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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anders Wohnen (12) Ein Leben auf dem Drehteller

31.10.2008 ·  Auf einer gigantischen Industriebrache zu wohnen, ist nicht jedermanns Geschmack. Auch für Sven Thomsen und seine Frau Maike Mertens ist ihr neuer Wohnort gewöhnungsbedürftig. Die beiden Hamburger haben ein Kranhaus an der Spree in Berlin zu ihrem Zuhause gemacht.

Von Bernd Hettlage
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Leichte Wellen kräuseln den Fluss. Laut tuckert ein Schlepper vorbei. Der Himmel ist bedeckt, immer mal wieder öffnet er für einen heftigen Schauer seine Schleusen. Böiger Wind pfeift um die Ecken des Kranhauses. Berlin zeigt sich von seiner grauen Seite an diesem Herbsttag. Hier draußen in Oberschöneweide am Ufer der Spree ist es noch einmal deutlich windiger und kühler als in der Innenstadt. Ein Klima, das eher an Hamburg als an Berlin erinnert.

Das passt zu dem Mann, der mit seiner Frau und dem gerade geborenen Sohn in dem alten Industriebau wohnt. In einem schwarzen Fleecepullover steht Sven Thomsen vor seinem Haus und lässt sich den kalten Wind fast genießerisch um die Ohren blasen. Er ist gebürtiger Hamburger. Hanseatisch ist auch sein Wesen. Der 43-Jährige ist freundlich, aber zurückhaltend, er ist ebenso selbstbewusst wie unprätentiös. Und er ist ein Tüftler und Perfektionist. Anders hätte er die Ruine wohl auch nicht zum Leben erwecken können.

Eine gigantische Industriebrache

Das Gebäude fällt auf, wenn man mit einem Ausflugsdampfer die Spree entlangfährt. Es gibt nichts Vergleichbares in Berlin, noch dazu in dieser Lage. Ein 36 Meter hoher Turm aus ehemals beigefarbenen, von Alter und Wetter dunkel verfärbtem Ziegelstein, eingefasst in ein Stahlfachwerk, mit vier Stockwerken und einem Kran auf dem Dach. An der Fassade hängen drei Buchstaben: KWO. Sie stehen für das einstige Kabelwerk Oberspree, das die AEG vor 110 Jahren in Oberschöneweide gründete.

Mehr als 18.000 Menschen arbeiteten hier am Oberlauf der Spree zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist ein gigantisches Industriegebiet, dass nach dem Zusammenbruch der DDR zu einer ebenso gigantischen Industriebrache wurde. Erst seit ein paar Jahren werden die alten Gebäude wieder instand gesetzt, die Flächen neu bebaut. Nebenan hat Silikon Sensor, ein Hersteller von Präzisionssensoren, ein Firmengebäude errichtet, dahinter bezieht im nächsten Jahr die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft mit 6000 Studenten die ehemaligen AEG-Halle.

Autodidakt und Selfmademan

Das Kranhaus stammt aus den sechziger Jahren und diente der KWO zur zentralen Kohleentladung. Es war ein reiner Zweckbau, unten im Erdgeschoss befanden sich Werkstätten, in der Etage darüber WCs und Duschen. Als Thomsen das Bauwerk vor sechs Jahren kaufte, zerfiel ringsum noch alles. Er entdeckte es auf einer Fahrradtour entlang der Spree. Der Hamburger hielt sich damals aus beruflichen Gründen in Berlin auf. Die Plattenfirma Universal bereitete gerade ihren Umzug von der Alster in ein altes Speichergebäude an der Spree vor. Er war am Umbau beteiligt. „Ich habe dann für deren Führungsetage hier Wohnungen gesucht und umgebaut.“

Thomsen ist ein Autodidakt und Selfmademan. Gelernt hat er Sattler. Er hat schon Oldtimer restauriert, dann Möbel entworfen, danach Wohnungen, Häuser und zuletzt Tonstudios umgebaut und eingerichtet. Von den Tonstudios war es nicht weit zu Universal. Mittlerweile macht Thomsen längst wieder etwas anderes. Mit seiner Firma TH-Automobile baut er in VW-Busse Porsche-Technik und -Motoren ein: „Für Familienväter, die schnell fahren wollen.“

Auch der Kran funktioniert wieder

Das Kranhaus war abrissreif, doch Thomsen wollte es retten. Er entkernte das Gebäude, entfernte die Treppen. „Die standen mitten im Raum und waren im Weg.“ An der Westseite baute er ein neues Treppenhaus mit einer Wendeltreppe aus Stahl, die er eigens anfertigen ließ. „Ein teures Vergnügen“, räumt er ein. Eine Holztreppe kam nicht in Frage. „Das passt nicht zum Charakter des Hauses, hier war vorher auch kein Holz verbaut.“ Deshalb setzte der Kranhausherr Stahltüren ein. Nur beim Boden machte er eine Ausnahme. In den Wohnetagen liegt 100 Jahre altes Eichenparkett. „Das hatte ich noch übrig.“ Vor Jahren habe er 2000 Quadratmeter davon aus einer alten Kaserne gekauft und sie für den Umbau einiger Reetdachäuser auf Sylt verwendet.

