Home
http://www.faz.net/-gz7-71inq
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Umnutzung Letzter Halt Zuhause

 ·  Zahlreiche Bahnhöfe werden heute als Wohnraum genutzt. Nicht nur Eisenbahnnostalgiker wissen die in die Jahre gekommenen Anwesen zu schätzen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Feucht und kalt sei es gewesen, dazu noch dunkel und ungemütlich, berichtet Roswitha Gouverneur-Müller. „Einfach wenig einladend war es.“ Die erste Begegnung mit dem Haus, in dem sie künftig wohnen sollte, hat sie noch in unguter Erinnerung. Das Bahnhofsgebäude in Zerf - südlich von Trier gelegen - war in einem desaströsen Zustand, das Dach teilweise eingestürzt. „Es war sehr viel kaputt“, blickt die Eigentümerin zurück. Grauer Schotter umgab das Anwesen, an dem noch ab und an ein Güterzug vorbeifuhr.

Doch so zwiespältig der erste Eindruck an diesem Herbsttag im Jahr 1981 auch war: Roswitha Gouverneur-Müller und ihr Mann wollten den Bahnhof trotzdem kaufen. Sie beteiligten sich an einer Versteigerung und bekamen schließlich den Zuschlag. Für etwas mehr als 40 000 Mark wechselte die Immobilie samt großzügigem Grundstück den Besitzer.

Kleiner Objekte sind gefragt

In allen Ecken des Landes stehen Bahnhöfe zum Verkauf. Rund 1700 Empfangsgebäude hat die Deutsche Bahn AG in den vergangenen Jahren schon veräußert, weitere 700 sollen folgen. Doch das Angebot an Bahnimmobilien dürfte noch viel größer sein: Allein der britische Finanzinvestor Patron Capital erwarb von der Deutschen Bahn rund 1000 Bahnhöfe und sucht seither über seine deutsche Tochter Main Asset Management GmbH nach Käufern für viele der oft maroden Gebäude. Während zahlreiche größere Stationen verfallen, sind kleinere Objekte durchaus nachgefragt - vor allem von Privatleuten.

Wohnen im alten Bahnhof - nicht nur für Eisenbahnnostalgiker scheint das eine Option zu sein. Von Kraatz-Buberow in Brandenburg bis Gräfentonna in Thüringen reicht die Liste der Orte, in denen sich die Deutsche Bahn von alten Empfangsgebäuden trennen möchte. „Preis Verhandlungsbasis“ oder „Preis auf Nachfrage“ heißt es dabei häufig. Vielfach wird auf einen hohen Sanierungsaufwand hingewiesen - mitunter auch durch elegante Umschreibungen wie zum Beispiel: „Das Richtige für Handwerker“.

Blickfang an der Radstrecke

Dass handwerkliches Geschick mitbringen sollte, wer sich an einen alten Bahnhof heranwagt, kann auch Roswitha Gouverneur-Müller bestätigen. Rund zwei Jahrzehnte dauerte es, bis ihr Mann und sie das neue Zuhause soweit auf Vordermann gebracht hatten, dass kein akuter Bau- und Sanierungsbedarf mehr bestand. Fast alle Arbeiten erbrachte die Familie in Eigenleistung beziehungsweise mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden.

Schnell war klar: Die vier Meter hohen Räume würden sich wirtschaftlich kaum beheizen lassen. Also wurden die Decken abgehangen und der Boden erhöht. Ein neues Dach musste her. Die sanitären Anlagen mussten komplett erneuert oder überhaupt erst einmal installiert werden. Alle Wasserleitungen wurden ausgetauscht. Neue Fenster waren ebenfalls fällig. Über die Jahre hätten sie sich so langsam in das Haus hineingewohnt, erzählt Roswitha Gouverneur-Müller. Schritt für Schritt zog das Ehepaar mit den drei Kindern von einem fertiggestellten Teil des gut 200 Quadratmeter Wohnfläche umfassenden Gebäudes in den nächsten.

Heute werden Roswitha Gouverneur-Müller und ihr Mann um ihr Anwesen in pittoresker Umgebung beneidet. Jedes Jahr schauen viele Touristen vorbei. Wo einst entlang des Flüsschens Ruwer die Bahnstrecke von Trier nach Hermeskeil führte, verläuft nunmehr ein beliebter Radweg, der die Mosel mit dem Hunsrück verbindet. Bei Kilometer 26,8 passieren die Radfahrer den „Bahnsteig 74“, wie Roswitha Gouverneur-Müller die Ferienwohnung im Dachgeschoss des alten Bahnhofs getauft hat. Das etwa 120 Jahre alte Sandsteingebäude liegt inmitten von Bäumen und Sträuchern. Einzig die Ortsschilder „Zerf“ erinnern noch daran, dass hier früher einmal Züge hielten.

Roswitha Gouverneur-Müller ist keine Eisenbahnnostalgikerin. „Es hätte auch ein schöner Bauernhof sein können“, räumt sie ein. Dass dann ein Bahnhof ihr Zuhause wurde, war denn auch aus heutiger Sicht eher ein glücklicher Zufall. „Wir hatten ganz schön Mut und Vertrauen in uns“, blickt die Hausherrin zurück. Den Kauf bereut hätten sie und ihr Mann aber nie: „Die Substanz hat immer gestimmt.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen