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Anders Wohnen (15) Eine gute Stube in Bunker F38

04.05.2009 ·  Der Bremer Architekt Rainer Mielke hat einen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg zum Wohnhaus umgebaut. Zunächst hätte der Mann sein Zuhause im Ernstfall räumen müssen. Dann wurde die Zivilschutzbindung aufgehoben. Seitdem nimmt sich Mielke andere Bunker vor.

Von Bernd Hettlage
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Der Hausherr kommt mit dem Fahrrad von seinem Büro herübergeradelt. Rainer Mielke trägt Jeansjacke, darüber eine graue Mähne mit Koteletten und zwinkert in die Sonne. Der 52jährige wirkt eher wie ein gut gealterter Rockmusiker als wie ein Architekt. Die Musik ist auch nicht ganz unschuldig daran, dass er in einem 400 Tonnen schweren Haus mit meterdicken Wänden wohnt. Hätte er nicht als Student in Kiel E-Bass gespielt und mit Freunden in einem Bunker geprobt, wäre ihm der graue Klotz im gutbürgerlichen Bremer Stadtteil Schwachhausen wohl nicht aufgefallen.

„Die Leute nehmen Bunker ja nicht wahr“, sagt Mielke. Das liegt auch daran, dass viele der Gebäude hinter Bäumen versteckt und zugewuchert sind. Zudem haben sie einen „negativen Touch“: Jeder weiß, wozu sie gebaut wurden, und die alten Leute erinnern sich noch an die Bombennächte, die sie darin verbrachten.

Hundert Bunker allein in Bremen

Es gibt mehr als hundert solcher Bunker in Bremen, doch Mielke war nach eigenen Worten der Erste in der Stadt, der darauf kam, dass man in - oder zumindest auf - den alten Betonklötzen wohnen könnte. Mielkes Bunker stand in seiner Nachbarschaft, er kam jeden Tag daran vorbei. 1991 war der gebürtige Ruhrgebietler mit seiner Frau, einer Physiotherapeutin, in die Bremer Claussenstraße gezogen - nur vier Häuser von seinem heutigen Domizil entfernt.

„Uns gefiel das Viertel“, sagt Mielke, „und irgendwann fingen wir an zu suchen, ob man hier nicht etwas kaufen könnte.“ Doch in Schwachhausen mit seinen hübschen Jugendstilbauten waren die Immobilien dem Ehepaar zu teuer. So ging der Architekt zur Zweigstelle des Bundesvermögensamtes in Bremen und fragte, ob er den Bunker „F 38“ in der Claussenstraße pachten könnte.

Im Notfall räumen

„Die dachten wahrscheinlich, der hat einen Spleen“, schmunzelt Mielke. Die Antwort lautete: „Nein.“ Das war 1993, doch der schmale, freundliche Mann ließ nicht nach. Jahrelang sprach er immer wieder vor, ohne Erfolg. „Wir hatten keinen Druck“, sagt er. „Wir hatten ja eine schöne Wohnung.“ Nach fünf Jahren stieß er endlich auf eine Mitarbeiterin, die mit ihm sympathisierte. Sie erklärte ihm, warum er bisher gescheitert war: Bunker unterliegen der Zivilschutzbindung. Das heißt, im Notfall müsste der Bau geräumt und der Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden.

Das schien Mielke, 50 Jahre nach Kriegsende und fast zehn nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, ziemlich abstrus. Der Mitarbeiterin wohl auch, denn sie entschied: „Wir machen das einfach.“ Mielke hat sein Wunschobjekt gekauft. Was er bezahlt hat, will er nicht sagen, aber es seien deutlich weniger gewesen als die 300.000 Euro, die heute ein vergleichbarer Bunker koste.

Alle Leitungen nach außen

Das Gebäude selbst tastete Mielke zunächst kaum an. „Ich wollte von Anfang an den Bunker als Fundament nehmen und obendrauf bauen.“ Alle Leitungen wurden außen verlegt, und auch das Treppenhaus wurde vorne ans Haus angebaut. Zur Straße hin kam ein Aufbau aus tonnenförmigen Wellblech in einem kräftigen Blauton, der Beton des Bunkers blieb grau.

„Das Alte sollte alt bleiben und das Neue sich deutlich und möglichst bunt davon abheben.“ Ein weiteres Prinzip lautete: zur Straße hin geschlossen, nach hinten offen. Dort, wo die Gärten der Nachbarn an den Bunker grenzen, bekam der Aufbau gerade Wände mit großen Fenstern. Breite Türen rahmen eine großzügige Südwestterrasse ein. Die Bauzeit betrug nur ein paar Monate, im Februar 1999 zogen die Mielkes ein.

