31.05.2010 · In der Lausitz haben sich Rolf und Tamara Kuhn in einer ehemaligen Apotheke eingerichtet.
Von Rainer Müller, Großräschen„Es ist, als ob dieses Haus immer noch seinen heilenden Geist behalten hat.“ Rolf Kuhn ist von der beruhigenden Wirkung seines Wohnsitzes überzeugt. Immerhin war hier gut 80 Jahre lang die städtische Apotheke von Großräschen in der Niederlausitz untergebracht. „Wenn wir nach Hause kommen, spüren wir sofort diese besondere Atmosphäre.“ Quelle der heilenden Kraft müssen der Keller oder die Außenmauern sein, denn viel mehr ist von der 1902 erbauten Gründerzeitvilla nicht mehr im Original erhalten. Selbst die geschwungene Inschrift „Alte Ilse-Apotheke“ über dem Eingang sieht zwar nach Jugendstil aus, wurde aber erst 2000 angebracht, „damit klar ist, dass wir hier nicht die Apotheke sind“, erklärt Kuhn. Die richtige „Ilse-Apotheke“ steht heute einen Kilometer weiter am Marktplatz.
„In unserer Straße erzählt jedes Haus eine Geschichte. Die Geschichte seiner Bewohner und die Geschichte der Region“, sagt Tamara Kuhn. Wer eine Stadtchronik schreiben möchte, ist bei den Eheleuten Kuhn richtig. Der 63 Jahre alte Stadtplaner und die gleichaltrige Übersetzerin haben sich intensiv mit ihrer Nachbarschaft befasst, ja regelrecht reingekniet und in der Vergangenheit gekramt - und das im Wortsinne. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig, denn „alle Häuser hier in der Straße waren Ruinen - aber unseres war das schlimmste“, urteilt Kuhn in der Rückschau. Monatelang hat die fünfköpfige Familie gemeinsam mit Freunden verkohlte Dachbalken, zerbrochene Ziegel und Unmengen von Schutt und Sperrmüll beiseitegeräumt, bevor mit dem Wiederaufbau begonnen werden konnte.
„Man kann sich auch in Häuser verlieben“
Das ist schwer zu glauben, wenn man heute im Gärtchen zwischen blühenden Forsythien, Wildem Apfel und Rotbuchen steht und die Hausherren vor ihrer makellosen Villa sieht, die mit dem schönen gelben und roten Klinker der Region gebaut wurde. Rolf Kuhn zeigt historische Fotos der alten Apotheke: „Man kann sich auch in Häuser verlieben - und sei es wegen eines Fotos.“
Gefunden hat er das Bild in einem Buch über die Braunkohlegrube „Ilse“ bei Großräschen. Die Kleinstadt im Süden Brandenburgs war bis vor einigen Jahren noch Bergbaustadt. Über hundert Ortschaften verschwanden hier im Lausitzer Revier ganz oder teilweise unter den Schaufeln der Braunkohlebagger. Ein Schicksal, das auch Großräschen-Süd ereilte, den Stammsitz der historischen „Ilse-Bergbau AG“, die der Grube und der Apotheke ihren Namen gab.
Nur eine Handvoll Gebäude blieb erhalten, darunter zwei repräsentative Verwaltungsgebäude der „Ilse“ und eben die Apotheke. Alle anderen Gebäude, der gesamte Stadtteil mit seinen gut 2000 Einwohnern, waren noch kurz vor der politischen Wende 1989/90 abgebaggert worden. Auch die Apotheke und die Nachbargebäude waren längst leergezogen, sollten abgerissen werden und lagen nun unmittelbar an einem staubigen Krater.
Für die Dorfjugend waren die geisterhäuser Abenteurspielplatz
Als die DDR zusammenbrach, kam für die meisten Tagebaue bald das Aus. Auch in Großräschen endete der Betrieb 1999 vorzeitig, so dass die letzten Häuser doch noch stehen blieben. Aber wer wollte hier jetzt noch leben am gefühlten Ende der Welt? Die Großräschener jedenfalls mieden das „Drecksloch“, wie sie es nannten. Hinzu kam: „In der Gewissheit, dass alles vernichtet wird, hatten die Leute längst die schönsten Fliesen oder Zierelemente abgeklopft und zu Hause verbaut“, erzählt Rolf Kuhn.
Für die Dorfjugend waren die Geisterhäuser ein großer Abenteuerspielplatz. „Wenn ihnen im Winter kalt wurde, haben sie Feuer gemacht - und es einmal nicht rechtzeitig austreten können.“ 1996 brannte die alte Apotheke völlig aus, Dachstuhl und Zwischendecken stürzten ein. Was zurückblieb, bot einen erbarmungswürdigen Anblick.
