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Wohnen in Essen : In der grünen Ruhrpott-Idylle

  • -Aktualisiert am

In Essens Luxusquartieren werden immer mehr mondäne Altbauvillen abgerissen. Bild: Stefan Finger

Von wegen rauchende Schlote: Der Essener Süden lockt mit Wasserblick und Pferdekoppeln vor der Tür. Mondäne Altbauten müssen luxuriösen Neubauten weichen.

          Touristenbusse sind kein alltäglicher Anblick in Essen. Derzeit allerdings schon. Denn die Ruhrgebietsstadt ist 2017 „Grüne Hauptstadt Europas“ und lockt damit erstaunlich viele Besucher an, die sich über die Erfolge in puncto Nachhaltigkeit der einstigen Montanmetropole informieren wollen. An einigen wenigen Hotspots herrscht aber auch ohne publikumswirksames Großereignis reger Reisebusbetrieb: Vor dem Ausflugslokal „Südtiroler Stuben“ zum Beispiel, am beliebten Ausflugs- und Erholungsgebiet Baldeneysee. Warum? Weil es hier, am Nordufer des größten Essener Binnengewässers, so gar nicht nach Ruhrgebiet aussieht. Keine rauchenden Schlote, keine stillgelegten Zechentürme, keine Industrie stören das idyllische Bild. Auch Lärm und die reviertypischen Produktionsausdünstungen, wie sie im Norden der Stadt anzutreffen sind, fehlen. Stattdessen hübsche, grüne Uferlandschaften, Segelboote, jede Menge Wasservögel, entspannte Spaziergänger, Radfahrer und Skater auf den Promenaden rund um den See.

          Genau diese Mischung überzeugte auch Peter Pichler, Gastronom aus Südtirol, der 1969 der Liebe wegen nach Essen kam. 1990 erwarb er zusammen mit seiner Frau das „Haus Dannenberg“ und wandelte das bekannte Ausflugslokal in die „Südtiroler Stuben“ um. Das Haus mit 500 Außen- und 280 Innenplätzen brummt bis heute. Schweinshaxen stehen auf der Speisekarte, Speckknödelsuppe und hausgemachte Schlutzkrapfen, gefüllt mit Spinat. Doch nicht nur das Essen sorgt für Südtiroler Flair: „Mich hat die traumhafte Lage überzeugt, sie erinnert mich an meine Heimat“, sagt Pichler, der mit seinen italienischen Wurzeln zu den 24 Prozent Essenern mit Migrationshintergrund zählt. Und der wie viele andere auch seine kulinarische Kultur in die Fremde exportiert hat. Inzwischen genießt Pichler seinen Ruhestand. Für ausgebuchte Tische sorgen seine beiden Kinder, die den Betrieb am See seit 2003 führen. Und ihn stilistisch der Gegenwart angepasst haben. „Die Leute mögen es chillig und natürlich das maritime Flair“, sagt Tochter und Stuben-Chefin Catrin Linowsky.

          Das gilt übrigens auch fürs Wohnen. Es verwundert nicht, dass die Quartiere rund um den See – vor allem Bredeney, Werden, Stadtwald und Heisingen – zu den beliebtesten und teuersten der Stadt zählen. Lage und Freizeitwert sind für Ruhrgebietsverhältnisse unschlagbar, die Dichte an Reitvereinen ist dank des hohen Grünflächenanteils überproportional hoch. Häuser mit angeschlossenem Stall oder Koppel müssen nicht lange auf Käufer warten. Gleichzeitig liegt der angesagte Stadtteil Rüttenscheid in direkter Nachbarschaft, die Essener Innenstadt ist um die Ecke, und auch Düsseldorf ist innerhalb von 30 Minuten mit dem Auto zu erreichen. Essens Süden erfüllt somit beinahe jenen paradoxen Wohnwunsch der Deutschen, den Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Ideal“ schon 1927 treffend skizzierte: „Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße“. Wobei im Süden der Stadt zu wohnen in Essen auch eine Aussage über den sozialen Status ist: „Wer etwas auf sich hält, wohnt im Essener Süden, wobei die westlichen Stadtteile aufgrund ihrer Nähe zu Landeshauptstadt Düsseldorf angesagter sind als die Viertel im Südosten Richtung Bochum. Vom Düsseldorf-Sog profitiert auch Kettwig“, formuliert Petra Kuptz die Sachlage. Das Spezialgebiet der Essener Maklerin: imposante Vorstandsvillen. Zwei dieser prunkvollen Domizile hat sie derzeit in der Vermarktung. 460 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf 15 Zimmer und auf einem weit über 1000 Quadratmeter großen Grundstück kosten 2,25 Millionen Euro. In adäquater Lage müsste man dafür in München sicher ein Mehrfaches zahlen. Doch die Immobilienpreise an Rhein und Ruhr fallen den niedrigeren Einkommen entsprechend moderater aus. Auch wenn Mieten und Kaufpreise in den vergangenen Jahren kräftig zugelegt haben.

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