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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Weinbergkäufer in Frankreich Liebe auf den ersten Schluck

 ·  Als Winzer in Frankreich - diesen Traum erfüllen sich viele Ausländer. Derzeit zieht es die Weinbergkäufer verstärkt ins Roussillon.

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© Christian Schubert Längst kein Geheimtipp mehr: Das kleine Calce bei Perpignan hat sich in jüngerer Zeit als Weinort einen Namen gemacht

Wie kommt man im Weinbau zu einem kleinen Vermögen? Indem man vorher ein großes Vermögen einbringt. Der Winzer Thomas Teibert, den es ins französische Roussillon nahe der spanischen Grenze verschlagen hat, zitiert gerne dieses etwas bittere Bonmot. Er spricht zwar nicht vollständig aus Erfahrung, denn ein großes Vermögen hat er nie gehabt, doch Teibert erlebt täglich am eigenen Leibe, wie schwer ein Winzer schon an ein kleines Vermögen kommt.

Dennoch kann sich der 38 Jahre alte Schwabe ein Leben außerhalb der Weinwelt nicht vorstellen. Schon mit dreizehn las er Weinrevuen. Heute lebt er in dem mittelalterlich anmutenden Dorf Calce im französischen Teil des historischen Kataloniens. Zwischen Weinreben und Olivenbäumen, Rosmarin-, Thymian- und Fenchelsträuchern schlängelt sich eine schmale Teerstraße zu der 220-Seelen-Gemeinde herauf, von der aus man das Mittelmeer und die Pyrenäen-Ausläufer überblickt.

Das Dorf ist unter Weinkennern kein richtiger Geheimtipp mehr, so viel Interesse haben die dort ansässigen fünf Winzer geweckt. Alle bauen nach biologischen Kriterien an und sind europaweit als Produzenten bekannt. Teiberts Flaschen kosten im Fachhandel zwischen 19 und 34 Euro, in Restaurants oft ein Vielfaches.

Frankreich als „Nonplusultra“ der Weinwelt

Wein ist bekanntlich mehr als ein Traubensaft. Wen einmal die Gaumenfreude und das Drumherum gepackt hat, kommt oft nicht mehr davon los. Etliche Liebhaber wollen aus der Leidenschaft sogar ihren Lebensinhalt machen. Aus den eigenen Reben den eigenen Tropfen erzeugen und verkaufen, dabei ein naturnahes Leben fernab von verstopften Städten, E-Mails, SMS und Termindruck führen - das ist für viele ein lang gehegter Traum, zumal wenn man dabei unter südeuropäischer Sonne in einem schönen Château oder renovierten Bauernhaus wohnen darf.

Die Motivation der Einsteiger ist unterschiedlich: Sie reicht vom Aussteiger auf der Suche nach einem anderen Leben bis zum Profi aus dem Ausland, der das Weinland Frankreich erobern will. Denn Frankreich gilt weiterhin als das „Nonplusultra“ der Weinwelt mit den meisten Weinbaubetrieben der Erde, der höchsten Produktion sowie dem höchsten Weinkonsum. Französische Weine gehören auch zu den teuersten Tropfen der Welt.

So glauben viele: Wer es in Frankreich schafft, der schafft es überall. Der Schwabe Teibert gehört zu diesen Überzeugungstätern; vom Einsteiger wurde er rasch zum Aufsteiger. Mit fünfzehn beeindruckte Teibert den örtlichen Weinhändler in Ulm mit seinem Fachwissen derart, dass der ihn dort jobben ließ. Es folgten die Ausbildung in namhaften Anwesen sowie der Sprung in die Selbständigkeit, die ihm vor zwei Jahren die Auszeichnung „Entdeckung des Jahres“ durch die renommierte Fachzeitschrift „Revue du vin de France“ (RVF) einbrachte. Der amerikanische Papst unter den Weinkennern, Robert Parker, gab ihm schon im ersten Jahr 93 von 100 Punkten.

Teiberts hoffnungsfrohe Botschaft für alle Laien: „Jeder kann es in unserer Branche zu etwas bringen, allerdings muss man enorm viel Leidenschaft, Energie und Zeit mitbringen. Niemand kommt schnell zum Erfolg. Der Kampf am Markt um die Kunden ist zerfleischend.“ Was Quereinsteiger erreichen können, ist im 40 Kilometer entfernten Örtchen Fitou zu besichtigen. Nikolaus Bantlin führte in Reutlingen eine Lederfabrik aus Familienbesitz in vierter Generation, seine Frau Carolin war Architektin in Stuttgart. „Der Traum vom Leben im Süden gärte in uns“, erinnert sich der 48 Jahre alte Bantlin. Vor zwölf Jahren lernten sie in Fitou eine Frau kennen, die eine „Bergerie“, einen Schafstall, anzubieten hatte - „avec de la terre“, mit etwas Land.

