17.05.2010 · Im westfälischen Ort Benteler haben sich Silvana und Hans- Joachim Kreyer eine Kirche zum Wohnhaus umgebaut.
Von Birgit OchsWie eine kleine Festung liegt die evangelische Versöhnungskirche im münsterländischen Benteler inmitten geklinkerter Einfamilienhäuser. Aus dem grauen, zur Straße hin fensterlosen Beton bricht in der Mitte ein scharfer Zacken gen Himmel. Gleich daneben steht der Campanile, der Glockenturm mit dem großen Kreuz. Nur auf den ersten Blick ist der moderne Kirchenbau noch ein Gotteshaus. Vor gut zwei Monaten sind dort Silvana und Hans-Joachim Kreyer eingezogen. Die einstige Kirche ist nun ihr Zuhause.
Im Innern sieht der frühere Sakralbau auf den ersten Blick so aus, als könnte er nie etwas anderes gewesen sein als das Wohnhaus der Kreyers: Im Kamin flackert das Feuer, Blumen stehen auf den Tischen, im ganzen Haus hängen Bilder, selbst im Bad. Kleine Skulpturen zieren Fenstersimse, und die Katze des Ehepaars hat ihre Lieblingsplätze längst erkoren. An jener Stelle, die von außen als spitzer Zacken erscheint, ist im Inneren die Decke an die fünf Meter hoch. Wo früher der Standort des Altars war, steht heute Silvana Kreyers Schreibtisch. Über ihm hängt ein riesiger, goldfarbener Leuchter, den die Kreyers schon seit Jahren besitzen. „Eine bessere Stelle hätten wir für ihn eigentlich nicht finden können“, ist sich das Ehepaar einig.
Die Bewohner haben den Raum neu gegliedert
Auch die Bibliothek ist einsortiert. Das Regalstecksystem hat der Möbeldesigner Hanjo Kreyer für sein neues Haus entworfen. Es schmiegt sich passgenau an die gesamte Wand eines kleinen Zimmers, das sich wie eine Box in den großen Wohnraum schiebt. Nur die Tür ist ausgespart. „Das hatte sich mein Sohn so gewünscht: eine Tür, die durch die Bücherwand führt“, erzählt Kreyer. Er habe den Wunsch gerne erfüllt, obwohl die beiden Söhne - junge Erwachsene - nicht mehr im Elternhaus leben.
Die Lösung mit der Zimmer-Box haben die Eigentümer gewählt, um den insgesamt 220 Quadratmeter großen Raum nach ihren Bedürfnissen aufzuteilen. Ursprünglich bestand das Kircheninnere aus dem Altarraum mit Sakristei, der bei Bedarf durch das Öffnen einer Falttür um den dahinterliegenden Gemeindesaal erweitert werden konnte. Beide Räume betraten Besucher über ein Foyer.
Im Zuge des Umbaus haben die Kreyers unter anderem den Flur verkleinert, ein Gäste-WC abgeteilt und sich ein Badezimmer gebaut. Um im zuvor offenen Altarraum Rückzugsmöglichkeiten zu finden, ließen sie in Ständerbauweise zwei Boxen bauen, in denen sie drei Schlafzimmer eingerichtet haben. Zwei dieser Räume liegen zur ursprünglich fensterlosen Seite hin. Daher entschieden sich die Bauherren, an einer Stelle der Betonwand einen Fensterschlitz zu schneiden. Das ist eine relativ aufwendige und teure Angelegenheit, die leicht eine fünfstellige Summe kostet.
Licht- und Blickachsen faszinieren
Das andere Zimmer ist ein komplett innenliegender Raum. Er wird durch die gewölbten Oberlichter, belichtet, aber auch durch ein schmales Fensterband, das am oberen Ende der Innenwand eingefügt ist. Auf diese Weise kann man vom Schlafzimmer aus zugleich durch die hohen, schmalen Kirchenfenster des Wohn- und Arbeitszimmers blicken.
Es sind diese Licht- und Blickachsen, die die Kreyers besonders an ihrem neuen Heim faszinieren. Die Lichtverhältnisse waren das eine Kriterium für die Gestaltung des Grundrisses. Kreyers haben aber auch die Dienste eines Rutengängers in Anspruch genommen. „Wir wollten wissen, wo Wasseradern laufen oder Erdstrahlen sind, damit wir dort keine Plätze schaffen, an denen wir länger verweilen“, sagen sie.
Vor allem durch die eingeschobenen Zimmer verfügt das Haus über eine interessante Aufteilung. Und auch das eine oder andere Detail wie Anordnung und Maß der Fenster oder der Waschbetonfußboden ist ungewöhnlich. Die neuen Hausherren haben daran nur wenig geändert und den ursprünglichen Bodenbelag auf einem Großteil der Grundfläche behalten. Er verleiht dem Flur, der offenen Küche sowie dem großen Wohn- und Arbeitszimmer eine eigenwillige, aber durchaus schöne Note und wirkt auf überraschende Weise wohnlich. Im Bad allerdings haben die Bewohner ihn durch dunklen Schiefer ersetzt und in den Schlafzimmern durch einen Holzboden. „Das finde ich für diese Räume dann doch etwas gemütlicher“, räumt Silvana Kreyer ein.
