02.07.2009 · In Gelnhausen leben Götz Stöckmann und seine Frau Iris Löhlein in einem Haus, das in vielerlei Hinsicht extrem ist - nicht nur, weil der Esstisch auf einem Felsblock steht. Der Wohnraum als Landschaft heißt das Motto.
Von Birgit Ochs„So möchte ich auch gerne wohnen.“ Wie oft schon hat Götz Stöckmann diesen Satz von Besuchern gehört und jedesmal gedacht: „Na ja, das meinst du nicht wirklich.“ Der Architekt weiß genau, dass sein Haus auch für Menschen mit unkonventionellem Geschmack eine Herausforderung ist. Seit fünf Jahren lebt er mit seiner Frau Iris Löhlein in einem Haus, dessen Wohnfläche gemäß der DIN nur 65 Quadratmeter groß - und doch ein Raumwunder ist.
Das Gebäude in der Altstadt von Gelnhausen ist in vielerlei Hinsicht extrem: extrem klein, extrem im Blickfeld der Öffentlichkeit, extrem durchgeplant. Von den Bewohnern verlangt es ein Höchstmaß an Anpassung. „Ich habe meine Frau mehrfach gefragt, ob sie sich wirklich vorstellen kann, hier zu wohnen“, erzählt Stöckmann. Sie konnte.
Wunsch zu gestalten
Für gewöhnlich hat eine leere Wohnung etwas Verheißungsvolles, mag der Schnitt auch noch so langweilig sein. Unmöbliert weckt sie im zukünftigen Besitzer das Gefühl, Einfluss nehmen, gestalten zu können: nicht nur den Raum, sondern immer auch das eigene Leben. In dem Haus, das Stöckmann und Löhlein bewohnen, ist das anders. Würden sie ausziehen, hätten nachfolgende Bewohner wenig Spielraum. Stöckmann vermeidet den Ausdruck bewusst, aber das Gebäude hat mehr von einem Kunstwerk als von einem herkömmlichen Eigenheim. Nicht nur von außen.
52 Fenster, alle gleich groß und nach einem strengen Raster angeordnet, durchbrechen die weiße, geraffelt erscheinende Aluminiumfassade, die das Holzhaus umhüllt. Wer die steile Kopfsteinpflastergasse entlangspaziert, kann mühelos ins Innere blicken. Im Untergeschoss der Kuhgasse 15 spielt sich das Leben der Bewohner auf dem Präsentierteller ab, zumindest an dunklen Tagen und den Abenden, wenn das Licht eingeschaltet ist.
Abneigung gegen abgeschottete Räume
Stöckmann und seine Kollegin Gabriela Seifert, die das Haus gemeinsam entworfen haben, hegen beruflich eine gewisse Abneigung gegen abgeschottete Räume. Selbstverständlich brauche jeder Rückzugsmöglichkeiten, um nicht dauernd fremden Blicken ausgesetzt zu sein, räumt der Hausherr ein. Doch dem Standard des Eigenheims als abgeschottetem Kästchen hätten sie etwas entgegensetzen wollen, erläutert er die Idee, die hinter dem Gebäude steht. Seifert und Stöckmann, deren Büro unter dem Namen Formalhaut firmiert, geht es mitnichten um Exhibitionismus, sondern um einen Austausch zwischen öffentlichem und privatem Raum.
Gegen Ende ihrer Schulzeit hatten die beiden den Vorgängerbau gemietet, der in Gelnhausen als Zitronenhäuschen bekannt war.
Es war ein winziges Fachwerkhaus mit wenigen Zimmerchen. Irgendwann habe der Besitzer es ihnen zum Kauf angeboten, erzählt Stöckmann. Neun Jahre zahlten sie die Miete einfach weiter, dann war es ihr Eigentum. „Das war eine ziemlich schlappe Bude“, beschreibt der Architekt den Zustand des Gebäudes. Angesichts der maroden Bausubstanz war es längere Zeit unbewohnt, bis sich die Planer für einen Neubau entschieden - unterstützt durch den Denkmalschutz, dem das Konzept gefiel, das sich an Höhe, Gestalt und Fenstergröße des Vorgängerbaus anlehnte.
