Dr. Tan W Kiat liebt Orchideen, seinen grauen Porsche Boxster und alles, was grünt. Einem Buddha nicht unähnlich tritt er mit gewisser Leibesfülle und einem Lächeln Freund und Feind gegenüber. Sein Programm ist so grün, dass die Grünen in Deutschland dagegen erblassen. Tan hat sich auf die Fahnen geschrieben, einen ganzen Stadtstaat geregelt überwuchern zu lassen.
Singapur, die Finanzmetropole in Südostasien, soll zu einer grün-bunten Insel werden. Sicher, hier in den Tropen sprießt alles schnell. Singapur aber ordnet, regelt, fördert den Wuchs: von der Gartenstadt will die Metropole nun zur Stadt im Garten werden. „Ein solches Denken setzt eine Umkehr voraus: In der Regel kämpfen die Menschen in den Tropen gegen den Wuchs - wir aber fördern ihn massiv“, sagt Tan. Jahrelang leitete er Nparks, das Grünflächenamt Singapurs, nun verantwortet er den Bau der botanischen Gärten Gardens by the Bay.
Neu ist der Trend nicht. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg verspricht, die Stadt solle die „greenest greatest city of the world“ werden. Singapur arbeitet schon seit Dekaden mit Akribie an seiner Begrünung. „Singapur war schon grün, bevor ‚grün‘ zum Modewort wurde. 40 Jahre bevor die anderen anfingen, über Bäume zu reden, haben wir sie gepflanzt. Wir haben eine hohe Lebensqualität immer wertgeschätzt, nun würdigen sie auch andere. Solche Werte machen Standorte aus und unterscheiden sie“, sagt Mah Bow Tan, Singapurs früherer Minister für nationale Entwicklung.
Schon der Gründervater plante die tropische Gartenstadt
Die Wurzeln des Plans reichen zurück auf die Überlegungen des Gründers und Übervaters des Stadtstaates, des weltweit geachteten Vordenkers und Freund Helmut Schmidts, Lee Kuan Yew. In seiner Biographie widmet er dem Begrünungsprogramm seiner Stadt ein eigenes Kapitel. „Um die Standards der Ersten Welt in der Region der Dritten Welt zu erreichen, haben wir uns entschieden, Singapur in eine tropische Gartenstadt zu verwandeln“, blickt er zurück auf die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als Singapur unabhängig wurde.
„Jedes Mal, wenn ich nach ein paar Wochen im Ausland zurückkehre und entlang von Bäumen, Palmen, und auf Straßen gesäumt von Sträuchern und Stauden vom Flugplatz in die Stadt fahre, bekomme ich gute Laune.“ Doch geht es „LKY“ nicht um seine Laune: „Die Begrünung ist das kosteneffizienteste Projekt, das ich jemals begonnen habe.“
Längst wissen sie am Finanzplatz: Grün und Geld gehen prima zusammen. Und deshalb gilt seit 2011 die Parole: Aus der „Gartenstadt“ soll eine „Stadt im Garten“ werden. Natürlich haben die „Preußen Asiens“ zuvor den spitzen Bleistift angesetzt. „Wir sind nicht Dubai: Wir sagen dem Architekten nicht, Geld spielt keine Rolle“, stellt Mah klar. So haben die Unternehmensberatungen Ernst & Young und Deloitte Studien verfasst, die Singapur bis heute unter Verschluss hält. In ihnen steht, um wie viel Prozent ein neuer großer Botanischer Garten den Wert des umliegenden Landes steigen lasse. Von 10 bis 30 Prozent Wertzuwachs ist die Rede.
Ein integraler Bestandteil des Finanzbezirks
Am 28. Juni wird nun der erste der drei Gardens by the Bay eröffnet werden. Das grün-bunte Trio erstreckt sich auf gut 100 Hektar an den Ufern einer künstlichen Bucht, mitten im neuen Zentrum der Stadt, unter Bankentürmen und Hotels. Die Gardens by the Bay sind das Vorzeigeprojekt, mit dem Singapur der Welt kundtut, in welche Richtung das Wachstum gehen soll: Welcher andere Standort würde heute knapp eine Milliarde Singapur Dollar (625 Millionen Euro) allein in den Bau des ersten Gartens pumpen?
