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Weinbergkäufer in Frankreich Liebe auf den ersten Schluck

 ·  Als Winzer in Frankreich - diesen Traum erfüllen sich viele Ausländer. Derzeit zieht es die Weinbergkäufer verstärkt ins Roussillon.

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© Christian Schubert Vergrößern Längst kein Geheimtipp mehr: Das kleine Calce bei Perpignan hat sich in jüngerer Zeit als Weinort einen Namen gemacht

Wie kommt man im Weinbau zu einem kleinen Vermögen? Indem man vorher ein großes Vermögen einbringt. Der Winzer Thomas Teibert, den es ins französische Roussillon nahe der spanischen Grenze verschlagen hat, zitiert gerne dieses etwas bittere Bonmot. Er spricht zwar nicht vollständig aus Erfahrung, denn ein großes Vermögen hat er nie gehabt, doch Teibert erlebt täglich am eigenen Leibe, wie schwer ein Winzer schon an ein kleines Vermögen kommt.

Dennoch kann sich der 38 Jahre alte Schwabe ein Leben außerhalb der Weinwelt nicht vorstellen. Schon mit dreizehn las er Weinrevuen. Heute lebt er in dem mittelalterlich anmutenden Dorf Calce im französischen Teil des historischen Kataloniens. Zwischen Weinreben und Olivenbäumen, Rosmarin-, Thymian- und Fenchelsträuchern schlängelt sich eine schmale Teerstraße zu der 220-Seelen-Gemeinde herauf, von der aus man das Mittelmeer und die Pyrenäen-Ausläufer überblickt.

Das Dorf ist unter Weinkennern kein richtiger Geheimtipp mehr, so viel Interesse haben die dort ansässigen fünf Winzer geweckt. Alle bauen nach biologischen Kriterien an und sind europaweit als Produzenten bekannt. Teiberts Flaschen kosten im Fachhandel zwischen 19 und 34 Euro, in Restaurants oft ein Vielfaches.

Frankreich als „Nonplusultra“ der Weinwelt

Wein ist bekanntlich mehr als ein Traubensaft. Wen einmal die Gaumenfreude und das Drumherum gepackt hat, kommt oft nicht mehr davon los. Etliche Liebhaber wollen aus der Leidenschaft sogar ihren Lebensinhalt machen. Aus den eigenen Reben den eigenen Tropfen erzeugen und verkaufen, dabei ein naturnahes Leben fernab von verstopften Städten, E-Mails, SMS und Termindruck führen - das ist für viele ein lang gehegter Traum, zumal wenn man dabei unter südeuropäischer Sonne in einem schönen Château oder renovierten Bauernhaus wohnen darf.

Die Motivation der Einsteiger ist unterschiedlich: Sie reicht vom Aussteiger auf der Suche nach einem anderen Leben bis zum Profi aus dem Ausland, der das Weinland Frankreich erobern will. Denn Frankreich gilt weiterhin als das „Nonplusultra“ der Weinwelt mit den meisten Weinbaubetrieben der Erde, der höchsten Produktion sowie dem höchsten Weinkonsum. Französische Weine gehören auch zu den teuersten Tropfen der Welt.

So glauben viele: Wer es in Frankreich schafft, der schafft es überall. Der Schwabe Teibert gehört zu diesen Überzeugungstätern; vom Einsteiger wurde er rasch zum Aufsteiger. Mit fünfzehn beeindruckte Teibert den örtlichen Weinhändler in Ulm mit seinem Fachwissen derart, dass der ihn dort jobben ließ. Es folgten die Ausbildung in namhaften Anwesen sowie der Sprung in die Selbständigkeit, die ihm vor zwei Jahren die Auszeichnung „Entdeckung des Jahres“ durch die renommierte Fachzeitschrift „Revue du vin de France“ (RVF) einbrachte. Der amerikanische Papst unter den Weinkennern, Robert Parker, gab ihm schon im ersten Jahr 93 von 100 Punkten.

Teiberts hoffnungsfrohe Botschaft für alle Laien: „Jeder kann es in unserer Branche zu etwas bringen, allerdings muss man enorm viel Leidenschaft, Energie und Zeit mitbringen. Niemand kommt schnell zum Erfolg. Der Kampf am Markt um die Kunden ist zerfleischend.“ Was Quereinsteiger erreichen können, ist im 40 Kilometer entfernten Örtchen Fitou zu besichtigen. Nikolaus Bantlin führte in Reutlingen eine Lederfabrik aus Familienbesitz in vierter Generation, seine Frau Carolin war Architektin in Stuttgart. „Der Traum vom Leben im Süden gärte in uns“, erinnert sich der 48 Jahre alte Bantlin. Vor zwölf Jahren lernten sie in Fitou eine Frau kennen, die eine „Bergerie“, einen Schafstall, anzubieten hatte - „avec de la terre“, mit etwas Land.

„Ich war der klassische deutsche Biertrinker“

Es stellte sich heraus, dass es sich nicht nur um ein Gebäude wie aus „ Dornröschen“ handelte, sondern auch um 7,5 Hektar altes Weinland, das auch noch Meeresblick bot. Die Eltern eines ein- und eines dreijährigen Sohnes dachten sich: „Entweder machen wir es jetzt oder in der Rente. Und wer weiß, ob wir in der Rente noch die Kraft haben.“ Wohl nicht, denn die beiden mussten sich an die Herkules-Aufgabe machen, alleine den Weinberg auf Vordermann zu bringen und auch noch zwei Häuser im Ort zu renovieren, von denen sie eines dann gewinnbringend verkauften. Im anderen Haus wohnen sie heute und keltern dort ihren Wein.

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