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Veröffentlicht: 17.06.2013, 09:18 Uhr

Souterrainwohnungen Tiefer gelegt

Souterrainwohnungen sind in Großstädten keine Ladenhüter mehr. Vorausgesetzt, das Haus, zu dem sie gehören, macht etwas her und steht in einem angesagten Viertel.

von Jörg Niendorf
© Wirth Architekten Aufwendig: Diese Bremer Kellerwohnung hat durch den Umbau fast Loftcharakter

Souterrain - das klingt französisch-edel und meint doch Unterirdisches - eine Wohnung unterhalb des Straßenniveaus. Bietet ein Makler solch ein Souterrain an, kramt er oft das Beste aus dem Lexikon der Vermietungspoesie hervor. „Für Individualisten“, steht dann in der Annonce. Oder: „Zum Verwirklichen“. Das bedeutet, dass es sich wahrscheinlich um eine Höhle von Wohnung handelt, in der zukünftige Bewohner erst einmal kräftig Hand anlegen muss. Lockt das Souterrain „mit Gartenanschluss“, dann gibt es einen direkten Zugang zum Hof. Eine weitere Umschreibung könnte lauten: „Für Männer“. Denn es sind offenbar überwiegend männliche Mieter beziehungsweise Käufer, die es hinab zieht. Unter Wohnungsvermittlern gelten Souterrains denn auch als „typische Junggesellenwohnungen“, ideal für alle, die sich ein Refugium einrichten wollen.

Das poetische Anpreisen dürfte sich bald erübrigt haben. Denn dort, wo der Wohnungsmarkt angespannt ist, sind die halben Keller eine günstige Option. Die Nachfrage steigt, wie Makler berichten. Mehr noch: „In Altbauten in guter Lage kann es sich sogar lohnen, jetzt Souterrainwohnungen baulich aufzuwerten“, urteilt Heinrich Stüven, Vorsitzender des Grundeigentümerverbands in Hamburg. An solchen Standorten ließen sich Investitionskosten durch Vermietung und Verkauf im Moment gut wieder hereinholen.

„Über mir wird eine Kellerwohnung frei“, hieß es einst und gerade in Hamburg. So umschrieben früher die, die in der Hansestadt ganz unten leben mussten, mit Galgenhumor ihre Lage. Es waren die Armen, die in den schlecht belüfteten, dunklen Quartieren wohnten, oft sogar vollständig unter der Erde. Das ist vorbei, Kellerwohnungen gibt es längst nicht mehr. Souterrains jedoch, die lediglich eine halbe Treppe tiefer als der Bürgersteig liegen, findet man reichlich. In Hamburg gibt es ganze Zeilen alter Bürgerhäuser mit Souterrains. Die Herrschaften wollten früher etwas erhaben wohnen, also baute man ein Hochparterre. Darunter war Platz für Dienstboten- oder Hausmeisterwohnungen, manchmal kleine Gewerbe. Auch in Bremen, Berlin und Leipzig existieren bis heute diese tiefer gelegten Wohnetagen, vereinzelt auch in anderen Städten.

Keine direkten Sonnenstrahlen

Bis in die 1920er Jahre hinein wurden solche einfachen Wohnräume angelegt. Danach, in der Zeit des modernen Bauens, waren sie verpönt. Die „Kellerlöcher“ galten in der Folgezeit als Notunterkünfte oder billige Studentenbuden. Heute sieht das anders aus, vorausgesetzt, sie liegen in Vierteln, die angesagte Wohnorte sind.

Aktham Suliman zum Beispiel wollte unbedingt nach unten. Im vergangenen Herbst hat der Fernsehredakteur eine Souterrainwohnung in Berlin gesucht. Im Stadtteil Lichtenberg wurde er fündig. Der Altbau, in dem sein Souterrain liegt, ist von Grund auf saniert worden, alle Wohnungen sind Eigentumswohnungen. Mit besonderer Sorgfalt ist auch das Untergeschoss instand gesetzt worden. Hier befindet sich Sulimans Dreizimmerwohnung, die im wahrsten Sinne von Grund auf hergerichtet wurde. Gerade auf eine Dämmung des Fußbodens kam es an. Nun liegen neue, spezielle Isolierplatten zuunterst, dann erst folgt der Estrich. Darüber hat der Wohnungsbesitzer Suliman einen hellen Parkettfußboden verlegen lassen. Diese neue Bodenkonstruktion verhindert, dass Nässe oder Kälte aus dem Erdreich aufsteigen kann und die Wohnungswände hinaufkriecht. Das ist oft der Schwachpunkt in Souterrains, die Räume werden muffig, die Wände sind dauernd klamm. In Sulimans Reich ist davon nichts zu spüren. Einige der Mauern in seinen Räumen sind sogar unverputzt, die roten Backsteine sind rauh. Diesen erdigen Charme, erzählt der Wohnungsbesitzer, mochte er sofort, als er die Behausung zum ersten Mal sah.

Vorn, in einem Raum zur Straße hin, hat Suliman sein Büro eingerichtet. Jalousien brauche er, um sich manchmal vor zu vielen neugierigen Blicken zu schützen, erzählt der Journalist. Er sitzt exakt drei Treppenstufen unterhalb des Bürgersteigs, sein Bürotisch steht vor großen Fenstern. Durch sie fällt viel Licht in die Räume. Allerdings dringen keine direkten Sonnenstrahlen bis in diese tiefe Lage vor. Die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite verhindern es. „Daran musste ich mich gewöhnen“, erzählt Suliman. Praktisch findet er dagegen, dass sein Büro einen eigenen Eingang zur Straße hin hat.

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