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Service-Wohnen Portier im Plattenbau

03.01.2012 ·  Es muss nicht immer Luxus sein: Ein Conciergedienst bringt Sicherheit in große Wohnsiedlungen - und auch eine persönliche Note. Davon profitieren Wohnungsgesellschaften wie auch die Mieter. Ein Beispiel in Berlin.

Von Jörg Niendorf, Berlin
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Wenn es so etwas wie einen Wohnungsstapel gibt, dann muss dieses Hochhaus im östlichen Berliner Zentrum damit gemeint sein. Bis zu 25 Etagen hoch türmen sich die Ein-, Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen. Baukastenförmig und bescheiden sind sie, keine ist größer als 80 Quadratmeter.

Und doch gibt es hier, am Platz der Vereinten Nationen Nummer 1, einen Hauch von Luxus: Unten in der Eingangshalle sitzt Tag und Nacht ein Portier im Plattenbau. Einer wie Bernd Hanicke, der den Turm in- und auswendig kennt. „Das Haus ist doch ein Dorf“, sagt er. Und wirklich: Eigentlich jeden, der vorbeikommt, grüßt er mit Namen. Wie ein Dorfschulze nickt er hier, winkt er dort. Hanicke ist für alle da, nimmt Pakete für die Mieter an, plaudert kurz mit ihnen, verwaltet Zweitschlüssel, falls sich jemand ausschließt. Ein klassischer Concierge, nur eben in einem ganz normalen Wohnturm einer Großsiedlung.

Portiers stehen eigentlich für das Wohnen in der Luxusklasse. In vielen Großstädten werben Bauträger von neuen, teuren Wohnanlagen damit, dass sie am Eingang einen Concierge postieren werden. Der soll den Bewohnern alle Wünsche erfüllen und auch schon mal die Haustür aufhalten. Sozusagen ein Hauch von Manhattan für deutsche Premiumimmobilien.

„Alle Bewohner sind zufrieden“

Schon seit zwölf Jahren bietet das aber auch die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) am „Platz 1“ an - so wird der Wohnturm intern genannt. „268 Wohnungen liegen insgesamt im Hochhaus“, sagt Petra Gurczik, die zuständige Verwalterin. „Gleich nachdem der Conciergedienst damals eingerichtet war, fühlten sich die Mieter sicherer.“ Ein Wachdienst hat die Aufgabe übernommen, etwa eine Handvoll Mitarbeiter wechseln sich ab. „Alle Bewohner sind zufrieden“, freut sie sich.

Im ehemaligen DDR-Plattenbau geht es eher pragmatisch zu. Concierge Hanicke und seine Kollegen tragen schlichte dunkle Wachmann-Anzüge. Keiner von ihnen springt hier eilfertig auf - das ist nicht ihre Aufgabe. Statt dessen drücken sie von ihrem Arbeitsplatz am Tresen aus auf einen weißen Knopf, wenn sie draußen im Windfang ein bekanntes Gesicht sehen. Das ist der Öffner für die gläserne Schiebetür.

Bewohner müssen so nicht einmal ihren Schlüssel zücken. Sind sie drin, gehen sie entweder nach rechts zu den Briefkästen oder gleich nach links zu den Fahrstühlen. Immer vorbei am Concierge in der Mitte der Eingangshalle, mit dem sie oft noch ein Wort wechseln. Sogar die Hunde, von denen es viele im Hochhaus gibt, schaffen es nicht einfach so vorbei am Tresen. Sie zerren ihre Besitzer dorthin, weil sie wissen, dass es ein Stück Hundekuchen gibt.

Anlaufstelle für alle

„Wir sind jetzt eben eine Anlaufstelle für alle“, sagt Hanicke. Der großgewachsene Mann ist 69 Jahre alt. Längst hätte er aufhören können. Aber er mag es, bei der Arbeit hier ständig um Rat gefragt zu werden. Für die Kinder im Haus ist er der nette Opa; für die Erwachsenen einer, dem man besonderes Vertrauen entgegen bringt. Am Wochenende ist der Concierge schon einmal der Ersatz-Hausmeister. Außerdem kommen ständig Leute, weil sie hier in der Halle morgens eine Zeitung kaufen oder bestellte Brötchen abholen können.

Wenn einmal keiner kommt, sitzt Hanicke auf einem etwas abgewetzten Bürostuhl und wippt sachte. Doch lange dauert das meistens nicht an. Manche Mieter kämen hier bei ihm untereinander ins Gespräch, erzählt er. Der Dienst trage so auch zu neu aufgelegten Nachbarschaftshilfen bei. Einiges in dieser Richtung übernehmen er und seine Kollegen aber ohnehin. „Es kam schon vor, dass wir Goldfische gefüttert haben“, sagt er. Eine Mieterin, die in den Urlaub fuhr, bat sie darum und gab ihren Schlüssel ab. Genauso gießen sie Blumen.

