28.06.2008 · Alte Wassertürme üben auf viele offenbar einen unwiderstehlichen Reiz aus. Die Familie Heller hat sich diesen Traum erfüllt und wohnt hoch über der mecklenburgischen Stadt Neustrelitz: Der Blick kann garantiert nicht verbaut werden.
Von Frank PergandeHellers schauen auf ihre Stadt. Rundum. Nach der einen Seite sehen sie auf den Fächer der Bahngleise und den Bahnhof, nach der anderen auf das in viel Gelb und Ocker getauchte barocke Zentrum von Neustrelitz. Ihr eigenes Villenviertel, erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, liegt ihnen zu Füßen. Und sie sehen ihre Stadt, vollkommen von Wald umgeben. Dazwischen glitzert in der Ferne der Zierker See, an dem Neustrelitz seinen Hafen hat.
Den kleineren Glambecker See jedoch mit dem Wasserspiel haben Hellers direkt unter sich. Sie müssen nur heruntersteigen und über die Straße gehen, die nach einem der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz Adolf Friedrich heißt - und schon sind sie in der Badeanstalt. Hellers wohnen in einem ehemaligen Wasserturm. 34 Meter ist er hoch. Der sich verjüngende Schaft misst im Durchmesser zwischen sieben und fünfeinhalb Meter. Der Turmkopf hat einen Durchmesser von etwa neun Metern. Der Turm, 1901 erbaut, wirkt noch höher, weil er etwas erhöht in der Landschaft steht.
Ein 200 Kubikmeter Wasser fassender Behälter
Wie lange er als Wasserturm benötigt wurde, wissen Hellers nicht genau. Vermutlich bis in die fünfziger Jahre hinein. Dann verfiel er. Zweihundert Kubikmeter Wasser konnte der Behälter fassen. Er diente als Wasserspeicher und für den Druckausgleich in der Wasserversorgung der Stadt. Auch der nur wenige Kilometer entfernte Stadtteil Altstrelitz hat so einen Turm, etwas schlanker und mit vierzig Metern etwas höher als der in Neustrelitz. Beide Türme könnten einander sehen und sich zunicken.
In Altstrelitz allerdings ist die gesamte Technik noch drin. Der Turm gehört den Stadtwerken. Seit wenigen Tagen kann er als technisches Denkmal besichtigt werden. Zusammen mit den Stadtwerken kümmert sich ein 2002 gegründeter Wasserturmverein darum (www.wasserturm-gesellschaft.de). Siebzig Mitglieder hat er.
Spezialistin für Wassertürme
Selbstverständlich gehört Wasserturmbewohnerin Kerstin Heller zu den Mitgliedern. Sie ist Architektin. Seit sie ihren eigenen in der Adolf-Friedrich-Straße ausgebaut hat, gilt sie als Spezialistin für Wassertürme. Den deutlich größeren Turm im brandenburgischen Nauen hat sie für eine Berliner Familie umgebaut. Derzeit plant sie für einen kleineren Turm in Utenbach - das liegt bei Naumburg in Sachsen-Anhalt -, der eine Ferienwohnung werden soll. Auch hat sie schon Konzepte für den Turm im mecklenburgischen Malchin gemacht.
Die Architektin stammt aus Neubrandenburg, ihr Mann Raik, Steuerberater von Beruf, aus Neustrelitz. Sie studierte in Cottbus und ging dann nach Berlin, erst als Angestellte, schließlich von 1994 an mit einem eigenen großen Büro. Der Wasserturm war der Grund, nach Neustrelitz zu ziehen, zurück in die mecklenburgische Heimat. Genau ein Jahrhundert nach Eröffnung des Turms stand er wie neu da.
In die Wohnung führt ein Fahrstuhl
Knapp eine halbe Million Euro hat der Umbau gekostet. Ein paar Stufen führen hinauf zum Eingang. Gleich dahinter liegt ein Besprechungsraum. Im Schaft sind über drei weitere Etagen verteilt die Büros für die Architektin und ihre beiden Mitarbeiterinnen. In die Büros geht es nur zu Fuß. Der Fahrstuhl, den es auch gibt, hält nur einmal - weiter oben in der Hellerschen Wohnung.
„Ihn auf jeder Etage halten zu lassen, wäre noch teurer geworden“, sagt die Architektin. Ohnehin war es eine Herausforderung, die Tragkonstruktion für den Aufzug zwischen die versetzt zueinander auf verschiedenen Höhen eingelassenen Stahlträger zu führen. Die Wohnung im Turmkopf hat drei Etagen. Rechnet man den Flur hinzu, wo der Fahrstuhl ankommt, und den flachen Raum direkt unter der Turmspitze, der nur noch über eine Steigleiter zu erreichen ist, dafür durch die Glaskuppel einen den Sternen nahen Schlafplatz bietet, könnte man sogar von fünf Etagen sprechen.
