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Wohnen in Mannheim-Neckarstadt : Soho am Neckar

Der Charme des Alten: Blick auf das einstige Kasernengelände Turley mit seinen 120 Jahre alten Backsteinbauten.l Bild: Tobias Paul

Seit die Amerikaner weg sind, sprudeln die Ideen. Das alte Militärareal Turley in der Mannheimer Neckarstadt könnte zum Vorzeigeprojekt werden. Auch weil es für viele Lebensentwürfe Platz bietet.

          Petra Klimes geht voran. Besser: Sie schreitet. Wenn die 34 Jahre alte Frau durch ihr neues Reich führt, kann sie ihre Profession nicht verbergen. Klimes ist Tänzerin, stolz federt sie die Treppenstufen hinauf. Hier „auf Turley“, in der Mannheimer Neckarstadt, wo mehr als hundert Jahre lang Soldaten aufs Kämpfen gedrillt wurden, hat sie ein neues Zuhause für ihre Ballettschule gefunden. Seit wenigen Wochen erst ist der glasumrandete Würfelbau eröffnet. Draußen wird noch lärmend gebohrt, drinnen herrscht schon quirliges Treiben. Kleine Ballerinas üben eifrig Pirouetten vor dem Spiegel, Mütter schwatzen beim Kaffee.

          Bernd  Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Petra Klimes ist für die Stadt ein Glücksfall. Die studierte Tänzerin hat sich 2006 im Musikpark Mannheim mit ihrer Ballettschule selbständig gemacht und braucht jetzt mehr Platz. Die Frau ist wagemutig, redegewandt, eloquent - eine Vorzeigefrau für ein Vorzeigeprojekt, das unter allen Umständen gelingen muss. Denn Turley, mit 13 Hektar relativ klein, soll erst der Anfang sein. 500 Hektar, gleich zehn ehemalige Militärflächen der Amerikaner, muss die Stadt in den nächsten Jahren für zivile Zwecke umwidmen. Jetzt sind kreative Köpfe gefragt und eine kluge Verwaltung. Leute mit Ideen, Pioniere, Investoren und Visionäre genauso wie Spinner und Glücksritter - Platz ist da für alle. Weil Turley auch nach 100 Jahren militärischer Nutzung so unglaublich schön geblieben ist, mit seinen roten Sandsteinbauten und weitläufigen Grünflächen, dürfte dieser Plan auch aufgehen. Noch steht der Umbau am Anfang, aber einige Mutige haben die alte Welt schon betreten.

          Alle sind gefragt - Pioniere, Investoren, Spinner und Glücksritter

          Wer Turley besucht, sieht nur noch wenig von den Amerikanern. Die neueren Gebäude hat die Stadt abgerissen, nur hie und da erinnern noch verrostete Basketballständer und vergessene Hiweisschilder - „Military haircut 7,50 Dollar“ - an die Anwesenheit der „Army“. Stattdessen bestimmen die 120 Jahre alten denkmalgeschützten Kasernengebäude das Bild. Das Gemäuer aus der Kaiserzeit hat selbst die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, ausgerechnet ein Militärkomplex - kaum zu glauben. Heute erinnern die Gebäude mehr an geheimnisvolle britische Internate und leicht in die Jahre gekommene Sanatorien als an Krieg und Zerstörung. Den zentralen Exerzierplatz, längst von Gras überwuchert, haben die Amerikaner zuletzt vor allem zum Basketballspielen genutzt. Er steht unter Denkmalschutz wie fast alles, was noch vorhanden ist auf Turley, selbst der Zaun um das Gelände.

          Ein altes Casino, die ehemalige Reithalle und stattliche Mannschaftsquartiere säumen den Platz. Genug Planungsspielraum also für ein innerstädtisches Paradies mit Gemeinschaftshaus, Grünflächen, Grillplätzen, Platz für Kultur und Kunst und Arbeit. Mit allen urbanen Annehmlichkeiten und schneller Anbindung an die Innenstadt noch dazu.

          Vorzeigefrau: Tänzerin Petra Klimes vor ihrer neuen Ballettschule Bilderstrecke
          Vorzeigefrau: Tänzerin Petra Klimes vor ihrer neuen Ballettschule :

          Um diese Vision in die Tat umzusetzen, hat die Stadt Mannheim den Frankfurter Investor Tom Bock geholt: ein Immobilienentwickler mit italienischen Wurzeln, der schon in der Bankenstadt am Main mit dem Umbau des Deutschherrnviertels zum Klein-Soho auf sich aufmerksam gemacht hat. „Mannheim ist not Italy“ hat Bock in Turley plakatiert, das „not“ freilich hat er werbewirksam schon durchgestrichen. Elf der vierzehn alten Kasernengebäude hat er gekauft, und einen Teil der Freiflächen, angeblich 100 Millionen Euro, will er investieren. Zusammen mit den Mannheimer Stadtplanern hat er sein in Frankfurt bewährtes Konzept auf die Kurpfalz übertragen: „Soho Turley“ - urbanes Leben im Stil des New Yorker Szeneviertels mit viel Luft und Kunst und Glas und Klinker verspricht er auch dort. Die alten Kasernengebäude sollen bald Namen von New Yorker Stadtteilen tragen, die Straßen auf dem Gelände will die Stadt nach Mannheimer Widerstandskämpfern benennen. Bislang klappt das Zusammenspiel. Wer sich früh für einen Umzug nach Turley entscheidet, bekommt viel geboten. Das Balletthaus hat Bock eigens auf die Bedürfnisse von Petra Klimes zugeschnitten. Dem Hightech-Unternehmen VR Magic, eine von Forschern aus der Region gegründete Gesellschaft, die Simulatoren für Augenoperationen herstellt, hat er passgenau eine gläserne Manufaktur gebaut. 70 Fachleute arbeiten mittlerweile in dem Ensemble aus alten Gebäuden und modern verklinkertem Anbau aus Glas und Stahl mit riesiger Fensterfront zur belebten Umgehungsstraße. Ein Fenster für Turley sozusagen, jeder kann sehen, dass es läuft.

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