04.06.2009 · In Sachsen lebt und arbeitet Familie Till in einem Gewächshaus. Ihr wachsen die Früchte förmlich in den Mund. Damit ihnen unter dem Glasdach nicht zu heiß wird, haben sie sich ein steinernes Innenhaus gebaut.
Von Christian Geinitz, MedingenGärtnern kann es passieren, dass ihr Erfolg wortwörtlich in den Himmel wächst. Thomas Till hegt eine Hanfpalme, die ebenso alt ist wie er, aber dreieinhalbmal so hoch. 1958, noch vor dem Mauerbau, hatten seine Eltern den Setzling vom Lago Maggiore nach Dresden mitgebracht, heute ist das Exemplar einer der mächtigsten Bäume der Gärtnerei Till Garten GmbH in Medingen bei Dresden.
Die haushohe Palme steht nicht etwa im Freien, sondern wurzelt in Tills Wohnung, im Wintergarten direkt neben dem Esstisch. „Die könnte bald durchs Dach brechen, deshalb muss die Kettensäge ran“, sagt der Züchter und zuckt die Achseln. „Ich sehe das nicht als schlechtes Omen, sondern eher als Zeichen, wie toll die Pflanzen bei uns gedeihen.“
Im Standardmaß
Wenn Till „bei uns“ sagt, dann meint er tatsächlich sein Zuhause, denn er und seine Familie wohnen in einem Gewächshaus. Dabei handelt es sich, wie er sagt, um ein „handelsübliches“ Modell im Standardmaß 56 mal 17,50 Meter mit 7 Metern Firsthöhe und fast 1000 Quadratmetern überbauter Fläche. Auf einem Streifenfundament errichtet, beschirmt die Glaskonstruktion ein Innenhaus mit Steinwänden, das zum Wintergarten hin offensteht und dessen Decke ein zweites bis zum Glasgiebel unbedachtes Geschoss bildet.
Ein bisschen sieht das aus wie ein großer Schuhkarton, der in die Glashalle hineingestellt wurde. Die obere Etage - der Deckel - dient als Verkaufsfläche, unten lebt die Familie in fünf Zimmern auf etwa 180 Quadratmetern. Neben der Wohnung finden noch Büros, Mitarbeiterräume sowie der Kassentresen Platz und eine Vielzahl exotischer Pflanzen: chinesische Datteln, brasilianische Guaven, Khaki-Pflaumen, Glanzmispeln, Feigen, Kamelien. „Der Wein und die Früchte wachsen uns hier sozusagen in den Mund“, sagt Till, „aber dafür müssen wir auch mächtig schuften.“
Fluch und Segen zugleich
Als Gärtner, die zwischen ihren Pflanzen leben, kennen die Tills kaum Freizeit. Die Freifläche vor dem Gewächshaus, liebevoll angelegt in unterschiedliche Gärten, misst nicht weniger als einen Hektar. „Hier ist immer etwas zu tun, auch sonn- und feiertags“, sagt Tills Ehefrau Monika. Wenn Schädlinge einfallen, steht Till notfalls nachts auf, um die Pflanzen zu spritzen. „Weit haben wir es ja nicht“, sagt er. „Mitten im Betrieb zu wohnen ist Fluch und Segen zugleich.“
In der Freizeit wenigstens überwiegen die positiven Seiten. Nie zuvor haben die Tills in einer Wohnung mit solch angenehmem Raumklima und einer so guten Energiebilanz gelebt. Bei Sonnenschein wird es unter dem Glasgiebel zwar bullig warm, trotz der aufgestellten Fenster und der Jalousien. Das gilt aber nur für die Dachflächen des Innenhauses, nicht für die Räume im Erdgeschoss.
Tausende Steine von Hand gesäubert
Hier herrsche immer eine behagliche Temperatur, versichert Till. Zu verdanken sei das der Speicherfähigkeit der unverputzten Ziegelwand, die das Gebäude der Länge nach durchzieht und ihm ein mediterranes Flair verleiht. Dafür haben die Tills 16.000 Abrisssteine von Hand gesäubert - und sich ein Naserümpfen der Nachbarn eingehandelt.
„Die fragen sich immer noch, wann wir endlich das Geld haben, die Wand zu verputzen“, sagt der Hausherr amüsiert. Ziegelmauer und Glashaus wirkten wie eine Klimaanlage, „wir haben hier noch nie geschwitzt oder gefroren“. Im Winter reiche es aus, mit dem Kaminofen zu heizen, der das Schnittholz aus der Gärtnerei verbrennt. Weil der Energieverbrauch so niedrig ist, haben die Gaswerke sogar einmal einen Kontrolleur geschickt. „Die dachten wohl, wir manipulieren die Zähler“, sagt der Dreiundfünfzigjährige und lacht.