„Das hier ist prime-land, Singapur hat es dem Meer abgerungen vor Dekaden. Heute zählt der Boden hier zum Teuersten, was in Singapur zu haben ist“, berichtet Gartenbauer Tan. Er beschreibt die Gardens by the Bay als integralen Bestandteil des Finanzbezirks. „Aber er ist nicht nur für die Banker gedacht, sondern für alle Menschen in Singapur. Uns geht es einzig und allein darum, was so ein Garten unserer Nation zurückgibt.“
Das könnte mehr sein, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. „Natürlich können wir nicht mit Städten wie Wellington in Neuseeland konkurrieren“, räumt Poon Hong Yuen ein. „Aber wir tun, was wir nur können mit unseren Voraussetzungen als Staat auf einer Tropeninsel.“ Heutet leitet Poon Nparks. Singapur habe das Ziel erreicht, dass 95 Prozent aller Einwohner eine Grünfläche oder einen Park in weniger als 400 Meter Abstand erreichten. 1,3 Millionen Bäume säumen die Straßen der modernen Metropole. Singapurs oberster Gärtner rechnet vor: „Im Durchschnitt liegt die Temperatur in Grünanlagen 2,2 Prozent unter derjenigen in Wohngebieten, 5,4 Prozent unter derjenigen in Industriegebieten.“
Wird die Stadt grüner, wird die Luft besser
Auch das sorgt für Lebensqualität in einer Stadt, in der das Thermometer täglich auf gut 30 Grad klettert. Mehr als 150 Millionen Singapur-Dollar hat sich die Stadt den Ausbau des vorhandenen, alten Botanischen Gartens zwischen 1989 und 2006 kosten lassen. Rund 54 Millionen Singapur-Dollar kostet es, den ersten der drei neuen Gärten jährlich zu unterhalten, 30 Prozent trägt die Regierung. Trotz fortschreitender Urbanisierung ist Singapur grüner geworden: Waren 1986 noch 36 Prozent der Stadt von Pflanzen bedeckt, waren es 2007 schon 47 Prozent. Längst ist Singapur zum Tropenübungsplatz geworden. „Wir haben ständig Entsandte und Abordnungen anderer Städte zu Gast, die schauen, was wir machen“, sagt Poon. Nicht ohne Grund: Wird die Stadt grüner, wird die Luft besser.
Doch es geht um mehr: „Wir brauchen die Stadt im Garten, um unsere Talente hier zu halten und neue Talente anzuziehen.“ Der winzige Stadtstaat besitzt keine Bodenschätze und wurde praktisch ohne Industrie von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen. Heute konkurriert Singapur mit Hongkong um den Führungsplatz als Finanzzentrum, versteht sich dank der vielen Unternehmen, die von hier aus ihr Asiengeschäft steuern, als „Kontrollturm“ der Region, hat Milliarden Dollar in den Ausbau von Forschungszentren gesteckt. Das alles aber geht nur, wenn Singapur die hellsten Köpfe anlockt. Diese sind heute nicht mehr nur über hohe Gehälter zu gewinnen: Sie wollen gute Schulen für ihre Kinder, Sicherheit, schicke Häuser, gute Geldanlagen, Großstadtflair, saubere Luft, glückliche Ehepartner.
Sponsoren lieben Wahrzeichen
„Natürlich müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Poon. „Aber inzwischen haben wir eine Generation von Spitzenbeamten, die den Sinn und Nutzen unserer Arbeit ganz klar erkennt.“ Deshalb geht der Chef des grünen Singapurs nun einen Schritt weiter: „Wir wollen das Konzept der Stadt im Garten in den Köpfen aller Bürger verankern.“
Die Singapurer können Vorschläge machen, spenden, als Paten Bäume übernehmen, profitieren von Gärten für Kinder. „Wir haben alle Parks Singapurs über einen 200 Kilometer langen Weg verbunden. Die Parks werden wie eine Perlenkette“, verspricht Mah. 150 Kilometer Inselrundweg werden noch folgen. Gut 3,5 Millionen Einwohner können ihn im Nu erreichen. Als wollte sie der Eröffnung der Gardens by the Bay noch zuvorkommen, kündigte die Regierung gerade an, bis 2015 einen weiteren Naturpark auf 80 Hektar Fläche nahe dem Zentrum zu schaffen.
Zudem lieben Sponsoren Wahrzeichen. Gardens by the Bay ist schon aus der Entfernung an begrünten Türmen zu erkennen, den Supertrees, deren Stahlgerüste in Wirklichkeit Schornsteine für die Kühlanlagen sind. Zwei riesige, nachts erleuchtete Gewächshäuser stehen Dinosaurierrücken gleich am Ufer der Bucht. Fast die Hälfte der Milliardeninvestition ist in deren Glaskuppeln geflossen, unter denen erstmals nordische Pflanzen auf der Äquatorinsel gezeigt werden.
Sojasoßen-Hersteller Kikkoman spendete eine Million Singapur-Dollar für einen See in Gardens by the Bay, Exxonmobil fördert dort ein Ausbildungsprogramm, die OCBC Bank steckt 8 Millionen Dollar in die Brücke, die die Türme verbindet. „Für uns ist alles denkbar. Wir können hier am Abend Lichtschauen veranstalten, Konzerte, Firmenevents“, sagt Tan.
Die größte Herausforderung für ihn aber sind nicht Geld oder guter Wille der Politiker. Die größte Herausforderung für den Orchideenexperten ist die Uhr, die tickt: „Die Öffentlichkeit verlangt von uns, ihr innerhalb von fünf Jahren einen fertigen Botanischen Garten zu präsentieren. Wir müssen uns beeilen. Denn auch in den Tropen dauert es mindestens 15 Jahre, bis so ein Garten eingewachsen ist.“
Dekade?
Valentino Tedesco (anonymus333)
- 12.06.2012, 11:31 Uhr
Nutzen für die Bürger - oder fürs Kapital?
Joachim Richard (meerwind7)
- 11.06.2012, 09:36 Uhr
