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Urbaner Lärm : Die Stadt als Partyzone

  • -Aktualisiert am

Da kann der Pantomime sich noch so abzappeln, dem Lärmpegel ist so nicht beizukommen. Bild: Jens Gyarmaty

Unter freiem Himmel schmeckt das Bier noch mal so gut. Doch was für die einen urban und hip ist, ist für die Anwohner die Lärmhölle.

          Für einen Waschmaschinentransport ist es in Berlin nie zu spät. Lässig schiebt der junge Mann im Muskel-Shirt sein Gerät auf einem Skateboard durch den Stuhlparcours, den die Gastronomen auf dem Gehweg aufgebaut haben. Ein Junggesellinnenabschied blockiert den Weg, weil die Braut mit pinker Plastik-Tiara dringend kleine Schnapsflaschen an eine Gruppe junger Hip-Hopper verkaufen möchte. Die Jungs lassen Musik über einen Handy-Lautsprecher laufen, das Skateboard klappert, und im Hintergrund rauscht das Gemurmel der sich unterhaltenden Kneipenbesucher.

          Es ist kurz vor Mitternacht im Simon-Dach-Kiez in Berlin-Friedrichshain. Eigentlich müsste hier seit zwei Stunden Nachtruhe herrschen. Doch dass sich darum niemand schert, ist Berlins Erfolgsrezept. Die Touristenzahlen steigen seit Jahren; 30 Millionen Übernachtungen zählte die Stadt im vergangenen Jahr. Dass die Party am Abend zum Besuch dazugehört, dafür wirbt sogar der offizielle Slogan des Stadtmarketings „365/24 Berlin“. Doch gefeiert wird nicht nur in Clubs und Bars. In den Sommermonaten weitet sich die Partyzone auf Straßen, Parks und Stadtplätze aus. Nur für die Anwohner ist das kein Spaß.

          „Motor dieser Entwicklung war die Fußball-Weltmeisterschaft 2006“, erzählt Peter Beckers. Der SPD-Politiker ist als Stadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg für Wirtschaft und damit auch für die Gastronomie- und Feier-Angebote in seinem Bezirk zuständig. Seitdem beobachtet er, was Fachleute als „Mediterranisierung der Innenstädte“ bezeichnen: den Trend zum gemeinsamen Draußensitzen. Während früher Pizza und Wein unter freiem Himmel nach Rom oder Athen gehörten, genießt man mittlerweile auch in Berlin, auf dem Friedberger Platz in Frankfurt, dem Brüsseler Platz in Köln und vielen anderen Städten sein Bier auf der Straße. Dabei entwickeln sich in jeder Stadt Treffpunkte, die sich auch unter Touristen herumsprechen.

          Dialog zwischen Nachbarn und Gewerbetreibenden soll in Friedrichshain helfen

          Als Wirtschaftsstadtrat freut sich Beckers über diese Entwicklung, von der Restaurants, Kneipen und Hotels und mit ihnen die ganze Stadt profitiert. Über 240.000 Arbeitsplätze hängen in Berlin am Tourismus. Doch als Lokalpolitiker muss er auch an die Nachbarn denken, die nachts vor lauter Partylärm nicht schlafen können und deren Arbeitsweg morgens durch Glasscherben und Uringeruch verläuft. Die Suche nach einem Kompromiss für diese Gegensätze führt zu ungewöhnlichen Lösungen.

          Im vergangenen Jahr hat der Bezirk etwa statt strenger Mitarbeiter des Ordnungsamts Pantomimen auf die Straße geschickt. Diese gingen auf zu laute Gruppen zu und forderten sie spielerisch zu mehr Ruhe auf. „Das hat gut funktioniert“, erzählt Beckers. Nur auf Dauer gebracht hat es nichts.

