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Selfmade-Design Bauhaus goes Baumarkt

 ·  Der Berliner Architekt Van Bo Le-Mentzel hat eine ganze Möbelserie ersonnen, will aber partout kein Designer sein. Ein Gespräch über Forschergeist, Teilen und 7.000 begeisterte Mitarbeiter.

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© dapd Handfest: Der Architekt Van Bo Le-Mentzel, umgeben von sogenannten Hartz-IV-Möbeln

Van Bo Le-Mentzel ist der Erfinder der Hartz-IV-Möbel. Sein „24 Euro Chair“, der „Berliner Hocker“ oder der „Kreuzberg 36 Chair“ erinnern an Designklassiker von Jean Prouvé, Mies van der Rohe, Marcel Breuer oder Max Bill. Kaufen kann man sie nicht, stattdessen darf sie jeder nachbauen. Der Berliner Architekt hat bisher kostenlos mehr als zehntausend Baupläne verschickt. Sein Lohn: Die Geschichten, die ihm die Do-it-Yourself-Möbelbauer zurückgeben. Inzwischen ist bei Hatje Cantz ein Buch zum Phänomen erschienen, verfasst von Fans.

Wir treffen den angestellten Architekten am Feierabend in Berlin-Charlottenburg. Hier hat er in einer 1-Zimmer-Altbauwohnung gezeigt, wie es sich auf 34 Quadratmetern stilvoll und komfortabel wohnen lässt. Dafür zog er Plateaus und Nischen ein und stattete den Raum mit einer Mischung aus Hartz-IV-Möbeln und Bauhaus-Klassikern aus. „Berliner Hocker“ trifft auf „Barcelona Chair“. Auch Egon Eiermann ist mit Tisch und Stühlen mehrfach vertreten. Wir sollen bei George Grosz klingeln. Wie bitte? Der Maler ist schon seit mehr als einem halben Jahrhundert tot. Doch seine Farben haben Le-Mentzel inspiriert, außerdem lebte er in der Nähe.

Van Bo Le-Mentzel: Viele fragen, warum mich das so interessiert: Tische, Stühle und so weiter. Ich bin ja kein Produktdesigner. Das, was mich interessiert, sind die Geschichten dahinter. Was mich interessiert, ist die Frage nach Identität. Das ist etwas, das jeden beschäftigt, der ständig gefragt wird: Wo kommst du eigentlich her? Das betrifft Leute, die nach Deutschland eingewandert sind, genauso wie Leute, die von außerhalb nach Berlin gekommen sind. Weil ich asiatisch aussehe, werde ich das natürlich ständig gefragt.

Und wer sind sie?

Ich bin deutsch plus architekturinteressiert plus Hartz IV-Möbel plus, ich bin total plus, plural. Diese Frage, wer ich bin, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es wird aber sehr konkret, wenn es um Möbel geht. Ich kann sehr genau sagen, was ein deutsches Möbel ist oder was ein deutscher Stuhl ist, ein deutsches Haus, deutsche Architektur. Ein Beispiel ist dieser Eiermann-Stuhl (hebt ihn hoch). Es gab in den fünfziger Jahren fast identische Stühle von amerikanischen Kollegen.

Und was ist der Unterschied? Das sieht man hier an diesen drei Verbindungspunkten (zeigt auf drei sichtbare Metallplättchen auf der Sitzfläche) und den drei Abstandshaltern. Eames hat das einfach drangeklebt. Die Deutschen denken tausend Tage drüber nach, wie sie dieses Detail so lösen, dass es ehrlich bleibt. Viele deutsche Ingenieure finden es eher schön, wenn man die Konstruktion sieht.

Begeistert Sie das nur, oder sind Sie selbst auch ein bisschen so?

Ich habe versucht, über diese Antworten herauszufinden, wer ich sein will. Meine Nachbarn konnten mir nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist, deutsch zu sein. Das ist ja eine schwere Frage. Übers Bauhaus, das ja eine deutsche Erfindung war, bekomme ich Antworten, die über hundert Jahre alt sind. Und was ich gelernt habe ist, dass das Bauhaus gar nicht so pur deutsch war, sondern sehr international.

Am Bauhaus haben Schweizer gelehrt, Ungarn, Franzosen, Holländer. Es war sehr, sehr offen für Einflüsse. Das sind die beiden Sachen, die ich mitgenommen habe aus meinen Studien mit deutschem Design. Dass deutsche Identität, zumindest was Architektur und Formgebung angeht, sehr viel zu tun hat mit einem ehrlichen und intensiven Forschergeist. Und das zweite ist, offen zu sein für Einflüsse. Den Mut zu haben für neue Ideen und Visionen.

