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Veröffentlicht: 21.07.2015, 10:05 Uhr

Urbane Sommerhitze Der Klimawandel kommt in die Stadt

Wenn die Temperaturen steigen, werden die Metropolen zu Hitzeinseln. Mehr Grün ist die Lösung. Doch wie verträgt sich das mit dem Ziel, mehr Wohnraum in unseren Städten zu schaffen?

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© dpa Wie schön, wenn man sich abkühlen kann.

So eine Gelegenheit kommt nicht oft: Vor einiger Zeit hat die Stadt Frankfurt einen Fördertopf geöffnet und den Wohnungseigentümern eines Straßenabschnitts im Altbauquartier Bockenheim ein Angebot gemacht. Sie wollte den Asphalt aufreißen und Bäume pflanzen. Eine kleine Allee sollte entstehen. Die tristen Waschbetonkübel, in denen - von Laienhand bepflanzt - Lavendel, Rosen, ein ausgesetzter Weihnachtsbaum und Gestrüpp vor sich hin wachsen, würden Bäumen mit stattlicher Krone weichen. Die Eigentümer sollten sich mit einer winzigen Summe beteiligen. Sie lehnten ab und argumentierten mit dem ohnehin schon knappem Parkraum, dunklen Erdgeschosswohnungen im Sommer und bevormundeten Mietern. Überhaupt waren die Bäume der Mehrheit der Versammelten verdächtig. Erst kommt das Grün, dann die Gentrifizierung, mutmaßten sie. Das Argument des Fachmanns vom Grünflächenamt blieb unerhört. Die Bäume, gab dieser zu bedenken, würden zukünftig das Klima in der Straße an heißen Tagen erträglicher machen. Unnötig, befanden die Eigentümer.

Birgit Ochs Folgen:

Nun klettern die Temperaturen zum zweiten Mal in dieser Saison in der Mittagszeit über die 30-, teils bis über die 40-Grad-Marke, und nicht nur in jener Straße Frankfurts spendet kein Baum nennenswert Schatten. Auch an vielen anderen Orten des Landes flirrt die Hitze über dem Asphalt. Die Luft steht, und Passanten schleichen durch die Straßen. „Halbtote auf den Gehwegen, die wie Streichholzköpfe glühen“, sang die amerikanische Popgruppe Lovin’ Spoonful vor fast 50 Jahren in ihrem zeitlosen Hit „Summer in the City“ über heiße Tage in der Großstadt.

Forscher rechnen damit, dass die Zahl der heißen Tage steigt

„Wir bekommen allmählich eine Ahnung davon, was durch den Klimawandel in den Städten auf uns zukommt“, sagt Monika Steinrücke. Die Geographin von der Ruhruniversität Bochum ist Fachfrau in der Frage, mit welchen Strategien man Städte an das sich wandelnde Klima anpassen kann. In Bochum, erzählt Steinrücke, gibt es seit gut 100 Jahren eine Messstation - an zentraler Stelle, nicht irgendwo draußen auf dem Land wie sonst üblich. Über Jahrzehnte hat man dort im Mittel vier heiße Sommertage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad gemessen. Aktuell sind es zehn. In Zukunft werden es wohl 20 bis 30 Tage sein, sagen Forscher wie sie.

Schon seit Jahrzehnten setzten sich Lokalpolitiker, Planer und Wissenschaftler damit auseinander, dass sich dicht bebaute Flächen während des Sommers weit stärker aufheizen als das Umland und die Städte zu Hitzeinseln werden. Doch nun wird das Problem drängender, denn die Städte durchleben eine rasante Wachstumsphase. Internationale Studien gehen davon aus, dass bis 2030 etwa 30 Prozent der Weltbevölkerung in den Metropolen lebt. Das heißt, dass sich das Häusermeer ausbreitet, Straßen gebaut und Flächen versiegelt werden. Die Speichermasse für Hitze nimmt zu, während vielerorts Grün verschwindet.

Dachbegrünung © dpa Vergrößern Neue Grünflächen erobern: Grüne Dächer haben viele Vorteile.