Innen alles offen

Innen ist alles offen angelegt. Man kann durch alle Räume hindurchsehen, von vorne nach hinten durchs ganze Haus und von innen aus der Wohnküche nach außen auf die Terrasse und wieder nach innen ins Wohnzimmer. Solche Durchlässigkeit der Blicke gefällt Mielke. Auf dem Boden liegt Industrieparkett, die Wände sind bunt gestrichen, grün, pink und orange. „Ich sage den Leuten: Streicht die Wände an.“ Das koste nicht viel und lasse sich schnell verändern.

Die Einrichtung ist ein Stilmix. Es gibt antike Kommoden, Chromsessel mit schwarzem Leder, Holztische, Metallschränke und japanische Papierlampen. An den Wänden hängt viel Kunst. Auch mit Glasbausteinen arbeitet der Architekt gern, hier sind sie im Bad zu finden. Insgesamt macht alles einen hellen, lichten Eindruck, ganz im Gegensatz zu der Hermetik eines Bunkers.

Ausstellungen über Zwangsarbeiter

Für die temporäre Nutzung des fensterlosen Innern des Bauwerks mit seinen drei Stockwerken à 150 Quadratmeter gab es anfangs wilde Ideen, von der Forellenzucht bis zum Champignonanbau. „Weil die Räume so groß waren und es keine tragenden Wände, sondern nur ein paar Säulen gab, kamen wir schließlich darauf, hier Ausstellungen und Kleinkunst zu veranstalten.“

Eine Galerie entstand. In den vergangenen zehn Jahren gab es dort neben Ausstellungen, A-cappella-Konzerte, Theater, Lesungen, eine Modenschau und sogar eine kleine Oper mit moderner Musik und Texten von Ernst Jandl. Aber auch Vorträge mit Zeitzeugen. Sie berichteten über die Bauzeit im Jahr 1943, während der Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, und über Bombennächte, zerstörte Häuser und tote Nachbarn. Einmal, im April 1945, setzten die Alliierten Luftminen ein. Der dadurch erzeugte Unterdruck sog die Luft aus dem Bunker - gesättigt von Trümmerstaub kam sie durch die Lüftungsrohre zurück.

Fenster aus dem Beton gesägt

Im Jahr 2002 wurde die Zivilschutzbindung aufgehoben, Mielke konnte jetzt auch das Innere seines Bunkers dauerhaft ausbauen. Er begann, seiner Schwester eine Wohnung im obersten Geschoss unter seinen Wohnräumen einzurichten. Er musste sie buchstäblich aus dem Bunker heraussägen. Die Räume brauchten schließlich große Fenster, um die hermetische Wirkung der dicken Wände und niedrigen Decken aufzuheben. Sie sägten die Öffnungen mit einem Seil aus dem Beton. Die losen Blöcke wollten sie dann in der Wand zertrümmern. Doch das ging nicht, denn der Beton des Bunkers ist mit besonders harten Splintsteinen und Stahlstäben durchsetzt.

„Da haben sich drei Leute am Pressluftbohrer abgewechselt, es gab einen ohrenbetäubenden Lärm, und nach drei Wochen waren sie dann das erste Mal überhaupt nach außen gestoßen.“ Die Nachbarn, zu denen Mielke, wie er betont, auch heute noch ein hervorragendes Verhältnis hat, begannen sich zu beschweren. „Wir sind dann darauf gekommen, die Blöcke als Ganzes aus der Mauer zu drücken und zu Boden zu stürzen.“

Damit die bis zu 15 Tonnen schweren Trümmer unten keinen Krater in die Erde rissen, bauten sie ihnen ein Sandbett. Dennoch wackelten bei den Nachbarn die Gläser im Schrank. Heute ist von all dem nichts mehr zu erahnen. Eine hochwertige, gemütliche Wohnung ist entstanden, mit großen Fenstern und einer großen Terrasse, mit Schiebetüren und vielen Blickachsen. Die einen Meter breiten Fensterbrüstungen werden als Ablageflächen benutzt.

Weitere Bunkerprojekte

Der Erfolg inspirierte den seit dem Jahr 2000 selbständigen Architekten dazu, weitere Bunkerprojekte in Angriff zu nehmen. Bis heute haben Mielke und ein Partner sechs Bunker gekauft, drei davon sind bereits - in enger Abstimmung mit den jeweiligen Wohnungskäufern - zu Wohnhäusern umgebaut worden. Gläser zittern dabei nirgendwo mehr. Die Fensterblöcke werden inzwischen nicht mehr zu Boden gestürzt, sondern aus der Mauer direkt in ein Netz aus Ketten gepresst, das an einem Kran hängt.

Mielkes eigenem Wohnhaus sieht man den Bunker nur noch auf den zweiten Blick an. Vor dem Bau steht eine weitausladende Birke, die Wände sind von hellem Efeu überrankt. Der Architekt hat sich inzwischen wieder einen Proberaum im Bunker eingerichtet, wo er wechselweise auf E-Bass oder Schlagzeug eindrischt. Es ist die Erfüllung eines Große-Jungen-Traums: Lärm machen, so viel man will, ohne dass es einen Nachbarn stört.

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29.05.2012 14:19 Uhr
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