Doch erst einmal ging es Ende der neunziger Jahre, als der Dienst eingerichtet wurde, um die Sicherheit im Haus. Damals gab es noch viele Schäden durch Vandalismus auf den Fluren und in den Fahrstühlen. Das ist vorbei. Die Hochhausflure sind sauber, keine Graffiti an den Wänden, auch nicht im Fahrradkeller auf der Hausrückseite.

Sechs Videokameras übertragen ihre Bilder auf einen Bildschirm beim Concierge. Der hat zudem die vielen Ecken im Erdgeschoss im Blick. Einmal am Tag und in der Nacht steht ein Rundgang durch das ganze Haus auf dem Programm - vom 25. Stock durch alle Flure und Treppen hinab bis in die Heizungsräume. Exakt 75 Minuten dauert solch eine Kontrollrunde, sagt Hanicke.

Die Mieter zahlen für den Service einen Aufschlag auf die Betriebskosten. Die Höhe hängt von der Größe der Wohnung ab. Das kann um die 40 Euro im Monat ausmachen. Aber dafür sei damals die Kaltmiete etwas gesenkt worden, sagt der pensionierte Mediziner Hans-Jürgen Gütz. „Mit diesem Trick wurde der Dienst eingerichtet.“ Zunächst hatten sich die Mieter nämlich wegen der Kosten gegen einen Concierge ausgesprochen. „Dann wurde aber doch etwas daraus - die WBM hat es einfach gemacht“, blickt Gütz zurück.

„Zuhören muss man können“

Er und seine Frau wohnen seit 1970 in dem Hochhaus, seit dem Zeitpunkt, als es bezugsfertig wurde. Damals war der Turm, der an zwei Stellen um ein paar Stockwerke abgestuft ist, ein Vorzeigebau - gelegen zwischen Alexanderplatz und Volkspark Friedrichshain. Die damalige Adresse lautete: Leninplatz 1. Familie Gütz, die im 17. Stock wohnt, schaute zu DDR-Zeiten geradewegs auf einen monumentalen Granit-Lenin, der vor dem Haus stand und fast so hoch war wie ihre Wohnung. Doch seit zwanzig Jahren ist er weg. Ebenso wie die Gaststätte „Baikal“, die im Sockelgeschoss lag. Heute gibt es immerhin wieder ein kleines bulgarisches Restaurant und einen Friseur neben dem Eingang.

Gütz hält viel von dem Concierge-Service, weil daraus ein persönlicher Dienst geworden sei, der auch eine soziale Funktion im Haus habe. Das gehe weit über das Blumengießen und Briefkastenleeren hinaus. „Zuhören muss man in dem Job können“, bestätigt Hanicke. Und eine goldene Regel einhalten: Nichts weitertratschen! Portiers haben zu schweigen, sagt er beschwörend. Seine Kollegin Ute Resch sieht das genauso. Sie ist wie Hanicke für viele Mieter eine Vertrauensperson. Ein Gesicht, das alle sofort mit dem Empfangsdienst verbinden.

Viele Familien

Gerade hat sie von ihrem Kollegen die späte Schicht übernommen. Nun hat sie Dienst bis zum frühen Morgen. Erst einmal heißt das, am laufenden Band Pakete austeilen, denn jetzt trudeln die Mieter ein. Tagsüber hat der Kollege alle Sendungen angenommen und im Dienstzimmer verstaut, zum Jahresende sind es Berge an Paketen. Mit ihren Abholkarten in der Hand stehen die Empfänger an. Manchmal sind es auch die Kinder, die dafür geschickt werden.

Mittlerweile sieht sie wieder viele jüngere Leute und Familien im Haus, berichtet die Concierge. Da habe sich einiges verändert. Das Klischee vom überalterten Plattenbau-Hochhaus scheint überholt. Man muss nur die Kinderwagen auf den Fluren zählen. Auch teure Modelle sind darunter, was in Plattenbauten sonst nicht gerade selbstverständlich ist. „Direkt am Park und gleichzeitig so zentral zu wohnen ist ideal“, sagt Sibylle Lacheta, eine aus Süddeutschland zugereiste Berlinerin. Mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern lebt sie in der 17. Etage: Sie seien Hochhaus-Fans, sagt sie. Speziell bei diesem Haus, mit dieser netten Empfangshalle und solch einem Ausblick von oben, da müsste man ja Fan werden, fügt sie hinzu. Nur leider würde die Wohnung allmählich zu klein.

Dagegen ficht einen jungen Arzt aus dem 20. Stockwerk die kompakte Größe seiner Zwei-Zimmer-Wohnung nicht an. Er wollte so hoch hinaus wie möglich. Schon der kurze Weg vom Windfang zum Lift habe ihm bei der Besichtigung deutlich gemacht, wie gut das Haus in Schuss sei, sagt er. Oben wollte er ausdrücklich eine Wohnung gen Osten mieten, und entschied sich damit bewusst gegen den bei anderen Hausbewohnern beliebten und gesuchten Blick in Richtung Alexanderplatz und Fernsehturm. So fotografiert er jetzt spektakuläre Sonnenaufgänge und Wetterfronten, die sich dort im Osten aufbauen.

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29.05.2012 14:17 Uhr
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