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Treppen Die Aufsteiger

 ·  Treppen sind längst nicht mehr nur zweckmäßig: Immer mehr Planer inszenieren sie als Möbel, das sich dem Raum anpasst. Die Bauaufgabe „Treppe“ ist heute eine Kunst für sich.

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© Kai Hansen Architekten Teil der Einrichtung: Ob mit oder ohne Unterbau, die neuen Treppen spielen bei der Inszenierung eine große Rolle und passen sich bei der Materialwahl an die Umgebung an

Beton knarrt nicht, Beton zittert nicht. Nicht einmal harte Schuhabsätze klackern auf den grauen Stufen. Jeder Laut wird verschluckt. Man möchte hinzufügen: zum Glück. Denn würde solch eine Treppe auch nur leise schwingen, würde einem wohl mulmig; so luftig und geländerfrei, wie sie ist.

Aber sie schwebt nur, und das mit Bravour, so dass auch Kai Hansen, ihr Architekt, nach Jahren noch sehr zufrieden ist. Er hat sie in ein Stadthaus im Zentrum von Berlin bauen lassen. Die Bauherren wollten die ganz große Blankheit: Beton-Plattenwände, offene Grundrisse und mitten im schmalen Haus einen Aufgang wie eine Skulptur.

Entstanden ist eine Freitreppe. Sie besteht aus fünfzehn Schwebebalken, die vor Ort aus reinem Industriebeton gegossen wurden. Die Stufen ragen in den Raum, wuchtig und dick eine jede, aber in seiner Gesamtheit wirkt das Gebilde grazil. So roh und leicht zugleich könne Beton sein, schwärmt Hansen. Noch etwas zeige dieses Beispiel: Die Bauweise ist höchst funktional, doch die Treppe ist weit mehr als eine Funktionsfläche. „Lange Zeit ging es nur darum, Geschosse zu verbinden“, sagt der Architekt. Heute ist die Bauaufgabe „Treppe“ eine Kunst für sich.

Immer mehr Bauherren begeistern sich für den rauhen Charme. Sie wählen „Architektenbeton“. Das ist die neue Bezeichnung für Sichtbeton, also die Variante, bei der die Oberflächen im Betonwerk gut behandelt wurden, einigermaßen glatt sind und sauber. En bloc werden ganze Treppen auf Baustellen gefahren und schweben per Kran ins Haus. Immer häufiger kann man das in deutschen Innenstädten beobachten. Diese Treppen sind im wahrsten Sinne fix und fertig. Denn wer Sichtbeton wählt, deckt ihn hinterher nicht mit einem anderen Bodenbelag zu.

Auch auskragende Treppenstufen sind als Betonfertigteile zu haben. Manche dieser Kunststeine haben feine Beimischungen von Quarz oder Marmor. Damit wirken sie fast wie Naturstein. Vor allem jedoch sind die aufwendig produzierten Setzstufen flacher, nicht so klobig und industriell in der Anmutung, die der Berliner Planer Hansen ganz bewusst wollte. Diese schwebenden Stufen sind die salonfähige, die ganz edle Variante. So bietet sie ein Südtiroler Hersteller zum Beispiel in Kombination mit einer Glaswand an. Bei genauem Hinsehen hängen die Stufen aber nur an der Raumwand, mit der Glasfläche ganz dicht daneben sind sie gar nicht verbunden - eine Raffinesse, die den gegenwärtigen Geschmack trifft. „Die Formen sollen klar sein und das Material reduziert“, erläutert Detlev Saage, Vorstand des Bundesverbands für Treppen- und Geländerbau.

Saage ist Schlosser und Treppenkonstrukteur in Nettetal am Niederrhein. Seit einem Jahrzehnt, erzählt er, steige die Nachfrage nach Designtreppen unaufhörlich. „Erst in der Büroarchitektur, dann unter privaten Bauherren.“ Die Treppe wird nicht mehr in eine Ecke verbannt, sondern rückt in neuen Häusern oder Maisonette-Wohnungen mitten in den Raum. Dort muss sie freilich mit dem übrigen Interieur mithalten. Gängig ist die Verbindung von Materialien wie Holz, Glas und Stahl. Vor allem Glas ist der Renner. Das kommt nicht von ungefähr: Wenn die Treppe viel Raum einnimmt, soll sie wenigstens leicht wirken und transparent sein.

Elegante Faltung: die Treppe als Möbel

Seit man Treppen gerne herzeigt, soll das Verbundsystem möglichst ohne sichtbare Steck- oder Schraubverbindungen auskommen. Aus Holz und sogar aus extrem hartem Glas gibt es reduzierte Varianten, bei denen nur die Stufen aus der Wand herausragen. In anderen Fällen wird die Treppe gleich vollständig zum Einbaumöbel aus Holz, das eine Symbiose mit anderen Einrichtungsteilen oder mit den Fußböden einzugehen scheint. Eine Faltwerktreppe führt zum Beispiel so ins Obergeschoss, wie es jeder Laie von Hand schnell in einer Strichzeichnung beschreiben würde: auf einer schiefen Ebene bergan, aber gestuft in rechten Winkeln. Genau das ist das sogenannte Faltwerk. Allein aus Absätzen und Trittflächen besteht diese puristische Art von Holztreppe. Eine klare Linie - fertig.

