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Anders Wohnen (10) Ein Leben mit der Feuerwehr

 ·  Die Familie Niemann wohnt mit ihren drei Kindern im ehemaligen Spritzenhaus von Reinbek. Viel Platz bietet das Haus nicht. Dafür erleben die Bewohner immer noch hautnah das Leben der Feuerwehrleute. Denn die haben ihre neue Wache schräg gegenüber.

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Als Birgit Niemann vor zwölf Jahren erstmals durch das Haus in der Reinbeker Klosterbergenstraße 4 ging, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. „Das ist doch nicht dein Ernst?“, fragte sie ihren Mann, der ihr das alte Feuerwehrhaus als ihr neues Zuhause präsentierte.

Sie sah winzige Kammern, eine schmale Treppe, mehr eine Stiege, die nach oben führte, wo die Räume noch enger und niedriger wurden. Es gab ein Waschbecken aus Steingut. Und überhaupt - wie es überall aussah. „Ich fand das unkomfortabel, geradezu unwirtlich.“

Ihr Mann wollte die Wohnung

Ihrem Mann aber war es ernst. Er ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr im Ort, und in einem alten Feuerwehrhaus zu wohnen war für ihn - vielleicht nicht gerade ein Traum, aber eine enorme Zeitersparnis im Falle eines Einsatzes.

Christian Niemann bekam damals viel zu tun, um die Wohnung in der alten Feuerwache wohnlich und etwas größer zu machen. „Gemütlich, puppig“, wie Birgit Niemann heute sagt. Die Familie erweiterte das Dachgeschoss, riss Wände heraus und setzte neue, baute Schränke in Dachschrägen ein. In seiner Grundsubstanz blieb das Haus erhalten, gedämmt noch mit Torf und Stroh. Auch die Türen und Türrahmen sind die alten, ebenso einige Fenster, die Dielen.

Zwei Etagen und ein großer Garten

Vor elf Jahren zogen die Niemanns ein. Sohn Robin war da schon auf der Welt. Dann kamen noch Melissa, heute zehn Jahre alt, und Felix, heute acht Jahre alt, hinzu. Christian Niemann ist seit dem vergangenen Jahr Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr von Reinbek. Allerdings wohnt er nicht mehr im alten Feuerwehrhaus.

„Die Feuerwehr - das ist das Leben der Feuerwehrleute“, sagt Birgit Niemann, ein bisschen mit einem resignierten Achselzucken. Sie lebt nun allein mit den drei Kindern in der ungewöhnlichen Wohnung, die zwar mit dreieinhalb Zimmern nicht groß, aber doch eigentlich ein Haus ist. Die Familie nutzt zwei Etagen und den großen Garten.

Das Feuerwehrhaus liegt zentral im Ort, und seine Bewohnerin hat es nicht weit bis zu ihrer Arbeitsstelle, einer Drogeriefiliale. Die Schule ist gleich um die Ecke. Die Miete ist nicht allzu hoch - ein Vorteil im sonst teuren Reinbek, das zwar in Schleswig-Holstein liegt, aber fast auf der östlichen Grenze zu Hamburg.

Die neue Wache liegt schräg gegenüber

Als Niemanns in das alte Feuerwehrhaus zogen, stand schräg gegenüber schon die neue Wache. Alle Einsätze, alle Übungen und Feiern macht die Familie wegen dieser Nachbarschaft ungewollt mit. „Anfangs hat mich jeder nächtliche Einsatz aus dem Schlaf aufgeschreckt, denn die ziehen ihr Horn direkt unter meinem Schlafzimmer“, erzählt Frau Niemann.

Heute aber höre sie es gar nicht mehr. Nur die Kinder drängen sich dann und wann doch noch an ihrem Dachfenster und schauen, was sich unten tut. In ihrer Spielkiste haben sie auch zwei Feuerwehrautos, aber nur kleine. Die richtig großen stehen schließlich oft genug genau unter ihrem Fenster.

Die Zeiten der Sirene sind vorbei. Ganz selten ertönt noch der durchdringende Ton: Sie steht auf dem Dach des Schulgebäudes. Inzwischen wohnt die 41 Jahre alte Mutter gern in der Klosterbergenstraße 4. Aber von Dauer wird es wohl nicht sein. Nicht nur weil eigentlich jemand von der Feuerwehr hier wohnen sollte, sondern weil die Kinder schon bald mehr Platz brauchen. Derzeit schlafen die drei in einem engen Zimmer in zwei Doppelstockbetten.