In der Kuhgasse
„Ein Leben im Bild“, sagt der 55 Jahre alte Gelnhäuser, wenn er über das Wohnen in der Kuhgasse spricht. Was er meint, wird beim Anblick des Innenraums klar. Der Wohnraum ist Landschaft: An einer Seite des Baus führt ein kleiner Wasserlauf entlang, der in einem Kiesbett mündet. Das Zentrum des Untergeschosses bildet ein riesiger Sandsteinmonolith. Der Quader, der mit 40 Tonnen so schwer ist wie ein ganzes Haus, erhebt sich als massiger Fels inmitten des Raums. Er gibt ihm Struktur, ist die Bühne, die die Blicke der Hereinkommenden auf sich zieht. Obenauf steht ein Esstisch. Die Wegeführung mit Pfaden und steilen Treppen ist eigenwillig. Mit Arthrose-Knie oder Kleinkind wären sie auf Dauer beschwerlich.
Während das Zitronenhäuschen aus mehreren Räumen bestand, haben die Architekten im Neubau nur einen einzigen Raum vorgesehen, diesem aber verschiedene Ebenen gegeben. Das wurde möglich, weil sie Küche, Toilette und Bad an die rückwärtige Seite verlagert haben. Quasi über den Oberschränken der Küche und über dem Gäste-WC befindet sich eine schmale Galerie, deren Balustrade als Schreibtischchen dient.
Schlafzimmer in der Box
Der Clou ist, dass die Architekten eine mittlere Ebene geschaffen haben, indem sie ein Gehäuse an den Giebelwänden aufhängten. In dieser Box befinden sich Schlafzimmer und Bad. Der eingesetzte Kasten lässt sich wie eine Schublade aus der Fassade ausfahren. Götz Stöckmann drückt auf einen Schalter, schon öffnet sich die Wand, und der Kasten schiebt sich samt Bett ins Freie. Ein paar Minuten später ragt ein Teil des Zimmers über die Straße. Oben auf der Box, mit Blick durchs Dach in den Himmel und über die Geländergalerie hinunter auf den Felsen, befinden sich zwei kleine Sofas.
Weil Platz für Schränke fehlt, haben Seifert und Stöckmann hinter nahezu allen Oberflächen Stauraum geplant. Sogar unter dem hölzernen Küchenfußboden sind Fächer, etwa für die Kartoffeln. „Wollen Sie einen Kaffee?“, fragt Stöckmann den Gast, öffnet eine Nussbaumholzplatte im Boden, drückt einen Knopf, und schon kommt eine schicke Espressomaschine auf einem Zieharmonikagestell aus der Erde gefahren. Nichts ist dem Zufall überlassen. „Alles extrem durchgeplant, anders würde es nicht gehen“, sagt der Hausherr und fügt an, dass man diese Art des Wohnens schon mögen müsse.
Der Nachfolgebau des Zitronenhäuschens, der heute unter dem Namen Living Room bekannt ist, zählt mittlerweile zu den Besonderheiten in der Altstadt. Manchmal gibt es sogar Führungen. Dann drängen sich die Besucher in dem Gebäude. Doch auch so schauen manchmal neugierige Passanten vorbei. „Das ist eigentlich immer interessant“, antwortet Stöckmann auf die Frage, ob ihn das nicht störe. Es ist eben ein „Leben im Bild“.
Ornamentale Fassadengestaltung
Hans Werner Danuser (LoginName83)
- 02.07.2009, 11:22 Uhr
Unbequem und auch nicht besonders schoen
Christina Berghoff (cbergh)
- 02.07.2009, 18:05 Uhr
etwas anders machen...
Jürgen Fuchs (fuchsju)
- 02.07.2009, 21:05 Uhr
Extrem unpraktisch
Dirk Kampschäfer (dk26)
- 05.07.2009, 01:52 Uhr
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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