Dieser Typ braucht keinen Unterbau, keine Pfeiler, auf denen er steht. Er kommt auch ohne stabilisierende Treppenwangen aus. Die gezackte Konstruktion trägt die Lasten auch so. Verankert werden muss die Falttreppe nur am Sockel und am oberen Ende. In dieser filigranen Form sei eine Holztreppe auch in der modernsten Wohnumgebung konkurrenzfähig, urteilt der Saarbrücker Schreinermeister Josef Ries, der auf den Bau von Treppen spezialisiert ist. Jahrelang hat er für die Fachvereinigung seiner Branche, das Deutsche Holztreppeninstitut (DHTI), geforscht, wie dieser Steg aus Stufen noch schlanker und minimalistischer werden könnte.

Jetzt steckt nicht einmal mehr eine Stahlstrebe im Inneren der Setzstufen, stattdessen ein robuster Kern aus einem Holzverbundmaterial. Diese Bauart erfüllt alle Normen. Sie habe den Vorteil, dass man nur ein Edelholzfurnier für die Oberfläche brauche, sagt Ries. Das dämpft immerhin die Kosten, die ohnehin nicht ganz niedrig sind. Die anspruchsvolle handwerkliche Konstruktion kostet laut Ries etwa mindestens 5500 Euro für ein Geschoss. Teurer kann es leicht werden. „Wenn die Parkettleger kaffeebraune Räuchereiche im Haus verlegen, muss die Treppe aus dem gleichen Material sein“, sagt Ries. Sie passt sich sozusagen immer an.

Die Kosten für ein Geländer sind in Ries’ Preisangabe noch nicht berücksichtigt. Bisweilen verzichten die Bauherren ohnehin darauf, selbst wenn es eigentlich Pflicht wäre. Oftmals wird nur ein Handlauf an der Wandseite montiert, der den Anblick der frei schwebenden Stufen nicht beeinträchtigt. Treppenbauer kennen allerdings auch das Phänomen, dass die Kunden sie nach einigen Jahren wieder zu sich rufen, um doch zumindest eine dezente Reling anbringen zu lassen. Sei es, dass mittlerweile Kleinkinder im Haus wohnen, die Bewohner älter geworden oder Enkel häufig zu Besuch sind.

Und wie sieht das passende Geländer aus? Schlosser Saage rät natürlich zu Edelstahl, oder zumindest einer Kombination aus Holz und Stahl. Dem stimmt auch der innovative Tischler Josef Ries zu. Holz alleine kommt kaum in Frage.

Der Klassiker: Buche mit Wange

Allen Trends zum Trotz ist ein Treppentyp dennoch nicht wegzudenken aus deutschen Eigenheimen: die klassische Wangentreppe aus Holz. Bei ihr sind die Stufen in zwei Seitenbretter, den Wangen, eingestemmt. In anderen Fällen liegen die Stufen auf diesen Wangen wie auf zwei Schienen („aufgesattelt“) und führen hinauf ins nächste Geschoss. Am beliebtesten sind nach Erfahrung von Bernd Milbradt, Tischlermeister im niedersächsischen Celle, Treppen aus Buchenholz. „Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt einfach“, sagt er. Die deutsche Standard-Stiege aus Vollholz ist sein Hauptprodukt. „Sie schafft ein gutes Wohnambiente“, sagt der Tischler.

Wenn schon Holz, dann richtig, lautet seine Devise. Allenfalls die Geländerstäbe sind aus Metall, die Pfosten des Klassikers dagegen hölzern. Sie werden heute jedoch nicht mehr gedrechselt, solch Zierrat wollen die Kunden nicht mehr. Das ist freilich die einzige stilistische Verschiebung.

Handwerksbetriebe wie der Milbradts haben seit einiger Zeit wieder volle Auftragsbücher. Wer eine Buchentreppe in Auftrag gibt, zahlt inklusive Beratung 3000 Euro und mehr. „Günstige Wettbewerber aus dem Ausland, die alles unterbieten wollen, sind auf dem Markt. Aber die Zahl nimmt ab“, sagt der Tischler. Hausbesitzer oder Hausbauer vertrauten auf lokale Betriebe oder große Hersteller, die per Katalog ihre Treppen anbieten, aber auch einen örtlichen Kundendienst durch das Land schicken, ähnlich der Firma Küchen-Quelle, die in gleich welcher Reihenhaussiedlung ihre Küchen montiert.

Dort koste eine standardisierte Treppe manchmal weniger als 2500 Euro, nennt Verbandschef Saage einen Preis. Dabei handelt es sich jedoch kaum um das Modell „Buche-Wange“, sondern um eine viel günstigere Variante aus weicherem Holz und Stahl. Bei Saage, dem Schlosser und bekennenden Liebhaber von Edelstahlkonstruktionen, kostet dagegen eine individuell gestaltete Treppe 8000 Euro - Minimum. Wenn allerdings sein anderes Lieblingsmaterial, das moderne Flachglas, dazukommt, schnellt der Preis noch weiter in die Höhe. Die bisher teuerste Treppe aus seiner Werkstatt kostete 18000 Euro. Das war der Preis für nur eine Etage.

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24.05.2013 17:45 Uhr
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