Das Gebäude ersetzte das alte Spritzenhaus

Als das Feuerwehrhaus gebaut wurde, gab es in der Nachbarschaft keine weiteren Gebäude - nur das Schulhaus. Aus den Unterlagen im Reinbeker Stadtarchiv ist zu ersehen, dass die Gemeinde kurz nach Gründung der freiwilligen Feuerwehr 1887 beschloss, ein neues Gerätehaus „im Garten des Schulhauses“ zu errichten. Acht Mitglieder hatte die erste Feuerwehr. Sie verfügten über eine Handspritze, die von Pferden gezogen wurde.

Es ist nicht ganz klar, ob das 1892 - die Jahreszahl prangt groß am Haus - errichtete Feuerwehrhaus einen Vorgängerbau hatte, wo die Spritze untergestellt war, ein sogenanntes Spritzenhaus. Jedenfalls nannten sich die Feuerwehrleute damals Spritzenmannschaft. Der Neubau von 1892 war für sie und den Ort etwas Großartiges - mit seinen Wach- und Aufenthaltsräumen sowie einem Turm, in dem die Schläuche zum Trocknen aufgehängt werden konnten.

Von einer Feuerwehr ist wenig zu erkennen

Vier Remisen werden im Archiv erwähnt, womit wohl die Garagen im Untergeschoss des Hauses gemeint sind. Die alte Kleiderkammer im Dach ist heute das Schlafzimmer. Das Kinderzimmer war früher ein Büroraum. Der Umkleideraum für die Feuerwehrleute dient nun als Wohnzimmer. Eine der Remisen beherbergt den Keller der Niemanns. Gleich daneben haben die Feuerwehrleute ihre Biergartenausrüstung für die Feiern gelagert. Aber sonst ist im Innern des Hauses von einer Feuerwehr nicht viel zu erkennen. Nur im Flur hängt ein spektakuläres, großes Foto vom Brand der Schönningstedter Mühle, einer historischen Windmühle ganz in der Nähe von Reinbek, die 1991 in Flammen aufgegangen war.

In den Akten ist im Zusammenhang mit dem Bau der Feuerwache die Rede sogar von zwei Wohnungen. Das können aber nur Kammern gewesen sein, damit immer ein oder zwei Feuerwehrleute sofort zur Stelle waren, wenn es mal brannte. Später wurden alle Räume für die Mannschaft gebraucht, für Ausrüstung und Material. Denn die freiwillige Feuerwehr wurde immer größer.

Schon 1895 hatte sie sechzehn aktive Mitglieder. Achtzig Jahre später gab es nur noch eine Lösung: den Neubau. 1967 wurde er eröffnet und noch einmal in den neunziger Jahren umgebaut und aufgestockt. Eine Wache kam hinzu, zwei Wohnungen im Dachgeschoss, weitere Garagen und sogar ein kleines Museum. Erst seit der Neubau fertig war, konnte das alte Haus richtig als Wohnung genutzt werden. Das war Ende der sechziger Jahre. Dann aber übernahm die Feuerwehr doch noch einmal die historischen Räume - während des Umbaus im neuen Gebäude.

Die Wohnung gehört der Stadt Reinbek

Als der endlich fertig war, bekamen die Niemanns die Wohnung im alten Haus. Es gehört der Stadt Reinbek, wird verwaltet von der Baugenossenschaft und von der freiwilligen Feuerwehr genutzt. Birgit Niemann gehört freilich nicht zur Feuerwehr. Aber Sohn Robin ist seit zwei Jahren dabei - bei der Jugendfeuerwehr. Jeden Freitagabend wird geübt. Robin hat es dann nicht weit. Die 1981 gegründete Jugendfeuerwehr hat ihren Sitz ebenfalls im alten Feuerwehrgebäude, zwar neben der Niemannschen Wohnung, aber mit eigenem Eingang und unter dem Turm, der längst nicht mehr benutzt werden darf.

Hinter den drei großen Flügeltüren der Remisen stehen noch Fahrzeuge der Feuerwehr. Knapp fünfzig aktive Kameraden machen heute bei der Reinbeker Feuerwehr mit. Zählt man die Jugend-, Reserve- und Ehrenabteilung hinzu, sind es sogar fast hundert. „Wenn nur das Licht angeht, steigt bei den Feuerwehrleuten schon der Adrenalinspiegel“, erzählt Birgit Niemann lachend.

Auch Sohn Robin ist mit Begeisterung dabei. Eine Weile muss er freilich noch auf seinen ersten richtigen Einsatz warten. Erst mit sechzehn Jahren darf man bei Alarm mitfahren. Und erst mit achtzehn Jahren beim Löschen, Retten oder Kellerauspumpen helfen.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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