherrin unterschiedliche Ziegelarten, alles Restposten, gekauft hatte. So musste jeder Abschnitt neu berechnet werden. Neben eigentlich langweiligen schwarz-glänzenden Baumarktziegeln und braunen Schindeln hat die Seiltänzerin auch einen Satz Biberschwänze verbaut. Auf die Spitze hat Franzen eine grüne Glaskugel gesetzt. Es ist eine bauchige 5-Liter-Flasche, die das Artistenpaar an einem Altglascontainer in den italienischen Apenninen erspähte. Dass sie diese Flasche wollte, fiel Daniela ein, als sie schon zehn Kilometer weitergefahren waren. Marcello fuhr zurück.
Eine alte Flasche, ausgemusterte Fliesen, Ziegelrestposten, ein zum Brennholz bestimmter Baumstamm, Fenster aus der Internetversteigerung, ach ja, und eine alte Eichenholztür, die sie irgendwo in Karlsruhe aufgetrieben haben - angesichts des bescheidenen Artistenbudgets kamen nur günstige Baustoffe in Frage. Zwei Jahre nach Baubeginn ist es in der "Casa Daniela" schon richtig wohnlich, auch wenn dem ehemaligen Güllesilo zum echten Wohnhaus Badezimmer und WC fehlen. Wen es zur Toilette drängt, der muss hinauf Richtung Haupthaus, durch die Sattelkammer in den Hof flitzen. Strom allerdings ist vorhanden und auch Brauchwasser aus der Regentonne.
Im Silo koche sie allerdings kaum, schränkt die Künstlerin ein. Auch den Milchkaffee für die Gäste holt sie in der Küche des Plendelhofs, wo eine große italienische Espressomaschine steht. Aber Pläne für neue Stücke schmieden und Kinderbücher schreiben, das macht sie im Silo. Hier schneidert sie auch an der Nähmaschine im Obergeschoss ihre Kostüme, probt mit den Hunden - oder genießt einfach die Ruhe.
Individuell und scheinbar billig wird dabei
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 14.06.2010, 19:55 Uhr
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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