Zimmer wie Tortenstücke
In der untersten Wohnungsetage sind die Zimmer wie in Tortenstücke geschnitten - Schlaf- und Kinderzimmer für den vier Jahre alten Hubert, ein großes Bad kombiniert mit dem Hauswirtschaftsraum. Darüber liegt, knapp sechzig Quadratmeter groß, das Wohnzimmer mit amerikanischer Küche, Essplatz und kleinem offenen Kamin. Darüber wiederum ist Platz für Gäste - einschließlich Whirlpool und Sauna mit Blick durch eines der Gaubenfenster. Die gesamte Nutzfläche von Wohnung und Büro beträgt etwa dreihundert Quadratmeter.
An diesem Bau war nicht nur der Fahrstuhl, sondern überhaupt alles eine Herausforderung. Schon die Baugenehmigung einschließlich Umwidmung des Gebäudes. Die Planungen hatten sich zudem nach der Hochhausrichtlinie zu richten. Zuerst mussten die aussteifenden Stahlbetondecken und die Wandscheiben betoniert werden. Erst dann konnte der gewaltige Wasserbehälter Stück für Stück herausgetrennt werden, denn der hatte den gesamten Turm gehalten.
Eine Wärmedämmung ist imSchaft verboten
Der Turmkopf wird heute durch Stützen mitten im Raum und Teilwände abgestützt. Der gesamte Turm war mit Backstein verkleidet. Die von einem halben bis zu einen Meter dicken Mauern im Schaft durften wegen des Denkmalschutzes nicht noch zusätzlich gedämmt werden. Anders der Turmkopf, wo die Wohnung liegt. Die Dämmung auf die nur einen halben Stein dicke Außenwand hat die Architektin von außen angebracht, wie man das bei normalen Wohnbauten tut.
Das aber hätte die Denkmalpflege wohl kaum erlaubt, hätte sich nicht herausgestellt, dass der Turmkopf bis in die zwanziger Jahre hinein so grauweiß wie heute aussah und erst 1926 mit Ziegeln aufgebaut wurde, nachdem er bei einem Sturm eingestürzt war. Auch war es ein Kompromiss mit der Denkmalpflege, dass es zwar bei den acht Fenstern im Turmkopf blieb, diese aber so vergrößert wurden, dass sie sich über zwei Etagen erstrecken.
Die Heizung überwacht ein Computer
Beheizt wird der Turm mit Erdwärme. Sie gelangt über eine Fußbodenheizung in die Räume. Heizung und Lüftung, ja sogar die Jalousien an den Fenstern - all das wird per Computer überwacht. Hellers können entweder in ihrem Wohnzimmer oder unten, wenn sie ihr Haus verlassen, am Bildschirm sehen, ob sie irgendwo Licht angelassen haben oder noch ein Fenster geöffnet ist. Ganz oben auf der Spitze sitzt eine Wetterstation. Auch deren Daten sind auf dem Bildschirm abzurufen. Allerdings: „Man weiß hier oben sowieso immer gleich, wie das Wetter ist.“
Der Wasserturmkopf, so erklärt die Architektin weiter, funktioniere wie ein Niedrigenergiehaus. Die Wärme aus der Lüftung wird dabei wiederverwendet. Den Wind merken die Hellers in ihrem erhöhten Einfamilienhaus - nicht weil es zöge, sondern am Geräusch. Wenn es aber richtig stürmt, vibriert der ganze Turmkopf.
Das Lüften ist nicht ganz einfach
Und das Lüften ist eine kleine Kunst. Die Treppe hat 156 Stufen insgesamt. 98 davon sind im Schaft, wo jede Stufe für sich an der Wand angebracht ist. Die Treppe ist nicht genormt, die Stufenhöhen variieren, manchmal auch die Stufentiefe, was, wie die Turmherrin erzählt, bei manchen Besuchern ein etwas merkwürdiges Gefühl beim Auf- oder Abstieg erzeuge. Hubert jedenfalls, so sagt es seine Mutter, habe von Anfang gelernt, überhaupt jede Treppe seines Lebens konzentriert und vorsichtig zu nehmen, auch die anderswo.
Die Architektin sitzt derzeit über Neustrelitzer Plänen - für das Landeskompetenzzentrum erneuerbarer Energien Mecklenburg-Vorpommern, das gleich neben dem modernen Biomasseheizkraftwerk entstehen soll. Im Oktober war der erste Spatenstich. Fertig sein wird es wohl im nächsten Jahr. Kerstin Heller braucht von ihrem Schreibtisch nur aufzuschauen, um von oben ihre Baustelle ausmachen zu können.
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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