Der Abwärtstrend im Wohnungsbau, der Ende der neunziger Jahre einsetzte, ist gebrochen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden wurden im vergangenen Jahr insgesamt 183 110 Wohnungen fertiggestellt, davon 164 178 in Neubauten und 18 932 in bestehenden Gebäuden. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet dies einen Anstieg von 14,6 Prozent. Das historische Tief in den Wohnbauaktivitäten unterhalb der Marke von 160 000 fertiggestellten Wohnungen ist damit offenbar nachhaltig überwunden.
Die zunehmenden Aktivitäten sind eine unmittelbare Folge der hierzulande spürbar steigenden Preise und Mieten für Wohnimmobilien - vor allem in den wirtschaftsstarken Regionen, in denen Wohnraum immer knapper wird. Dazu gehören zum Beispiel Großstädte wie München, Hamburg und Frankfurt. Damit erklärt sich auch die spürbare Belebung im Geschosswohnungsbau, der in der Fertigstellungsstatistik ein überdurchschnittliches Wachstum im Jahresverlauf von 15,5 Prozent aufweist. In München wurden sogar 42 Prozent mehr Geschosswohnungen errichtet als 2010. Jahrelang hatte dieses Marktsegment brach gelegen, weil die insgesamt stagnierenden Mieten kaum noch auskömmliche Geschäftsmodelle ermöglichten. Jenseits der Regionen mit Bevölkerungswachstum ist der Wohnungsneubau allerdings weiterhin verhalten.
Bedarfslücke wird nicht geschlossen
Die regional sehr unterschiedliche Entwicklung gilt in Fachkreisen als Ausweis dafür, dass Deutschland noch weit von einer Preisblase auf dem Wohnungsmarkt entfernt ist. Zuletzt hatte dies unter anderem der Arbeitskreis der Gutachterausschüsse und Oberen Gutachterausschüsse festgestellt. Auch das Hamburger Analysehaus F+B Forschung und Beratung für Wohnen, Immobilien und Umwelt betonte in diesem Frühjahr auf der Basis des ermittelten Wohn-Index, dass sich keine Immobilienblasen in Deutschland bildeten. „Unsere Daten bestätigen einen generellen Preisanstieg bei Immobilien in den größeren Städten, bei der Betrachtung des Gesamtmarkts relativiert sich diese Beobachtung aber“, sagte Geschäftsführer Bernd Leutner.
Walter Rasch, Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), bezeichnete die jüngste Entwicklung bei den Fertigstellungszahlen als erfreulich. „Doch reichen die Zahlen bei weitem noch nicht aus, um die Bedarfslücke zu schließen“, fügte er hinzu. Gerade Familien mit niedrigen Einkommen oder mehreren Kindern seien nicht die Adressaten von Neubauprojekten. Schließlich würden Neuvermietungen in angespannten Wohnungsmärkten im Durchschnitt bei 9,50 Euro je Quadratmeter beginnen.
Mietwohnungen im unteren Preissegment
Dass sich die Zahl der Baufertigstellungen weiterhin deutlich unter dem Bedarf in Deutschland bewege, stellt auch Jens-UIrich Kießling, Präsident des Immobilienverbandes IVD, in einer ersten Reaktion auf die veröffentlichte Statistik fest. Er verweist auf eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), die einen Bedarf von 195 000 Wohneinheiten im Jahr ermittelt habe. „Wir erkennen den Bedarf an Mietwohnungen auch im unteren Preissegment“, stellt Kießling fest, dessen Verband unter anderem die Interessen der Immobilienmakler vertritt. „Wenn die Kommunen nicht das dafür erforderliche Bauland günstiger zur Verfügung stellen, wird sich an dieser Situation auch nichts ändern.“