Auf der Ost- und der Westseite des Turmes gab es keine Fenster. Thomsen brach die Mauer auf und setzte im zweiten Obergeschoss, wo sich jetzt Wohnzimmer und Küche befinden, jeweils ein großes Fenster ein. Die Ziegelsteine, die er dabei gewann, verwendete er, um Löcher an anderen Stellen der Fassade zu füllen. Neu verlegt werden mussten auch alle Leitungen zum Haus hin. Thomsen ließ einen Gasanschluss einrichten und installierte eine Niederbrennwerttherme. Die Heizkörper baute er in die bis zu 50 Zentimeter breiten Stahlträger ein. Er strich sie schwarz. Wenn tagsüber die Sonne scheint, heizen sie sich allein schon dadurch auf und wärmen gleichzeitig den Stahlträger. „Wir müssen viel weniger heizen, als man denkt.“ Der Kran auf dem Dach wurde ebenfalls restauriert und - Ehrensache für den Tüftler - teilweise wieder funktionsfähig gemacht.

Selbstentworfene Möbel

Im Erdgeschoss richtete der Hamburger ein Café ein - mit Parkettboden und Kaffeehausstühlen im Thonet-Stil. Die Freifläche vor dem Café machte er zur Strandbar. Eine Geschäftsidee mit Weitblick: „Wenn 2009 die Fachhochschule aufmacht, gibt es für deren Studenten in der ganzen Umgebung nichts außer uns.“ Thomsen lächelt sichtlich zufrieden.

Jede Etage des Kranhauses hat eine Nutzfläche von etwa 95 Quadratmetern. Im ersten Stock befindet sich eine Mischung aus Gästewohnung und Büro, darüber die beiden Wohnetagen der Familie. Das Wohnzimmer im zweiten Stock erstreckt sich praktisch über die gesamte Fläche der Etage, nur an der Ostseite ist die Küche durch eine zum Essbereich hin offene Trennwand abgeschirmt. Ein sehr großes, rundes Sofa mit weißem Bezug steht in der Mitte des Raumes. Es befindet sich auf einem Drehteller, der von einem Elektromotor angetrieben wird. „Man muss ja mehrere Positionen abfrühstücken“, kommentiert Thomsen diese Installation. Zum Kaffeetrinken schaut er mit seiner Frau auf die Spree, wenn sie fernsehen wollen, dreht sich das Sofa in Richtung Küchenwand, an der ein großer Plasmafernseher hängt.

Thomsen hat fast alle Möbel selbst entworfen, auch die Küche aus Bio-Palisander - mit Betonung auf „Bio“. Nur die Stühle am Esstisch sind Klassiker der Firma Knoll. Die Stahlträger an der Decke hat er sichtbar gelassen, „damit es hier nicht zu yuppiemäßig oder neureich wirkt“. Alles wirkt durchaus gestylt, aber gleichzeitig wohnlich und gemütlich.

Flanieren auf der Friedrichstraße

Auch im Schlafzimmer einen Stock höher ist fast alles Thomsens Werk. Ein riesiges weißes rundes Bett dominiert den Raum, sein Durchmesser beträgt mehr als drei Meter. Eine weiße Wand mit einer runden roten Tür, deren zwei Flügel sich zur Seite schieben lassen, trennt das Badezimmer ab. Die Analogie zur japanischen Flagge ist beabsichtigt. Thomsen besitzt ein Faible für Japan. 15 Jahre lang betrieb er fernöstliche Kampfkunst. Die ersten Jahre nutzten Thomsen und seine Frau Meike Mertens das Kranhaus nur als Wochenendbleibe. Doch sein neues Automobilunternehmen brauchte mehr Platz, und es war wesentlich günstiger, eine Betriebshalle neben dem Kranhaus in Berlin zu bauen als in Hamburg. Also entschied sich das Paar 2006 für Berlin. „Meine Frau ist immer noch etwas entsetzt“, erzählt Thomsen über den Wechsel vom gutbürgerlichen Hamburg-Winterhude an die vergleichsweise trostlose Wilhelminenhofstraße. Zum Einkaufen und Ausgehen fährt das Paar nun zur Friedrichstraße. Außerdem genießt es das viele Grün, die Wälder und das Wasser. In Oberschöneweide - im Volksmund auch „Oberschweineöde“ genannt - bewegen sie sich kaum.

Drinnen im Haus bemerkt man vom Umfeld nichts. Der Blick vom Wohnzimmer geht in die Weite. Vor dem Fenster glitzert die Spree auf einmal in der Sonne, die für ein paar Augenblicke zwischen den Wolken hervorbricht. Binnenschiffe ziehen lautlos vorbei. Maike Mertens wiegt stumm ihr Baby in den Armen. Friedlicher könnte es kaum sein.

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29.05.2012 14:19 Uhr
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