          Da unter den Angesprochenen viele Touristen waren, musste jede Woche neu für Verständnis für das Schlafbedürfnis der Anwohner geworben werden. Doch für einen regelmäßigen Einsatz der Pantomimen fehlt das Geld. Daher soll in Friedrichshain in diesem Jahr ein Dialog zwischen Nachbarn und Gewerbetreibenden helfen. Dieser soll in eine Vereinbarung münden, die es zur Wahrung des Berliner Rufs mit der Nachtruhe etwas lockerer sieht als das geltende Immissionsschutzgesetz, den Anwohnern aber dennoch mehr Ruhe verschafft. In anderen Kiezen habe sich die Lage gebessert, seitdem Restaurants und Bars unter der Woche um 23, am Wochenende um 24 Uhr ihre Außenbereiche räumten, meint Beckers. Seine Taktik: „Wir setzen auf zivilgesellschaftliches Engagement statt auf Strafen.“

          Genau damit kann Ursula Mahnke aus dem benachbarten Kreuzberg wenig anfangen. Was in Friedrichshain gerade ausprobiert wird, hat sie jahrelang mitgemacht. Geholfen hätten alle runden Tische, schön gestalteten Info-Flyer und Pantomimen aber wenig, sagt sie. „Wenn ich nachts nicht schlafen kann, ist das eine schwere psychische Belastung.“ Seit 40 Jahren wohnt Mahnke an der Schlesischen Straße. Als sie herzog, verlief vor ihrer Haustür noch die Mauer und kein Touristenstrom. „Am Anfang war ich stolz, dass die Leute in meinen Kiez kamen“, erzählt sie. Doch Lärm, Müll und die Anpassung der Infrastruktur an die Besucher haben sie eines Besseren belehrt. „Früher hatten wir hier sieben türkische Gemüseläden; jetzt gibt es nur noch einen. Dafür kann ich überall 80 Sorten Bier kaufen.“

          „Night Time Economy“ hat sich zu wichtigem Wirtschaftsfaktor entwickelt

          Zwar weiß auch Mahnke zu schätzen, dass es in Kreuzberg etwas lässiger zugeht als andernorts. „Aber das ist kein Freizeitpark, das ist ein Wohngebiet.“ Manche Nachbarn seien schon weggezogen, aber als Lösung kann sie das nicht akzeptieren. „Es gibt ja Regelungen, etwa zur Einhaltung des Lärmschutzes. Aber sie werden bewusst nicht eingesetzt. Die Wirtschaft ist wichtiger als die Anwohner.“

          Diesen Eindruck teilt auch Karl-Josef Wallmeyer. Zwar lebt er knapp 600 Kilometer weiter westlich, am Brüsseler Platz in Köln. Doch seine Sorgen sind ähnlich. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der beschauliche Platz um die Kirche St. Michael zu dem zentralen Wochenend-Treffpunkt junger Kölner und ihrer Gäste entwickelt. Sie sitzen dort auf Blumenkübeln, Tischtennisplatten und den Stufen vor der Kirche, trinken Bier vom Kiosk an der Ecke und reden. Bis zu 1500 Menschen sammeln sich bei gutem Wetter auf dem Platz. Schon 500 Leute, die sich unterhalten, erreichen den Lärmpegel eines Laubbläsers.

          Nicht nur Kreuzberger Nächte sind laut, das Problem kennt man auch anderswo.
          Nicht nur Kreuzberger Nächte sind laut, das Problem kennt man auch anderswo. : Bild: Felix Schmitt

          „Manche Nachbarn schlafen auf Feldbetten im Flur, weil es in ihrem Schlafzimmer zum Platz hin zu laut ist“, erzählt Wallmeyer. Seine Großeltern zogen bereits 1905 ins Viertel, er selbst ist hier aufgewachsen. Er war schon da, bevor der Trubel losging. Das ist ihm wichtig. Doch Tischtennisturniere nachts um vier, zertrampelte Blumenbeete, Müllberge und Erbrochenes vor der Haustür vergellen ihm seine Heimat. „Abends ein Glas Wein unter freien Himmel, da hat niemand etwas gegen. Aber man muss doch nicht die Sau rauslassen“, sagt er.

          Seit sechs Jahren kämpft Wallmeyer gemeinsam mit dem Bürgerbüro - einem Zusammenschluss von etwa 300 Nachbarn - für mehr Ruhe am Platz. Doch seinen Wunsch nach hartem Durchgreifen hat die Stadt ihm bisher nicht erfüllt. Wie Berlin weiß auch Köln, dass ein lebendiges Nachtleben nicht nur für Touristen ein wichtiger Anziehungsfaktor ist. Während die deutsche Bevölkerung schrumpft, rechnet Köln laut einer aktuellen Prognose mit 13,5 Prozent mehr Einwohnern bis 2040. In Berlin soll die Zahl bis 2030 um 7,5 Prozentpunkte steigen. Verantwortlich dafür sind vor allem Zuzüge von Menschen, die Urbanität und lebendigen Stadtleben wünschen - und damit genau das, was der Brüsseler Platz ihnen bietet. Darüber hat sich die sogenannte „Night Time Economy“ zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt.