„Ich war der klassische deutsche Biertrinker“

Es stellte sich heraus, dass es sich nicht nur um ein Gebäude wie aus „ Dornröschen“ handelte, sondern auch um 7,5 Hektar altes Weinland, das auch noch Meeresblick bot. Die Eltern eines ein- und eines dreijährigen Sohnes dachten sich: „Entweder machen wir es jetzt oder in der Rente. Und wer weiß, ob wir in der Rente noch die Kraft haben.“ Wohl nicht, denn die beiden mussten sich an die Herkules-Aufgabe machen, alleine den Weinberg auf Vordermann zu bringen und auch noch zwei Häuser im Ort zu renovieren, von denen sie eines dann gewinnbringend verkauften. Im anderen Haus wohnen sie heute und keltern dort ihren Wein.

Ihr neues Leben begannen die Bantlins als blutige Anfänger. „Ich war der klassische deutsche Biertrinker“, erinnert sich Nikolaus. Carolin ging erst mal auf die Landwirtschaftsschule und machte eine halbjährige Lehre auf einem nahe gelegenen Weingut. Er kümmerte sich derweil um die Renovierung der Häuser und lernte Traktor fahren. Zuerst lieferten sie ihre Trauben an die örtliche Genossenschaft.

Doch ein befreundeter Winzer ermutigte die Bantlins, ihren eigenen Tropfen herzustellen - nach biologischen Kriterien. Die ersten Jahre waren hart. „Ich weiß noch, wie ich mal unserem Sohn am Strand erklären musste, dass eine Pizza für acht Euro zu teuer für uns war“, erinnert sich Nikolaus Bantlin. 2009, sechs Jahre nach dem Start, hatten sie erstmals das Gefühl, über den Berg zu sein. Heute produzieren sie im Jahr 20000 Flaschen Rot- und Weißwein und Rosé.

„Domaine des enfants sauvages“ heißt das Weingut der Bantlins – nach einem Lied der Doors. Hippies sind die Bantlins allerdings nicht, freilich auch nicht knallhart kalkulierende Geschäftsleute. Ihre Flaschen sind im französischen Fachhandel für rund 12 Euro bis 18 Euro zu haben. In der untersten Preisklasse bekommen sie davon nur etwa 7 Euro.

Hektarpreis auf 15.000 Euro gestiegen

Ihr Freund Teibert kann gar nicht von seinem Weinberg leben – und strebt das im Moment auch gar nicht an. Der Schwabe vertreibt hauptberuflich Weinfässer und berät Weingüter. Als Anteilseigner hat sich Teibert mit dem Ehepaar Christ zusammengeschlossen, die bei Hannover eine Weinhandlung führen. „In ein paar Jahren wollen wir in den schwarzen Zahlen sein“, sagt Joachim Christ. Ihre „Domaine de lhorizon“ macht noch zu wenig Wein, um profitabel zu sein, vor allem wegen der begrenzten Fläche von nur rund 14 Hektar. Sie haben einen Keller zur Kelterung gemietet, der lediglich für eine Ernte reicht.

Ein neues Gebäude zu bauen ist in Calce jedoch äußerst schwierig, weil die Vorschriften streng sind und die Banken bei der Finanzierung äußerst knauserig. Neubauten dürfen nur kleine Wohnflächen enthalten – „Hausmeister-Wohnungen“, wie Christ sagt –, denn die Franzosen wollen nicht, dass Investoren alte Weinberge nur kaufen, um sich dort eine große Villa hinzustellen. Zu warten, bis eines der bestehenden Gebäude frei wird, kann indes lange dauern. Ist es so weit, stehen die Interessenten Schlange.

Teibert, die Christs sowie die Bantlins dürfen sich dafür über eine schöne Preissteigerung für ihre Böden freuen. Je nach Lage und auch Qualität ist der Hektarpreis in der Region, bei allen Abweichungen, in den vergangenen sieben Jahren von rund 10.000 auf 15.000 Euro gestiegen. Neue Flächen sind aber kaum zu haben. In Calce etwa ist die Bodenmischung aus Schiefer, Kalk, Mergel und Eisen für den Weinbau so interessant, dass keiner etwas abgeben will.

Feine, elegante Weine, die ihre Säure behalten, leicht sind und vergleichsweise wenig Alkohol aufweisen, lassen sich aus den Trauben pressen. Solche Tropfen erzielen heutzutage höhere Preise als früher die schweren, alkoholreichen Weine der Region Roussillon. Somit werden neue Investoren angezogen.

Doch ohne Kapital läuft gar nichts. Die Winzer, ob aus dem Aus- oder dem Inland, schimpfen in diesem Punkt unisono über die Banken. „Wie man hier behandelt wird – da fühlt man sich so, als wird man gleich an den Pranger gestellt“, wettert Nikolaus Bantlin. Er und seine Frau starteten damals mit 90.000 DM Eigenkapital und nahmen später einen Kredit von 150.000 Euro auf. Doch das reichte nicht, um den Betrieb hochzuziehen. „200.000 Euro sind zu wenig“, urteilt Carolin Bantlin. „Rund 300.000 Euro sind schon nötig, um so etwas aus dem Boden zu stampfen. Und auch die sind schnell weg“, sagt die Winzerin.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Paris.

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