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Veröffentlicht: 04.07.2012, 18:05 Uhr

„The Shard“ wird eingeweiht Riese sucht Mieter

In London wird Europas höchster Wolkenkratzer eingeweiht. In dem 310 Meter hohen Gebäude sind zwei Drittel der Fläche für Büroräume vorgesehen - es gibt nur noch keine Mieter.

von , London
© AFP Jetzt ist das Gebäude fertig: Weit ragt „The Shard“ in den Himmel über London

Simon Jenkins ist empört: Der Störenfried sehe aus, als sei er aus dem Weltall herabgefallen, wettert der Chef des britischen Denkmalschutzverbandes National Trust gegen den „größten Eingriff in die Skyline Londons seit der Kathedrale von St. Paul’s“. Den Bauherren gehe es nur um eine Geste finanzieller Macht. Keine Frage: „The Shard“ - übersetzt „Die Scherbe“ - ist derzeit das umstrittenste Gebäude in der britischen Hauptstadt.

Marcus Theurer Folgen:

Schwindelerregende 310 Meter reicht der neu erbaute Wolkenkratzer am Südufer der Themse, direkt gegenüber dem Londoner Bankenviertel, in die Höhe. Er überragt damit den Frankfurter Messeturm um mehr als 50 Meter. Der neue Riese aus Glas und Stahl hat geschätzte 1,5 Milliarden Pfund (1,9 Milliarden Euro) gekostet. Und er ist nunmehr das höchste Gebäude in der Europäischen Union. Londons Bürgermeister Boris Johnson behauptet gar, er könne von dort oben bis nach Frankreich blicken.

„Ein soziales Bauwerk“

Der freundliche ältere Herr im beige Jackett, der am Mittwochmorgen im 14. von 72 Stockwerken der „Scherbe“ die Fragen der Journalisten beantwortet, bemüht sich, die Wogen zu glätten: Stararchitekt Renzo Piano, Erbauer des Centre Pompidou in Paris und beteiligt an der Neugestaltung des Potsdamer Platzes in Berlin, hat den kontrovers diskutierten Hochhausturm an der Themse entworfen.

Der Italiener weist darauf hin, dass eine Besucherplattform ganz oben allen Interessierten offen stehen werde. „Das ist ein soziales Bauwerk und keiner dieser Bürotürme, die abends um sechs abgesperrt werden“, sagt er. „Jedes Gebäude, das heute ein Klassiker ist, war einmal modern.“ Die reflektierende Glashülle des Riesenkeils sei wie ein Spiegel Londons und werde „mit den Wolken flirten“, verspricht der Architekt. Von Außen prasselt indes sanft der Londoner Nieselregen gegen die raumhohen Scheiben des Bauwerks.

The Shard skyscraper and Saint Paul's Cathedral are seen in a view of the London skyline from South London Schwindelerregende 310 Meter misst „The Shard“. Der Wolkenkratzer ist das höchste Gebäude der Europäischen Union © REUTERS Bilderstrecke 

Drei Stühle weiter links von Piano sitzt ein Mann, der ganz andere Sorgen hat. Zwar wird die „Scherbe“ am Mittwoch offiziell eingeweiht. Aber Irvine Sellar muss in den kommenden zweieinhalb Jahren insgesamt knapp 84.000 Quadratmeter an nutzbarer Fläche in dem Gebäude vermieten beziehungsweise verkaufen. Bisher läuft das Geschäft eher schleppend. Der Immobilienunternehmer Sellar hat zwölf Jahre lang für seinen kühnen Turm gekämpft. Dabei hat er das Kunststück fertiggebracht, das Milliardenprojekt vor der Weltfinanzkrise der vergangenen Jahre zu retten.

Jetzt braucht er eigentlich nur noch zahlungskräftige Mieter, die wiederum ziemlich viel Platz brauchen. Nur gibt es derzeit davon nicht allzu viele. Zehn exklusive Luxuswohnungen mit einem 360-Grad-Rundumblick warten in den oberen Etagen ebenfalls noch auf Käufer. Es sind die wohl teuersten Appartements in Großbritannien.

Ein wählerischer Immobilienunternehmer

Sellar ist Anfang 70 und bezeichnet sich selbst freimütig als Spekulanten. Bisher hat er lediglich die Stockwerke 34 bis 52 an ein Luxushotel vermietet. Das ist rund ein Fünftel der Gesamtfläche in dem Neubau. Außerdem haben offenbar mehrere Restaurants Interesse an den drei Stockwerken darunter gezeigt. Aber zwei Drittel der Fläche sind für Büroräume vorgesehen - und hier hat der Immobilienmagnat bisher noch keinen einzigen Mieter unter Vertrag. Viele Banken am anderen Ufer der Themse sind auf Schrumpf- statt auf Expansionskurs.

Die Verhandlungen liefen, seien aber vertraulich. „Wir sind da extrem wählerisch“, sagt Sellar und will keine Namen nennen. „Bis Ende 2014 sind wir voll ausgebucht“, verspricht der Unternehmer, der einst mit dem Verkauf von Flower-Power-Klamotten auf der früheren Londoner Hippie-Meile in der Carnaby Street seine Karriere begann. Scheich Abdullah Bin Saoud Al Thani gibt sich derweil gelassen. „Für uns ist das eine langfristige Investition, und wir werden unser Geld zurückverdienen“, sagt der Notenbankchef des arabischen Golf-Emirats Qatar.

Der Staatsfonds des Landes hat vor viereinhalb Jahren 80 Prozent der Anteile an dem Großprojekt übernommen und es damit vor dem Aus bewahrt. Die restlichen 20 Prozent gehören Sellar. Man habe es nicht eilig, versichert der Geldgeber. Der Markt für Büroflächen in Europas wichtigstem Finanzzentrum werde sich schon noch erholen. „Dieses Gebäude ist ein Zeichen unseres Vertrauens in London“, sagt der solvente Scheich. „Außerdem ist es für uns nur ein geringfügiges Projekt.“

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