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Wohnen in Potsdam : Zwischen Prominenz und Platte

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Wohnung mit eigenem Bootssteg: Havel und Seen wirken ebenso anziehend wie die Nähe zu Berlin. Bild: Chromorange / vario images

Millionenvillen am Seeufer, Großsiedlungen im Südosten: Brandenburgs Landeshauptstadt ist voller Kontraste. Nun ist auch noch ein Streit um das bauliche Erbe der DDR entbrannt.

          Wenn Janine Trott mit ihrer Familie in den Urlaub fährt, bucht sie immer ein richtig großes Ferienhaus. Ein Zimmer für jedes der drei Kinder, ein großes Wohnzimmer, ein geräumiger Flur: Schließlich sollen die Ferien eine Abwechslung vom Alltag bieten. Normalerweise wohnt Familie Trott in einer Dreizimmerwohnung in der Potsdamer Innenstadt. Das jüngste Kind spielt in einer Ecke des Schlafzimmers und schläft mit seinen drei Jahren im Ehebett, in der Mitte. Die älteren beiden teilen sich ein Zimmer. „Wir finden einfach nichts Größeres, das für uns bezahlbar und angemessen wäre“, sagt die 35 Jahre alte Trott.

          Dabei hat sich der Mietpreis, zu dem die Trotts vor 14 Jahren in den gemütlichen Altbau in einer Querstraße zur Fußgängerzone gezogen sind, ohnehin schon nahezu verdoppelt: Potsdam, das ist in den vergangenen 20 Jahren die Stadt der Reichen und Schönen geworden. „München des Ostens“, „preußisches Sylt“, so und so ähnlich lauten stets die Schlagzeilen, wenn Zahlen zum Immobilienmarkt veröffentlicht werden. Seit Jahren klettern die Preise für Miet- und Eigentumswohnungen und Häuser gleichermaßen; während in zentralen Lagen das Angebot schwindet, entstehen an den Rändern und zwischen Verkehrsachsen große Neubausiedlungen, die auch ihren Preis haben – ohne jedoch mit Infrastruktur oder Urbanität der gewachsenen Gegenden aufwarten zu können.

          Potsdam war Sitz der preußischen Könige, Garnison- und Universitätsstadt, aber nie Industriestandort. Nach der Wende dauerte es folglich nicht lang, bis die Prominenz aus dem Westen die Stadt für sich entdeckte. Unmittelbar vor den Toren Berlins gelegen, bot sich hier ein Rückzugsort zur lauten und dichten, aber für das Geschäft eben auch wichtigen Metropole an. Nach und nach gingen die oft sehr renovierungsbedürftigen, geschichtsträchtigen Villen des Viertels „Berliner Vorstadt“ an Vermögende aus Medienwelt, Mäzenaten- und Unternehmertum. Eingebettet zwischen Seen und Parks, umgeben von großzügigen Grundstücken, schufen sich Günther Jauch, Kai Diekmann und Wolfgang Joop – stellvertretend für zahlreiche weitere Prominente – eine eigene heile Welt. Ähnliches passierte an anderen Seeufern. Auch das um 1920 herum eingemeindete Babelsberg, die Villenviertel um den Pfingstberg und die Wohngegenden im weiteren Umfeld von Sanssouci wandelten sich nach und nach in schick sanierte Straßen- und Grünzüge.

          Tagsüber im hektischen Berlin, abends im beschaulichen Potsdam

          Von dem Bevölkerungsschwund Ostdeutschlands in den Jahren nach 1990 war die brandenburgische Landeshauptstadt ohnehin deutlich weniger betroffen als andere Städte. Zur Jahrtausendwende drehte dann der Markt. Die Verwaltung hatte während der Schrumpfungsphase in den Plattenbausiedlungen, die vor allem im Südosten der Stadt liegen, auf einen Abriss verzichtet – eine Entscheidung, die den Markt heute entlastet. Inzwischen zählt Potsdam etwa 170.000 Einwohner, 30.000 mehr als zur Wendezeit. Tendenz steigend.

          „Man hat hier einfach eine hohe Lebensqualität“ , sagt der Architekt Ludger Brands, der seit 20 Jahren in Potsdam wohnt. Im Gegensatz zu vielen Zuzüglern arbeitet er auch in der Stadt. Brands hat ein eigenes Büro und lehrt an der Fachhochschule. Die meisten Wahlpotsdamer machen sich morgens auf den Weg nach Berlin, entsprechend voll sind Straßen und S-Bahnen zu den Stoßzeiten. „Abends sind sie dann froh, der Millionenstadt ein Stück weit zu entfliehen und es etwas beschaulicher zu haben“, sagt Brands. Dazu kommt, dass Potsdam nicht nur ein Auffangbecken für metropolenmüde Berliner ist: Die brandenburgische Landeshauptstadt zieht auch Menschen aus den strukturschwächeren Gegenden des Bundeslandes an.

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