Kurze Zeit später kam Rolf Kuhn zum ersten Mal in den Ort, denn als damaliger Direktor des Bauhauses in Dessau bekam er das Angebot, eine Internationale Bauausstellung (IBA) in der vom Braunkohleabbau geschundenen Lausitz zu organisieren. Er nahm das Angebot an und blieb. Seither versucht er als Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land den Landschafts- und Strukturwandel im alten Kohlerevier zu fördern.
Der Wiederaufbau war kompliziert, die Finanzioerung auch
Sitz der Geschäftsstelle sollte eines der zwei erhaltenen „Ilse“-Häuser in Großräschen werden, das sogenannte Beamtenhaus. Tamara Kuhn riet ihrem Gatten: „Die Arbeit wird dir keine Zeit lassen, wir sollten direkt da wohnen.“ Auf Wohnungssuche in Großräschen stieß der angehende IBA-Geschäftsführer schließlich auf das historische Foto der Ilse-Apotheke - und verliebte sich. „Manchmal ist es ja gut, dass man nicht weiß, was auf einen zukommt“, gesteht er und muss lachen.
Nicht nur der Wiederaufbau, auch die Finanzierung war komplizierter als erhofft. „Wir mussten kreativ werden“, sagt Kuhn. Die Stadt erklärte sich bereit, einen Teil des Gartengrundstücks zu kaufen, das die Kuhns nicht sinnvoll nutzen konnten. Ein befreundeter Architekt vom Bauhaus übernahm außerdem die Planung für den Wiederaufbau der Apotheke. Beides entspannte die finanzielle Situation. „In einer schlaflosen Nacht kam ich schließlich auf die rettende Idee, die Apotheke zweizuteilen“, berichtet Rolf Kuhn und verpachtete die nördliche Hälfte des Hauses an einen Bauträger, der die Sanierung übernahm.
Das Erbe des Hauses wird hochgehalten
Mit Bankkredit und Muskelhypothek machten sich die Kuhns schließlich ans Werk. Eine Fotogalerie im heutigen Gästezimmer erinnert an diese Zeit: Die Kinder und viele Freunde stehen hüfthoch im Schutt, schippen Dreck und schieben Karren. Als der Eingang zum Keller dann frei geräumt war, die Überraschung: Im alten Labor lagen noch Apothekerflaschen und Gerätschaften. Einige der in Sütterlin beschrifteten Flaschen zieren heute den Küchenschrank.
Auch sonst wird das Erbe des Hauses hochgehalten. Illa Lemke, Witwe des ersten „Ilse“-Apothekers und bekennende Hobbymalerin, hatte ihr Atelier in einem lichtdurchfluteten, halbrunden Anbau aus den 1920er Jahren. Eines ihrer Werke schmückt heute wieder den Raum. Auch zwei alte Fotos der ersten Hausherrin haben sie irgendwo aufgetrieben und aufgehängt. „Seltsamerweise war ausgerechnet dieser Teil des Hauses am besten erhalten“, rätselt Kuhn. „Das ist der hellste und schönste Raum des Hauses, hier sitzen wir gerne mit unseren Gästen.“
Die Tür zum Garten ist sogar noch original. „An der Tür beginnt das, was ich eine historische Spur nenne“, sagt der Hausherr. Durchquert man Illas altes Atelier, das heutige Wohn- und Esszimmer, gelangt man in den Flur mit seinen Ziegelfliesen von 1902 und endet an der Schlafzimmertür, ebenfalls authentisch.
Sämtliche Leitungen mussten komplett neu verlegt werden
Alles Weitere ist neu. Auch der Grundriss wurde neu angelegt und den Bedürfnissen der Familie angepasst. „Ich mag zum Beispiel fließende Räume“, sagt Kuhn und führt vom Esszimmer durch einen Rundbogen in sein Arbeitszimmer und weiter durch den ebenfalls offenen Türrahmen zum Hausflur. Rund ein Jahr dauerte der Umbau, bei dem auch alle Leitungen für Strom, Wasser und Heizung komplett neu gelegt werden mussten. Etwa 400 000 Euro haben die Besitzer investiert, um die Ruine in ein Schmuckstück zu verwandeln.
Die drei Kinder des Ehepaars hatten ihre Zimmer im ersten Stock. Nach ihrem Auszug ließen die Eltern den Zugang ins Obergeschoss wieder zumauern. Die freien Räume vermieten sie, ebenso die beiden Wohnungen in der Nordhälfte, die sie dem Bauträger abgekauft haben.
Sosehr Tamara und Rolf Kuhn auch den Geist von Illa und „Ilse“ pflegen, so flexibel reagieren sie auf Veränderungen. Deshalb beneiden sie auch nicht die neuen Mieter im Obergeschoss um deren großartigen und stets neuen Ausblick vom Balkon: Die können nämlich bei der Entstehung eines Sees zusehen. Bis 2015 wird aus der staubigen Braunkohlegrube der Ilse-See.