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Vertikale Gärten Im Dschungel des Paradiesvogels

 ·  Patrick Blanc ist Botaniker, trägt grünes Haar und gilt als Pionier des vertikalen Gartens. Kein Wunder, dass in seinem Loft bei Paris die Wände leben.

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© Röth, Frank Ein Hausbesuch

„J’arrive, ich komme“, tönt es aus der schäbigen Gegensprechanlage. Kurz darauf öffnet sich knarrend das große Holztor. Dahinter erscheint Patrick Blanc und sieht genauso aus, wie man ihn von Fotos kennt: die Haare grün gefärbt, die Fingernägel auffallend lang, in beige farbenen Hosen und seidigem Dschungelhemd. Nur die grünen Schuhe fehlen. Stattdessen trägt Monsieur Flipflops.

Das Handy am Ohr, winkt er die Gäste hinein und lässt die Februarkälte draußen. Eben noch vor einem biederen Einfamilienhaus, das sich nahtlos in die Reihe kleiner Häuser der ruhigen Wohnstraße im Pariser Vorort Ivry-sur-Seine fügt, geht es durch einen kurzen, fensterlosen Gang und eine feuerfeste Tür in eine andere Welt.

Dort angekommen, verfliegt der Zweifel, der noch kurz zuvor draußen auf der Straße die Frage aufkommen ließ, wie denn um alles in der Welt dieses langweilige Haus mit den heruntergelassenen Rollläden zu einem Mann passen soll, der als renommierter Pflanzenkundler mit Professorentitel, Pionier der grünen Wände und Fassaden, Gartenkünstler und exzentrischer Paradiesvogel bekannt ist. Doch das Vorderhaus erweist sich als Tarnung, hinter der sich ein riesiges Loft verbirgt: mit begrüntem Patio, lebenden Wänden, in denen Geckos und Vögel wohnen, und einer riesigen Wasserfläche, über der Blancs Schreibtisch zu schweben scheint.

Oase in der Vorstadt

Vor gut dreieinhalb Jahren sind der Botaniker und sein Lebensgefährte Pascal Heni in das verlassene zweigeschossige Fabrikgebäude eingezogen, das vermutlich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs entstand. Mitte der neunziger Jahre hatte ein Architekt die Fabrikhalle sanieren und in ein Loft verwandeln lassen.

Dessen Herz ist die große Halle im Erdgeschoss. Hierhin gelangt man über einen schmalen Flur oder den Patio. „Den müssen Sie sehen“, ruft Blanc - und dann stehen wir in einer kleinen, allen Blicken entzogenen Oase. Eine Wand des Innenhofs ist komplett begrünt: mit wuchernden Farnen, Gräsern, Irispflanzen und hier und da einer prächtigen Fastia polycarpa. Die ist eigentlich in Taiwan zu Hause, doch ihre sattgrünen Blätter machen auch an einem kalten Wintertag im Süden von Paris einen guten Eindruck. „Das ist das Spannende“, sagt der Botaniker und zückt die Kamera, um die Entwicklung zu dokumentieren. „Im Frühling und Sommer bekommt man das immer hin, aber die Frage ist: Wie sieht es im Winter aus?“

Mehr als 250 Projekte hat der 59 Jahre alte Franzose realisiert. Museen sind darunter, Hotels, Kaufhäuser, Bürotürme, Eigenheime. Kleine und große Anlagen. Für jede entwirft Blanc ein eigenes Arrangement, das er stets mit Bleistift skizziert. Mehr als 100 Pflanzenarten wachsen an seinen grünen Mauern.

Vertikale Gärten liegen im Trend

Seit etwa fünf Jahren sind die „vertikalen Gärten“ ein Trendthema - in aller Welt. Blanc hat mittlerweile viele Nachahmer inspiriert. Er selbst entwickelt Konzepte für Bauten im heißen Bahrein wie im kalten Kiew. Wer auf einem Streifzug durch Paris grüne Häuserwände in der Rue d’Alsace nahe der Gare de l’Est oder am Kaufhaus BHV passiert oder über das eingewachsene Musée du quai Branly staunt, kann sich sicher sein: Hier hatte Blanc seine Finger im Spiel.

In Deutschland sorgte im vergangenen Jahr eine grüne Wand für Aufsehen, die er für das Berliner Kaufhaus Dussmann entwarf. Sein bisher größtes Projekt könnte eine etwa 500 Meter lange und drei Meter hohe Lärmschutzwand werden, die er mit mehr als 45 000 Pflanzen für den Frankfurter Palmengarten geplant hat. Zurzeit wird das Vorhaben in einer Machbarkeitsstudie geprüft.

