Mit den Schuhsohlen fing es an. Achim von Arnim zeigt sie jedem, der in seinem Weingut in Südafrika vorbeikommt. Eingerahmt hängen sie an der Wand über dem Kamin. An den Gummisohlen blieben damals Brocken des Lehmbodens hängen, unter dem heute sein Weinkeller „Haute Cabrière“ zu finden ist, erzählt der 67 Jahre alte Winzer. Nur Schutt, Reifen und Autowracks lagen einst an dieser Stelle herum. Aber die Lehmbrocken versprachen optimale Bedingungen für die damals noch kaum in Südafrika angepflanzte Pinot-Noir-Traube. So begann die Geschichte eines der bekanntesten Weingüter nahe Kapstadt.
Seither haben unzählige Winzer versucht, sich den Traum vom eigenen Rebensaft unter Südafrikas Sonne zu verwirklichen. Die internationalen Wirtschaftsnöte aber gehen auch an einer der schönsten Ecken der Welt nicht unbemerkt vorbei. Etliche der einst mit großen Hoffnungen gestarteten Farmen sind heute wieder auf dem Markt. Fachleute sprechen davon, dass sich die Immobilienpreise nach einer Überhitzung wieder realistischeren Niveaus annäherten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Farmen zu Schnäppchenpreisen zu haben sind.
Vom Weingut zum Luxushotel
Wer auf dem Markt für südafrikanische Weingüter Fuß fassen will, muss mit den Reichen aus aller Welt konkurrieren. In den „Winelands“ tummeln sich ergraute italienische Industrielle, Schweizer Kunstsammler und amerikanische Immobilienmogule ganz in der Nähe der Rothschilds und ihrem südafrikanischen Pendant, den Ruperts. Großbritanniens Juwelier Laurence Graff, auch „King of Bling“ genannt, kam vor kurzem dazu. Er investierte umgerechnet 30 Millionen Euro, um ein in die Jahre gekommenes Weingut in ein Luxushotel zu verwandeln. Der Chef des größten Medienkonzerns in Afrika, Koos Becker, pflanzt mit seiner Gattin in einem spektakulären, 200 Hektar großen Garten neben Wein auch Bio-Obst und Gemüse. Allein die aus Pfirsichkernen angelegten Wege dürften ein Vermögen gekostet haben - wie auch das eigens aus Europa importierte viktorianische Gewächshaus.
Die meisten Besitzer halten an ihren Farmen jahrzehntelang fest, vererben sie von Generation zu Generation. Manchmal aber kommt selbst in das kleine Marktsegment der historisch bedeutsamen Güter Bewegung. So sicherten sich Mitte 2011 zwei Investmentbanker aus Tschechien und Großbritannien Klein Constantia, wo schon seit 1689 Wein hergestellt wird. In der Branche wird über einen Preis von 200 Millionen Rand (20 Millionen Euro) spekuliert. Ungefähr in dieser Preislage wechselte auch das geschichtsträchtige Lanzerac-Anwesen in den Besitz eines ausländischen Käufers. Christo Wiese, Gründer eines südafrikanischen Handelsimperiums, hatte sich davon getrennt, weil er den Anteil der Landwirtschaft in seinem Investmentportfolio verringern wollte. Wiese besitzt noch weitere Weingüter in der Gegend.
Traum von einem unterirdischen Weinkeller
Das Wirtschaftsmagazin „Financial Mail“ erwartet, dass womöglich auch Constantia Uitsig, zu dem heute Restaurants, ein Hotel und ein Spa gehören, demnächst auf den Markt kommt, weil die Eigentümer mit der Rendite nicht zufrieden seien. Um den Verkauf von Boschendal, ebenfalls eines der ältesten Weingüter, wird schon seit längerem gerungen.
Verglichen damit ging es Ende der achtziger Jahre, als von Arnim - ein Nachfahre des gleichnamigen deutschen Dichters - durch den Lehm stiefelte, noch recht gemächlich zu. Nur wenige ahnten, dass südafrikanische Weine einmal in jedem deutschen Supermarkt zu finden sein würden - und die dortigen Weingüter so begehrt wie Villen am Mittelmeer. „Als ich diese Grube am Rande von Franschhoek entdeckte, sah ich die Möglichkeit, mir endlich meinen Traum von einem unterirdischen Weinkeller zu verwirklichen“, erzählt er in der Probierstube von „Haute Cabrière“ bei einem - wie kann es anders sein - Glas Pinot Noir. Nach viel Überzeugungsarbeit überließ ihm die Stadtverwaltung von Franschhoek das Stück Land für einen günstigen Preis, allerdings unter strikten Auflagen.