Das hat schon jetzt dazu geführt, dass des Sommers in vielen Quartieren die Luft nachts nicht mehr abkühlt. Während draußen vor den Toren der Stadt auch an einem sehr heißen Sommertag gegen Mitternacht die Temperatur auf 17 bis 18 Grad sinkt, bleibt sie in den dicht bebauten Innenstädten um die 10 wenn nicht mehr Grad höher. Dieses Problem wird sich verschärfen, wenn die heißen Tage mehr werden, sagen Klimaforscher. „Dann wird nicht nur in Fußgängerzonen, Hochhausvierteln und Stadtquartieren mit Blockrandbebauung die Temperatur nachts nicht mehr sinken, sondern auch in anderen Stadtteilen“, warnt Monika Steinrücke. Die heizen sich bisher langsamer auf, weil dort weniger Gebäude stehen und die Hitzeperioden nach zwei, drei Tagen wieder vorbei sind. Wenn die Hitzewelle aber eine Woche dauert, „wird es kritisch“, sagt sie. Hitze am Tag ist nicht das Problem, aber wenn es auch nachts während der Ruhephase heiß bleibt, fehlt die Erholung - und das kann vor allem für alte und kranke Menschen tödliche Folgen haben.

Bald auch weniger dicht besiedelte Wohnviertel betroffen?

So bekannt wie die Probleme sind auch die Lösungen: mehr Grün, mehr Wasserflächen und bloß nicht die Frischluftschneisen verbauen, um dem Aufheizen der Metropolen entgegenzuwirken und die kühle Luft aus dem Umland wenigstens bis in die Außenbezirke der Stadt zu leiten, raten die Fachleute. Und wo möglich, verbindet man besten bestehende Grünflächen. Das ist einfacher gesagt als getan. Stehen doch die Großstädte angesichts des Zustroms unter Druck, Bauland aufzutreiben, Brachen zu beleben und nachzuverdichten, um Wohnraum zu schaffen. Auf nächtlichen Frischluftschneisen wie alten Gleisfeldern wachsen Wohnklötze in die Höhe. In den Hinterhöfen der Altbauviertel entstehen Mehrfamilienhäuser - in Städten wie Frankfurt, Köln und Hamburg bleibt derzeit kaum eine Lücke frei. Mittlerweile sind selbst Schrebergärten und Grünflächen zwischen Wohnblocks als Bauland ins Visier geraten. Doch wie viel Dichte verträgt das Klima?

Hartmut Welters beschäftigt sich als Architekt und Stadtplaner ständig mit dieser Frage. Er sagt: „Klar, Nachverdichtung um jeden Preis geht nicht.“ Denn jedes zusätzliche Gebäude bedeutet grundsätzlich weitere Flächenversiegelung und Verschattung. Das kann Folgen für die Temperatur und die Windströme vor Ort haben.

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Vor dem Bau in Großstädten müssten eigentlich mögliche klimatische Folgen untersucht werden - vor allem, wenn es um größere Projekte geht. Doch das passiert nach Beobachtung des Stadtplaners noch zu selten. Kaum eine Stadt gehe so weit wie Saarbrücken und analysiere ihre Freiflächen bis hin zur kleinsten Einheit unter klimatischen Gesichtspunkten. Dabei kann herauskommen, dass nicht jede Grünfläche und jede Schrebergartenanlage einen unverzichtbaren Beitrag fürs Stadtklima leistet. „Das ist nicht immer leicht zu vermitteln“, sagt Welters, „denn für das individuelle Wohngefühl ist Grün ein Gewinn.“

Nicht immer zu vermitteln: Es gibt auch verzichtbares Grün

So spitzt sich der Konflikt zu: Auf der einen Seite hält der - auch aus klimapolitischen Gründen, um Verkehr zu reduzieren - gewünschte Zuzug in die Stadt an, auf der anderen kämpfen Bewohner um Freiräume. „Doch Verdichtung und mehr Grün schließt sich gar nicht unbedingt aus“, sagt Friedrich von Borries. Der Berliner Architekt entwickelt Begrünungskonzepte für Kommunen, zum Beispiel auch für Frankfurt. Er fordert, man müsse anfangen, vorhandene Potentiale zu erkennen. Welche Orte besitzen schon Aufenthaltsqualitäten, die in Zukunft noch stärker genutzt und entwickelt werden könnten? Friedhöfe zum Beispiel sind grüne Oasen und heute schon Orte der Kontemplation. Ließe sich das nicht weiterentwickeln? Oder Schulhöfe, die sind einen Großteil des Tages und am Wochenende verwaist, auch Sportflächen werden nur eingeschränkt genutzt. „Ich weiß, da gibt es jede Menge Haken und zum Teil auch berechtigte Einwände, aber wir werden anfangen müssen, uns mit solchen Fragen zu beschäftigen und Dinge vielleicht anders zu machen“, sagt der Planer.

