Viele Garten- und Landschaftsbauer arbeiten heute nach uraltem Muster. Sie schichten Stein auf Stein und bauen Trockenmauern. Sind das mittlerweile die echten Maurer?
Der Landschaftsbau hat sich zu einer Disziplin entwickelt, die bautechnische und gärtnerische Arbeiten verbindet. Dafür ist das Trockenmauern ein gutes Beispiel. Außerdem ist diese Bauweise besonders nachhaltig, wenn lokale Steine verwendet werden, die nur gespalten sind. Man spricht von einer Schwergewichtsmauer, weil nur das Gewicht und die Reibung der Steine im Verband für die Standsicherheit sorgen. Das ist die ökologisch günstigste Art zu bauen.
Einfach nur Steine übereinander stapeln, ohne Mörtel - das klingt trotzdem nach dem Spiel mit Bauklötzchen. Kann das auf Dauer halten?
Wie gut das hält, zeigen viele süddeutsche Weinberge. Dort stehen 100 Jahre alte Trockenmauern, die das Gelände terrassieren. Da können sich Gartenbesitzer und ihre Landschaftsbauer vieles abgucken. Bis zu einer Höhe von maximal zwei Metern kann ich eine Abstützung am Hang als Trockenmauer bauen. Bis zu dieser Grenze ist sie laut Bauordnung der meisten Bundesländer genehmigungsfrei. So leicht wie mit Bauklötzen geht das allerdings nicht. Zwei Dinge sind wichtig, damit die Stützmauer dem Erddruck standhält: Sie muss schwer, also dick genug sein, und die Steine müssen sorgfältig vermauert werden. Ein statischer Trick ist die Neigung gegen den Hang. Mindestens zehn Prozent sind ein übliches Maß.
Und das funktioniert alles wirklich mit nur grob behauenen Steinen?
Bei freistehenden Mauern, zum Beispiel Weideabgrenzungen, schichtete man früher sogar Findlinge ganz unbearbeitet aufeinander. Auch so etwas ist heute wieder zu sehen. Die Bewegung zum Naturgarten hat das hervorgebracht. Ein wenig anders ist es bei Stützmauern: Da spalteten die Handwerker die Steine auch früher schon und bearbeiteten sie so, dass sie besser aufeinanderliegen - aber nur soweit notwendig. Keinesfalls müssen sie so exakt werden, wie man es von gesägten Steinen oder Kunststeinen kennt.
Was kann eine Trockenmauer denn nun besser als eine vermörtelte Steinmauer, oder sogar eine aus Beton?
Sie kommt ohne starres Fundament aus, ohne Gründung in große Tiefen. Das macht die Mauer flexibel. Kleine Bewegungen des Bodens kann sie durch ihre offenen Fugen ausgleichen. Das ist eine geniale Technik. Wenn ich dagegen eine Betonwand habe und es gibt eine Frostsenkung im Boden, dann bekommt sie einen Riss und ist untauglich. Eine Trockenmauer senkt sich mit und bleibt intakt. Wenn sie richtig gebaut ist, ist sie außerdem selbst entwässernd. Es ist keine Drainageleitung nötig.
Neuartige Gitterkästen, die mit Schotter gefüllt sind, sollen das genauso können. Auch für sie wird damit geworben, dass sie so pflegeleicht seien.
Das stimmt. Ursprünglich waren diese Gabionen eine reine Technologie von Ingenieuren, um zum Beispiel Uferböschungen an Gewässern zu sichern. Jetzt ziehen die Drahtschotterkästen auch in den Hausgarten ein. Das Metallgitter hält die Steine zusammen. Daher sind sie kostengünstig und teilweise sogar im Baumarkt zu kaufen. Es gibt auch kleinere Formate für jedermann: eine Mode.
Echte Natursteinmauern sind mehr als das?
Das Interesse an Lösungen ohne hohen Energieeinsatz, zum Beispiel ohne Beton zu bauen, ist viel größer als noch vor wenigen Jahren. Viele wollen ihren Garten dementsprechend gestalten und Landschaftsbaubetriebe stellen sich darauf ein. Der Anteil der Handarbeit ist bei Trockenmauern zwar hoch, aber es entsteht etwas Einzigartiges. Natursteine sind uralte Schönheiten. Keiner gleicht exakt dem anderen. Das macht den Charme aus. Jeder hat sein Gesicht.
Darin kann man lesen?
So einiges, ja. Zum Beispiel, wie die Steine entstanden sind. Geschichtetes Ablagerungsgestein wie Sandstein oder Schiefer bricht annähernd quaderförmig oder plattig. Da ist das Mauerwerk sehr horizontal gegliedert. Aber genauso gibt es eher vieleckige oder rundliche Steine, die ein sogenannte Zyklopenmauerwerk ergeben im wild gemauerten Verband. Es hängt von den lokalen Steinvorkommen ab. Im Stuttgarter Raum sind die historischen und genauso die neuen Trockenmauern relativ regelmäßig aus Sandstein, in Sachsen dagegen gibt es Wände mit tanzenden Fugen und ganz unregelmäßigen Mauersteinen aus rosa Granit.
Und die Ökologie?
Trockenmauern sind wertvolle Ersatzlebensräume für Reptilien und Insekten. Sie bieten ihnen ein spezielles Kleinklima. Die Sichtfläche der Mauer wärmt sich schnell auf, der Innenbereich bleibt kühl. Zudem gibt es viele Hohlräume, in denen sich die Tiere ansiedeln können. Auch für Pflanzen gilt das. Sie leben hier wie in einer Felswand. Sie erobern sich die Mauer selbst, da muss man gar nichts anpflanzen. Einige Gartenbesitzer tun es trotzdem, sie wollen eine besonders schön blühende Mauer.
Dürfen einige Fugen für diesen Bewuchs extra groß sein?
Die Lagerfugen, das heißt die waagerechten Fugen, dürfen keine großen Zwischenräume haben und nicht mit Boden gefüllt werden. Hier müssen sich die Steine gegenseitig berühren. Boden in den Lücken würde die Mauer technisch gefährden. Eher könnte man eigens ein paar Stoßfugen, das heißt senkrechte Fugen, als Platz für Pflanzen vorsehen. Aufpassen muss man aber mit Baumwurzeln: Wenn Birke und Ahorn von allein kommen, dann Vorsicht! Die können die Steine auseinanderdrücken, wenn sie größer werden.
Wo lauern sonst noch Gefahren?
Wenn die Mauer nicht fachgerecht gebaut wird, zum Beispiel zu dünn ist. Bei einer Stützmauer gehören kleinere Steine hinter die großen, die man von vorn sieht. Nur mit diesem Puffer funktioniert die Entwässerung. Außerdem müssen auch immer wieder längliche Steine, sogenannte Binder, so gesetzt werden, dass sie rechtwinklig zum Hang stehen. Sie verbinden die Vorderseite der Mauer mit der Hintermauerung. Sonst kann es eben doch passieren, dass das Bauwerk sich verschiebt oder sogar umstürzt.
Ein Haufen Arbeit liegt vor einem.
Aber selbst dann ist die Ökobilanz perfekt: Mit den gleichen Steinen baut man die Mauer wieder auf. Alles liegt parat.
Und wenn man will, nimmt man zusätzlich noch das zur Hand, was sonst gerade da ist?
Genau, das „Klamottenmauern“ kommt ebenso in Mode: Ein bunt gemauerter Stilmix, etwa mit Backsteinen oder Betonbruchstücken. Auch dieses Patchwork hat seine Vorbilder in den Weinbergsmauern: Da kam auch alles mit hinein, etwa alte Treppenstufen oder Grabsteine.