Existenzbedrohende Krise
Das Lachen wäre den Tills vor einigen Jahren fast vergangen, als die Krise der Bauwirtschaft über die Gärtnerei hereinbrach. Der Betrieb, damals vor allem im Landschaftsbau tätig, unterhielt einen aufwendigen Maschinen- und Fuhrpark und beschäftigte 20 Angestellte, doppelt so viele wie heute. In den guten Zeiten Mitte der neunziger Jahre schien alles möglich, vor allem im aufblühenden Osten. Das Unternehmen platzte aus allen Nähten, Bauwagen dienten als provisorische Betriebsräume.
In dieser Zeit des Aufbruchs lasen die Tills von einem Privatmann, der sich im Nordseebad Dorum eine Wohnung in einem Industriegewächshaus eingerichtet hatte. „Die Idee ließ uns nicht mehr los, bis sie verwirklicht war“, erinnert sich Till. Er konnte die Sparkasse zur Finanzierung bewegen und die Behörden dazu, die Mischnutzung des Baus als Wohnhaus und Betrieb zu genehmigen.
Das Gewächshaus kostete 200.000 DM, insgesamt jedoch floss gut eine Million DM in die Anlage. Die Architekten stammten aus dem Dresdner Büro Just, die Bauführung übernahm Tills Schwägerin.
Verschuldet, stolz und zuversichtlich
1996 stand der ungewöhnliche Bau, und die Tills zogen mit Sohn und Tochter ein. „Wir waren bis über beide Ohren verschuldet, aber stolz und zuversichtlich“, sagt der Vater. „Dann kam das böse Erwachen.“ In der aufgeblähten ostdeutschen Bauwirtschaft zeigten sich Überkapazitäten, die Preise verfielen, Bau- und Handwerksbetriebe standen vor dem Ruin. Auch bei den Tills, die vor allem für Bauträger gearbeitet hatten, häuften sich die Zahlungsausfälle. Die Mitarbeiter im Landschaftsbau mussten gehen, die meisten Maschinen und Fahrzeuge wurden verkauft.
Von nun an verzichtete das Unternehmen auf das preissensible Standard- und Massengeschäft, konzentrierte sich auf Privatkunden und übernahm außerhalb des klassischen Gartenbaus nur noch anspruchsvolle Aufträge, zum Beispiel den Bau von Badeteichen.
Sorgsam gepflegte Kundendatei
Bis heute lebt das Unternehmen von seiner sorgsam gepflegten Kundenkartei, die weit über den Dresdner Raum hinausreicht. Um aus dem abgelegenen Medingen heraus eine größere Aufmerksamkeit zu erzielen, setzt man auf außergewöhnliche Veranstaltungen an dem außergewöhnlichen Ort.
Diese reichen von Fachvorträgen und Führungen im Kräutergarten bis hin zur afrikanischen Nacht mit Livemusik. Auf dem schwarzen Kontinent kennen sich die Tills aus. Regelmäßig im Januar verschiffen sie ihre Geländewagen nach Tunis und brechen zu einer mehrwöchigen Exkursion durch die Sahara auf. „Wir haben auch schon mal einen Strandurlaub gemacht“, sagt der sportliche schlanke Mann, „aber das war uns zu öde.“
Jemandem wie Till fällt es schwer, nichts zu tun, und vermutlich erklärt diese Umtriebigkeit den Erfolg des Quereinsteigers. Der gebürtige Dresdner ist eigentlich Diplomingenieur für Maschinenbau und arbeitete in der DDR als Konstrukteur für Gartenbautechnik.
1600 Mark und eine Schubkarre als Startkapital
Nebenberuflich züchtete er Heidepflanzen, die er verkaufen durfte, weil sie als „Mangelware“ galten, ähnlich wie manche Obst- oder Gemüsesorten. „Wir mussten ständig improvisieren. Es gab es ja nicht einmal Blumentöpfe, da haben wir alte Joghurtbecher genommen.“ Nach der Wende pachtete Till das Gelände in Medingen von der Kirche und baute Pflänzchen für Pflänzchen seinen Betrieb auf, mit 1600 DM Eigenkapital, einer Schubkarre, einem alten Wohnwagen als Kassenhäuschen und viel Enthusiasmus.
Dieser ist ihm bis heute erhalten geblieben. Sicher auch deshalb, weil er in einem der attraktivsten Gebäude Sachsens sowohl leben wie arbeiten kann. Dass sich dabei Betrieb und Privates nicht trennen lassen, nimmt die Familie gelassen in Kauf - selbst wenn sich mancher Kunde auf der Suche nach Zimmerpflanzen bis in die Küche verirrt. Andere Mühseligkeiten des Haushalts, versichert Monika Till, seien in einem Gewächshaus nicht anders als in einem normalen Gebäude, selbst das Fensterputzen. „Die großen Flächen reinigen sich im Regen von selbst. Wir müssen nur einmal im Jahr mit dem Gummiwischer ran.“
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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