Büro- und Wohnhochhäuser für die EXPO 2015. © Helmut Fricke Vergrößern Bosco Verticale in Mailand: zukunftsweisend oder doch nur ein Imageprojekt?

So, wie viele Städte zum Beispiel die Dächer als grüne Ausgleichsflächen entdeckt haben. Stuttgart ist, gezwungen durch seine Kessellage, schon lange Vorreiter. Das von Starkregen geplagte Hamburg hat sich jüngst ebenfalls ein beeindruckendes Gründachprogramm verordnet. Auch über die Fassaden als grüne Ausgleichsflächen sollte man noch stärker nachdenken, meint Borries. Wären also mehr Gebäude wie zum Beispiel die beiden spektakulären Wohntürme „Bosco Verticale“ eine Lösung, oder die grünen Mauern, wie sie der Franzose Patrick Blanc anlegt? Das von Stefano Boeri entworfene Ensemble in Mailand erhielt im vergangenen Jahr den Internationalen Hochhauspreis. Kritiker schwärmten angesichts des vertikalen Waldes - in Kübeln wachsen an die 20 000 Pflanzen, darunter 800 Bäume, an den Fassaden empor - von zukunftsweisender Architektur. Andere sind da zurückhaltender. Borries und Stadtplaner Welters beurteilen den Bosco Verticale eher als singulären Luxus- und Imagebau. „Ob das gesamtplanerisch der Hit ist, wage ich zu bezweifeln“, sagt Welters. Wenn es um das Stadtklima geht, hält er ohnehin weniger von Einzelprojekten als von Quartiersentwicklung. „Denn davon haben mehr Menschen etwas.“

Einzelprojekte bringen fürs Umfeld wenig

Auch Klimaforscherin Monika Steinrücke schränkt die Begeisterung ein: „Alles, was bei Einzelprojekten an Grün über die vierte Etage hinausgeht, ist nur noch gut für das Haus selbst.“ Immerhin, kann man einwenden. Denn wer unter einem grünen Dach lebt, profitiert in der heißen Zeit des Jahres von dieser natürlichen Klimaanlage. Kritisch bewertet die Forscherin immergrüne Fassadenpflanzen wie Efeu, denn die schirmen mit ihrem Laub auch im Winter die Hauswand gegen die Sonnenstrahlen ab. Dann jedoch ist das Aufheizen der Fassade erwünscht. Das spricht aus Monika Steinrückes Sicht auch gegen eine ganz enge Bebauung nach mediterranem Vorbild: „Die Sommer werden heißer, aber die Winter bleiben bei uns kalt.“

Vom Süden kann man sich dennoch einiges abschauen, wenn es darum geht, notfalls auch ohne Grün mit der Hitze besser fertig zu werden. Helle Fassaden zum Beispiel. Angesichts der Klimaprognosen dürften Trendfarben wie Dunkelrot und Anthrazit ihre beste Zeit schon wieder hinter sich haben. Auch hellere Dachziegel sind sinnvoll. Da die aber nicht unbedingt zur hiesigen Bautradition passen, könnten dunkle, aber glänzende Schindeln eine Lösung sein. „Denn eine glänzende Oberfläche reflektiert besser“, erläutert Monika Steinrücke.

Wer als Bewohner eines Hauses auf all das keinen Einfluss hat, dem bleibt noch, alles zu verdunkeln und Pflanzen aufzustellen, wo immer es geht: draußen auf der Fensterbank, auf dem Balkon und womöglich auch auf dem Gehweg. Auch das hilft ein bisschen. So gesehen, machen sogar kümmerliche Gewächse in Waschbetonkübeln wie in Frankfurt-Bockenheim das Stadtklima vielleicht ein ganz klein wenig erträglicher. Bäume hätten aber mehr gebracht.

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