Haben Sie versucht, das bei den Hartz-IV-Möbeln einfließen zu lassen?

Ich dachte mir, die großen Baumeister von damals haben ja alles mit dem Gedanken erfunden, die Welt ein bisschen besser zu machen. Dass jeder ein Anrecht auf einen Balkon, auf Sonne, auf eine Küche, auf ein Bad, auf einen schönen Stuhl, auf eine schöne Wohnung hat. Nicht nur die Reichen. Und ich finde es komisch, dass zum Beispiel Mies van der Rohes „Barcelona Chair“ um die 6.000 Euro kostet.

Wenn das Design für alle da sein sollte, ist das am Ziel vorbeigegangen. Eigentlich habe ich nur versucht, Bauhaus auf die heutige Zeit zu übertragen, denn damals gab es noch kein Facebook, kein Internet und keine offenen Werkstätten. Im Grunde ist es nichts Neues. Ich habe nur viele Dinge, von denen ich finde, dass sie zusammengehören, zusammengebracht. Ich bin kein Designer. Ich habe den DNA-Code der Möbel übertragen auf Baumarktniveau, damit sie jeder selbst bauen kann.

Und worum geht es Ihnen?

Was mich im Moment interessiert ist: Was braucht man wirklich, um glücklich zu sein? Das hat ja nicht nur mit Möbeln zu tun, sondern mit Nahrung, mit Kleidung, Mobilität und so weiter. Braucht denn wirklich jeder ein Auto? Braucht denn wirklich jeder einen Fernseher? Braucht man überhaupt einen „Barcelona Chair“? Braucht man eine 100-Quadratmeter-Wohnung? Oder reichen vielleicht schon 34 Quadratmeter? Diese Fragen treiben mich um. Ich versuche, Baupläne dafür zu kreieren, weil ich ja kein Politiker bin. Ich kann kein Parteiprogramm aufstellen. Das ist nicht mein Werkzeug. Ich versuche einfach, Pläne aufzustellen, Do-it-yourself-Pläne. Erstens, zweitens, drittens, wie jeder glücklich sein kann.

Wie funktioniert das über Möbel?

Ich finde wirklich, Holz macht stolz. Irgendwie passiert da was und man denkt sich: Du hast etwas geschaffen. Und dieses Gefühl der Bestätigung, das potenziert sich noch, wenn man es teilt. Man kann seine Sachen bei Facebook hochladen und zusehen, wie viele auf „Gefällt mir“ klicken. Ich zwinge die Leute ja schon fast dazu, weil es in meinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen steht. Wer Baupläne haben will, muss teilen wollen. Das ist die Währung, die ich habe, diese Offenheit. Den Partizipationsansatz habe ich auch im Bauplan integriert. Man muss sich bestimmtes Werkzeug ausleihen, braucht vielleicht eine Werkstatt, man muss Leute fragen, die eine Säge haben. Auf einmal werden soziale Kontakte aktiviert.

Haben Sie an den Hartz-VI-Möbeln etwas verdient?

Ich habe das Privileg, dass ich davon finanziell unabhängig bin. Bis jetzt habe ich monetär gemessen nichts verdient. Aber ich habe wahnsinnig viel Kapital angereichert. Ich gebe jede Woche zwei Interviews und habe auf meiner Facebookseite mehr als 7.000 Menschen, die voll dahinterstehen. Egal was ich brauche, ich kann meine Crowd fragen und die hilft mir.

Und wie sieht Ihre Bilanz aus?

Wenn ich einen Geschäftsbericht machen würde, was würde da drinstehen? 4.000 bis 5.000 Möbel in 12 Ländern produziert. Kundenzufriedenheit: sehr hoch. Ausgaben: null. Mitarbeiter: vielleicht 7.000? Lagerkosten: null. Logistik: null. Carbon Footprint: null. Kosten für Werbung: null. Es ist letztlich eine globale Möbelmanufaktur geworden, in der es keine Hierarchie gibt, keinen Chef. Ich produziere eigentlich genau so viele Möbel wie Luxusmöbelhersteller, nur verzichte ich auf den ganzen Apparat, der einen zwingt, immer wachsen zu müssen. Es ist einfach ein interessantes Experiment, um eine Firma neu zu denken.

Mit Van Bo Le-Mentzel sprach Anja Martin.

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20.05.2013 17:45 Uhr
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