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Wohnen in Seoul : Hanok statt Hochhaus

Blick in die Vergangenheit: Wie in Bukchon sah es früher überall aus. Bild: Jun Michael Park/laif

Innerhalb weniger Jahre hat sich das Gesicht der Hauptstadt radikal verändert. Doch mit den alten Gebäuden ging auch ein Teil der koreanischen Identität verloren. Nun wächst die Sehnsucht nach der alten Wohnform.

          Dass Daniel Tändler Architekt geworden ist, hat mit einer Kindheitserinnerung zu tun. „Als ich klein war, haben wir meine Großmutter besucht, die im Südwesten des Landes in einem kleinen Dorf lebte. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, dort auf dem Boden zu schlafen, wie die Räume aussahen. Dieses Raumgefühl wollte ich immer wiederfinden“, sagt Tändler. Das Gebäude, das ihn so faszinierte, war ein traditionelles koreanisches Haus, ein Hanok: vier Seiten umschließen einen Hof in der Mitte, mit kühlen Räumen für den Sommer und beheizten für den Winter. Gebaut nur aus Holz, Lehm, Stein und Hanji, das auf Deutsch Reispapier genannt wird, obwohl es aus Maulbeeren gemacht wird. Möbliert sind diese Häuser nur spärlich, denn die Bewohner schlafen und essen auf dem Boden, weswegen die kleinen Grundrisse auch geräumiger wirken als sie sind.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In dem niedersächsischen Städtchen, wo der Sohn eines Deutschen und einer Koreanerin aufwuchs, gab es nur Fachwerk. Doch auch als er als Student für ein Praktikum nach Korea zurückkehrte, fand er in der Hauptstadt Seoul kaum noch traditionelle Gebäude. „Und wenn, waren sie meistens versteckt zwischen modernen Bauten und häufig in einem schlechten Zustand“, erinnert sich Tändler. In der Zeit zwischen seinen Familienbesuchen als Kind in den Achtzigerjahren und seiner Rückkehr als Student im neuen Jahrtausend, hatte sich Korea vollkommen verändert. Aus dem armen landwirtschaftlich geprägten Land war eine Hightech-Nation geworden.

          Nirgendwo zeigen sich die Folgen dieses Wandels so radikal wie in der Architektur: Bis in die Siebzigerjahre bestimmten traditionelle Gebäude das Bild der Hauptstadt. Doch das starke Bevölkerungswachstum verlangte nach höherer, dichterer Bebauung. Das Alte galt nun als ärmlich und unmodern. Die Hanoks mussten den gesichtslosen Wolkenkratzern weichen, die heute das Gesicht von Seoul prägen. Die Menschen zogen in Hochhäuser. Heute dominiert in Korea der Massenwohnungsbau, in keinem anderen Land der Welt lebt ein so großer Teil der Bevölkerung in Großsiedlungen wie auf der Halbinsel.

          Sehnsucht nach den Häusern der Kindheit

          Doch die alten Häuser ließen den jungen Architekten nicht los. Nach dem Architekturstudium in Aachen kehrte er in das Land seiner Mutter zurück, suchte - und fand eine Anstellung in einem Büro in Seoul, das sich der Wiederbelebung der traditionellen Architektur verschrieben hat. Er kam zur richtigen Zeit. Denn immer mehr Koreaner, vor allem Akademiker der oberen Mittelschicht, sehnen sich zurück nach den Häusern ihrer Kindheit und wollen das Leben in den anonymen Wohnblocks gegen eines in traditionellen Häusern, eingebettet in lebendige Nachbarschaften, eintauschen.

          Langsam geht Daniel Tändler den Hang hinauf in Bukchon, das wie kaum ein anderes Viertel der Hauptstadt für diesen Wandel steht. Zwischen zwei Palästen gelegen, lebten hier früher die hohen Beamten des Kaisers. Mittlerweile sind in die renovierten Hanoks Cafés und Kunstgalerien eingezogen, angelockt von der ruhigen und lässigen Atmosphäre, die man in der hektischen Hauptstadt nicht häufig findet. Doch auch hier ist die Stille brüchig. Überall rufen Schilder dazu auf, leise zu sein und keinen Müll vor den Häusern liegen zu lassen - eine Ermahnung, die vor allem an die chinesischen Touristen gerichtet ist, die Bukchon auch schon entdeckt haben.

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