Umnutzung ist ein heikles Thema
Sie weiß, dass es eine kleine Sensation ist, in einer Kirche zu leben. Die studierte Musikwissenschaftlerin, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Ausstellungen und Konzerte vor allem für Künstler aus Lettland organisiert - jenem Land, aus dem ihre Eltern geflohen waren -, ist mit dem Thema Umnutzung von Sakralbauten vertraut. Sie kennt zahlreiche Fälle, nicht nur im Münsterland und im nahen Ruhrgebiet, in denen Geldmangel und sinkende Mitgliederzahlen die beiden großen christlichen Konfessionen dazu gezwungen haben, ihre Kirchen aufzugeben: Manche werden als Kolumbarien, als Urnengrabstätten, genutzt, andere als Jugend- und Kulturtreff. Es gibt Beispiele für eine Nachnutzung durch jüdische oder orthodoxe Gemeinden. In der Bonifatiuskirche von Münster residiert seit einigen Jahren ein katholischer Verlag. Für Schlagzeilen sorgen ehemalige Gotteshäuser, in denen Restaurants wie „Glück und Selig“ oder „Don Camilo“ ihre Pforten zum abendlichen Mahl öffnen.
Dass eine Gemeinde einen Sakralbau privaten Nutzern als Einfamilienhaus überlässt, ist unüblich. Anders als in den angelsächsischen Ländern (siehe Ein Haus, drei Geschichten, V 13) ist die Umnutzung von Gotteshäusern hierzulande ein heikles Thema. Vor allem die katholische Kirche, deren Bistum Essen besonders unter Druck steht, Lösungen zu finden, tut sich schwer.
Nach nicht mal 40 Jahren kam das Aus
Auch die Presbyter in Benteler haben mit sich gerungen. Als die evangelische Gemeinde vor drei Jahren eine ihrer Kirchen aufgab, war noch unklar, was mit dem Gebäude geschehen sollte. 1969 war der Bau nach Plänen des Architekten Rainer Mumme fertiggestellt worden. Damals wuchs die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder in den Nachkriegsjahren durch die Zuzügler aus dem Osten, so dass Neubauten wie die Versöhnungskirche nötig schienen. Nicht einmal 40 Jahre später kamen allsonntäglich nur noch eine Handvoll Gläubige.
Am Ende reiste das Presbyterium an, die Gemeinde feierte einen Abschiedsgottesdienst. Danach wurden die Insignien - Bibel, Kreuz und Abendmahlgeschirr - hinausgetragen. „Es war ein sehr bewegender Moment“, erinnern sich die Kreyers, die an diesem Tag dabei waren. Ihr jüngerer Sohn war 2002 in der Kirche konfirmiert worden.
Die Presbyter suchten nach Möglichkeiten, diese spezielle Immobilie neu zu nutzen. Irgendwann war von Abriss die Rede. Doch schließlich fragte eines Abends beim Wein der Pfarrer die Kreyers, ob sie es sich nicht vorstellen könnten, in der Kirche zu wohnen.
Die Zukunft des Glockenturms ist ungewiss
Das Ehepaar lebte damals im nahe gelegenen Langenberg, zu dem der Ortsteil Benteler gehört, in einem 400 Quadratmeter großen Haus. Es hatte gar nicht die Absicht, umzuziehen. Angesehen haben sie sich die aufgegebene Kirche dann trotzdem. Immer wieder. „Plötzlich konnten wir uns das vorstellen“, sagt Hanjo Kreyer. Die Presbyter überließen ihnen das Gebäude und das 1600 Quadratmeter große Grundstück zur Erbpacht auf 99 Jahre. Nun zahlen die Bewohner einen monatlichen Zins. Zudem haben sie an die 200 000 Euro in den Umbau der Kirche, die nicht unter Denkmalschutz steht, gesteckt. „Das ist ja Beton, den mussten wir noch von innen isolieren“, nennt der Hausherr eine der wichtigsten Baumaßnahmen. Der Umbau war im vergangenen Sommer weitgehend fertig.
Kreyers hätten einziehen können. Doch wie sie erzählen, hatten sie Schwierigkeiten, ihr damaliges Haus zu verkaufen. So entschieden sie sich, zunächst dort wohnen zu bleiben, bis sich ein Käufer fand. Auf diese Weise hatten sie Zeit, den Umzug vorzubereiten. So verwundert es nicht, dass das neue Haus schon wenige Wochen nach dem Einzug perfekt eingerichtet wirkt. „Es ist zu 99 Prozent fertig“, sagen die Bewohner. Im Garten ist noch einiges zu tun, und das Presbyterium entscheidet noch, ob es den Glockenturm abreißen will.
Verblassende Erinnerung
Doch auch wenn es so aussieht, als wohnten sie schon seit Ewigkeiten in Benteler, fühlen sie sich im einstigen Gotteshaus noch nicht zu Hause. „Jetzt wohnen wir wirklich in einer Kirche.“ Manchmal, in einem der wenigen ruhigen Momente nach dem Einzug, sei ihnen dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, erzählen die Kreyers. Dann könnten sie es eigentlich noch nicht so richtig glauben. Doch wenn sie Besucher durch ihr Heim führen und die baulichen Veränderungen erläutern, bemerken sie verwundert, dass die Erinnerung an den ursprünglichen Raum schon zu verblassen beginnt.
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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