Weil die Winter in Deutschland kalt sind, empfiehlt der Botaniker robuste Pflanzen wie Zwergkoniferen, Gräser, Moos, aber auch Staudengewächse. „An normalen Außenwänden gilt: für jede Region heimische Pflanzen, alles andere ist Unsinn.“ Blanc - da sollte man sich von seiner Selbstinszenierung nicht täuschen lassen - ist zuerst Naturwissenschaftler, der nach wie vor einen großen Teil seiner Zeit der Forschung widmet, und für Mätzchen nicht zu haben.

An der Rückwand liegt der Dschungel

Für Experimente dagegen sehr wohl. Und wohin diese führen können, zeigt sich, wenn man den Patio verlässt und in die Halle tritt. An deren Rückwand liegt der Dschungel. Dort hat Blanc sich seine eigene 100 Quadratmeter große Pflanzenmauer, mur végetál, angelegt. Es ist in wahrsten Sinn ein floraler Teppich, der allein durch seine schiere Größe, aber auch seine Üppigkeit verblüfft. Ein Gecko kriecht über den Ficus villosa, dessen Blätter eine Straße formen, und verschwindet hinter einer Begonia blancii. Diese Begonienart hat Blanc entdeckt, daher trägt sie seinen Namen.

Um die Pflanzenwand näher zu betrachten, muss man zunächst einen Vorhang passieren, gewebt von den Ranken einer Weinpflanze, die oben auf der Galerie steht. Danach folgt der Gang übers Wasser: Auf 42 Quadratmeter Fläche, 70 Zentimeter hoch, hat der Hausherr ein Aquarium anlegen lassen, das 20 000 Liter fasst und von mehr als 2000 Fischen und einer Schildkröte bevölkert wird - und das auch die Pflanzen in der Wand über ein Pumpsystem mit Wasser versorgt. Dank der gläsernen Abdeckung ist es begehbar.

„Mit diesem System habe ich schon als Junge experimentiert, als ich ein kleines Aquarium besaß“, erzählt Blanc. Das war in den sechziger Jahren. Damals hatte er in einer Aquaristikzeitschrift über die wasserreinigenden Eigenschaften von Pflanzen gelesen. Er habe sich Philodendron aus dem Wohnzimmer gemopst und die Pflanzen mit nackten Wurzeln ins Aquarium gehängt. „Das funktionierte prächtig, der Philodendron wuchs - und das Wasser war sauber.“

Das Thema ließ ihn nicht mehr los. Als Schüler begann er zu forschen, welchen Untergrund Pflanzen brauchen. Später als Biologe beschäftigte ihn während eines Forschungsaufenthaltes in Thailand das Phänomen, dass viele Pflanzen an den unwirtlichsten Stellen wachsen, auf Felsen und Riffen - und sich dabei bestens entwickeln. Über die Jahre testete Blanc Mineralwolle, Steinwolle, Torf, Torfmoos, Kokosfasern und sogar Putzlappen auf ihre Eigenschaft als Untergrund. Die einen waren nicht haltbar genug, die anderen hielten die Wurzeln nicht. Wieder andere speicherten die Feuchtigkeit ungenügend, andere sogen sich zu voll. Der Putzlappen fing an zu stinken. Mit 24 Jahren hatte er dann die Lösung: ein Filz aus Polyamid, hergestellt aus alten Kleidern. „Es gibt den Vorwurf, dass das Material nicht organisch sei, aber es ist perfekt und extrem haltbar.“

Auf diesem Filz wachsen die Pflanzen. Der Kunststoff wird auf ein Gerüst gespannt. Blanc markiert die Stellen mit Kreide, an denen Farn, Gräser und anderes Gewächs sitzen sollen. Damit die Wurzeln Halt finden, werden in das Vlies Taschen getackert. Ein Schlauch auf dem Gestell versorgt sie mit Wasser aus dem Aquarium, per Zeitschaltuhr. „Alles unglaublich einfach“, sagt Patrick Blanc - für ihn ist es das wohl auch. Fast scheint es, als könne man die Pflanzen und das Aquarium getrost sich selbst überlassen. Ganz ohne Zuwendung kommt aber weder die Tier- noch die Pflanzenwelt aus. Doch für einen leidenschaftlichen Biologen wie Blanc ist die nötige Pflege vermutlich keine Arbeit.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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