15.11.2011 · Ein neues Vergabeverfahren für öffentliche Grundstücke hat auch seine Stärken in der Bauphase. Es gibt weniger Einwendungen als üblich.
Von Steffen UttichDie Hanseatische Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) hat in der hessischen Stadt Hanau derzeit einen guten Lauf. Im vergangenen Jahr setzte sich der Hamburger Projektentwickler in einem hierzulande erstmals durchgeführten Vergabeverfahren in Form eines sogenannten wettbewerblichen Dialogs durch. Nun wird das Vorhaben mit einem veranschlagten Volumen von rund 280 Millionen Euro rasch umgesetzt. Der Bau eines neuen Kinos mit einem Parkhaus in der Nachbarschaft ist schon im Gange und soll im Dezember abgeschlossen sein.
In dieser Woche ist auch der Startschuss für das Kernstück des HBB-Projekts gefallen - ein 22 500 Quadratmeter großes Einkaufszentrum und eine 4500 Quadratmeter große neue Stadtbibliothek. Mit einer Kanalsanierung beginnen die vorbereitenden Arbeiten, um das Areal mitten in der Innenstadt im kommenden Jahr baureif an den Investor übergeben zu können.
Gleichzeitig läuft das Verfahren zur Aufstellung des entsprechenden Bebauungsplans sehr zügig ab. Nach Angaben von Martin Bieberle, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung beim Magistrat der Stadt Hanau, kamen lediglich 48 Einwände zusammen. "In anderen Orten ist die Anzahl bei Vorhaben dieser Größenordnung viel höher", sagt HBB-Geschäftsführer Harald Ortner.
Beide sehen diesen Umstand als Indikator für die gute Kommunikation während des Vergabeverfahrens an. Hanau mit seinen 93 000 Einwohnern war die erste größere deutsche Kommune, die sich an die praktische Umsetzung des wettbewerblichen Dialogs wagte, nachdem diese Möglichkeit 2005 eingeführt wurde. Ein solches Verfahren beginnt zunächst mit einer europaweiten Ausschreibung. Danach erfolgt die Auswahl der Investoren. Mit ihnen werden dann in mehreren aufeinanderfolgenden Dialogphasen die im Rahmen des Städtebauprojekts zu erörternden Lösungen abgearbeitet.
In der hessischen Stadt gingen im Sommer 2008 acht Investoren an den Start. Im Laufe der folgenden zwei Jahre waren dann nach sechs Dialogphasen noch zwei Investoren übrig, von denen schließlich HBB den Zuschlag zum Kauf der städtischen Grundstücke erhielt.
Läuft das Genehmigungsverfahren wie vorgesehen ab, könnte schon im kommenden Juli mit dem Bau des Einkaufszentrums begonnen werden. Bis dahin muss es HBB allerdings gelingen, auf eine Vorvermietung von 40 bis 50 Prozent zu kommen. Da am Ende des Bauvorhabens eine neue beste Lage entstanden sein soll, muss der Projektentwickler eine neue Spitzenmiete durchsetzen. Nach den gängigen Maklerübersichten liegt diese momentan in der Hanauer Innenstadt zwischen 50 und 60 Euro je Quadratmeter. Die geplante Fertigstellung aller im Rahmen des Vergabeverfahrens vorgesehenen Projekte ist mittlerweile von ursprünglich 2020 auf 2016 vorgezogen worden.
Für Kommunen besitzt der wettbewerbliche Dialog den Charme, dass interessierte Einwohner eng in städtebauliche Planungsvorgänge mit eingebunden werden können. Nicht zuletzt seit den Auseinandersetzungen um "Stuttgart 21" zeigen sich Stadtoberhäupter daran interessiert. Allerdings tun sie sich trotz der positiven Erfahrungen in Hanau noch schwer mit dem neuartigen Vergabeverfahren. Ein Stadtumbau in einer vergleichbaren Größenordnung ist andernorts derzeit nicht zu finden.
Steffen Uttich Jahrgang 1970, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Immobilienteil.
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