          Das Zuhause als Anwohner-Schutzgebiet

          Daher ist auch das Kölner Ordnungsamt lieber kreativ geworden und hat zu später Stunde mit sehr hellen Scheinwerfern dem Brüsseler Platz seine Wirtlichkeit auszutreiben versucht. Die Besucher quittierten das mit dem Tragen von Sonnenbrillen. Später wurde das Licht komplett abgedreht, was sie zum Mitbringen von Taschenlampen animierte. Und als ein überdimensionales Lärm-Messgerät aufgestellt wurde, um mehr Bewusstsein für die Belastung der Nachbarn zu erzeugen, entbrannte ein Wettstreit um immer neue Krach-Rekorde.

          Aktuell gibt es eine Vereinbarung zwischen Stadt, Gewerbe und Anwohnern, nach der um 24 Uhr der Alkoholverkauf am Platz eingestellt wird und die anliegenden Kneipen ihre Stühle reinräumen. Zudem düst dann eine Kehrmaschine über das Areal, um Müll einzusammeln, aber auch um Aufbruchsstimmung zu verbreiten. „Die Verwaltung ist bemüht, aber das hilft leider alles nichts“, meint Wallmeyer. Fünf seiner Nachbarn sind deshalb nun vor Gericht gezogen, damit dieses härtere Maßnahmen vorschreibt.

          Das Verfahren läuft noch. Die zuständige Mitarbeiterin im Ordnungsamt möchte sich daher derzeit nicht äußern.

          Die Sorgen der Anwohner kann Michael Näckel verstehen. Der Gastronom betreibt zwei Restaurants in Berlin-Friedrichshain und ist zudem dort Bezirksbeauftragter des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga). Eine konsequente Durchsetzung der Nachtruhe ab 22 Uhr sieht er dennoch als Bedrohung. „Bars und Kneipen, deren Gäste traditionell etwas später kommen, müssten schließen. Damit verlöre der Kiez seine Attraktivität“, meint Näckel.

          Wie die Politik setzt er auf individuelle Vereinbarungen, die es erlauben, am Wochenende bis Mitternacht die Stühle vor der Tür zu lassen. „Für uns ist es wichtig, dass auch kontrolliert wird und Bußgelder im Raum stehen.“ Andernfalls würden sich schwarze Schafe eine goldene Nase verdienen, während pflichtbewusste Gastronomen längst geräumt hätten.

          Damit spricht Näckel ein weiteres Problem der Kommunen an. Denn der Außendienst des Ordnungsamtes, der für Lärmverstöße zuständig ist, macht um 22 Uhr Feierabend. Danach ist die Polizei Ansprechpartner, die jedoch meist Wichtigeres zu tun hat, als Beschwerden wegen Radaus nachzugehen. Im Rathaus des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg erwägt man nun, dem Problem anders beizukommen. Dort lässt Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) jetzt einen Kneipenbebauungsplan aufstellen, der eigentlich ein „Kneipenverhinderungsplan“ nach Heidelberger Vorbild ist und die Zahl der Lokale begrenzen soll. Wenn er denn in der Stadt mit dem Motto „365/24 Berlin“ durchzusetzen ist.

          Ursula Mahnke hat sich derweil eine eigene Lösung für ihren Kreuzberger Kiez überlegt. „In Deutschland wir jede Kröte geschützt. Ich möchte auch so einen Zaun“, sagt sie. Nach dem Vorbild eines Naturschutzgebietes wünscht sie sich, ihr Zuhause zum Anwohner-Schutzgebiet zu erklären. Dessen Regeln: strikte Nachtruhe, begrenzter Alkoholverkauf und keine weitere Ansiedlung von Gastronomie. Zudem sollen öffentliche Toiletten aufgestellt und ein Anwohnerrat als Gegengewicht zu den Lobby-Gruppen von Gastronomen und Clubs gegründet werden. „Ich will nicht, dass Berlin ein Dorf wird. Aber aktuell ist es einfach zu viel.“

          Quelle: F.A.S.

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