Der Kellerbau, ein nach seinen Worten bis dahin einmaliges Projekt dieser Art in Südafrika, kostete nach heutigen Kursen mehrere Millionen Euro. Von Arnim, der zu dem Zeitpunkt schon im Dorf den Sekt „Pierre Jourdan“ nach dem Champagnerverfahren kelterte, musste Kapitalgeber finden, die heute noch die Mehrheit an seinem Unternehmen halten. „Wir haben 30 Jahre lang extrem hart gearbeitet“, bilanziert er, „aber auf die ganz große Rendite warten wir immer noch.“
Sogar Napoleon schmeckte es
Die Weingebiete gehören für Kapstadt-Touristen zum Pflichtprogramm: eine dramatisch zerklüftete Bergkulisse, wie mit dem Lineal gezogene Rebstockreihen, dazwischen weiße Farmhäuser im kapholländischen Stil. Kein Wunder, dass so mancher Besucher mit dem Ziel nach Hause fährt, irgendwann zurückzukehren und sich selbst als Winzer zu versuchen.
Tatsächlich haben immer schon die Europäer in Sachen Wein den Ton am Kap angegeben. Franschhoek etwa wurde von den Hugenotten im späten 17. Jahrhundert gegründet. Die Franzosen aber waren nicht die ersten, die entgegen einer landläufigen Meinung dort Wein anbauten, sondern die eher für ihr Bier bekannten Holländer, die 1652 an der Südspitze Afrikas landeten. Ein Gouverneur namens Simon van der Stel schaffte die ersten Weinstöcke an, verhängte Strafen für das Pflücken unreifer Trauben und pflanzte Eichen zur Herstellung von Weinfässern an.
Die Bäume prägen heute noch das Straßenbild des nach ihm benannten Stellenbosch. Dieser Pionier war es auch, der auf Klein Constantia den „Vin de Constance“ herstellte, der sogar Napoleon schmeckte. Angeblich soll der französische Staatsmann noch auf dem Totenbett nach nichts anderem verlangt haben als nach dem Wein aus Constantia.
Seither erlebte die Branche viele Auf- und Abschwünge. „Vor ein paar Jahren noch war die Nachfrage so hoch, dass viele ein Weingut zum Zweieinhalbfachen des Kaufpreises wieder verkaufen konnten“, erzählt von Arnim. Heute überlegten einige seiner Kollegen auszusteigen oder die Farmen zu verkleinern. Der internationale Markt ist überschwemmt mit Wein aus der sogenannten Neuen Welt. Gleichzeitig steigen die Produktionskosten.
„Mit Wein allein wird man nicht reich“
Ähnlich beschreiben Immobilienmakler die Lage. „Vor allem diejenigen, die dachten, es sei ein einfaches Geschäft, ziehen jetzt die Konsequenzen“, sagt Peter Messing von Prime Invest in Somerset West. Die auf Landwirtschaft spezialisierte Maklergesellschaft habe zurzeit rund 100 Weinfarmen im Angebot. Die Preise starteten bei umgerechnet 700 000 bis 1 Million Euro für ein etwa 25 Hektar großes Anwesen und erreichten in der Spitze 3,5 bis 5 Millionen Euro für 50 bis 200 Hektar.
Nach seiner Einschätzung sind die Preise für Weingüter in den vergangenen eineinhalb Jahren um rund 35 Prozent gesunken. Bestand die Klientel vor einigen Jahren noch zu 80 Prozent aus ausländischen und zu 20 Prozent aus einheimischen Investoren, so habe sich das Verhältnis mittlerweile umgekehrt. An die Stelle der Europäer rückten immer mehr reiche Südafrikaner aus Johannesburg oder Durban. Um einen Agrarbetrieb geht es vielen von ihnen freilich nicht. „Die Investition in eine Weinfarm ist vor allem eine Investition in einen Lebensstil“, sagt Messing.
Das kann der Gründer von „Haute Cabrière“ bestätigen: „Mit Wein allein wird man nicht reich. Es ist ein hochprofessionelles Geschäft, das viel Erfahrung, Können und betriebswirtschaftliches Gespür erfordert.“ Und Originalität möchte man hinzufügen. Von Arnim zum Beispiel ist weit über die Grenzen Franschhoeks hinaus dafür bekannt, dass er Champagnerflaschen mit einem Säbel-Streich zu köpfen versteht. Das Kunststück zieht Busladungen von Touristen in sein Gut. Als er den ungewöhnlichen Flaschenöffner beim Rundgang durch den Keller präsentiert, will er sich auch nicht mehr über Absatzwege, Währungsschwankungen und den Immobilienmarkt unterhalten: „Ich will niemanden entmutigen. Es ist ein wunderbarer, sehr kreativer Lebensstil.“
