14.09.2009 · Orientalischer Pragmatismus bestimmt in Israel den Umgang mit den Häusern aus der Zeit des Neuen Bauens. Ein Denkmal ist nicht unantastbar. Trotz der Anerkennung als Weltkulturerbe will Tel Aviv nicht Museum sein.
Von Hans-Christian Rössler, Tel AvivDie Pläne auf dem Schreibtisch von Ari Leibovich sind schon fertig. Große Balkone, ein flaches Dach und klare Linien werden den Neubau an der Tel Aviver Miqwe-Israel-Straße kennzeichnen. „Alles im Bauhausstil“, sagt der junge Bauunternehmer gelassen auf die Frage, ob er sich denn keine Sorgen mache, die 73 neuen Wohnungen in Zeiten der Wirtschaftskrise auch loszuwerden.
Der Stil, der in den dreißiger Jahren aus Deutschland kam, ist in der Stadt am Mittelmeer heute zu einem zugkräftigen Verkaufsargument geworden: Wenn es schon kein historisches Gebäude ist, wollen viele Käufer wenigstens ein wenig „Neo-Bauhaus“ haben. Noch bis in die neunziger Jahre schienen die gut tausend Bauhaus-Bauten in Tel Aviv dem langsamen Verfall preisgegeben zu sein.
Seit die UN-Kulturorganisation Unesco sie jedoch 2003 zum Weltkulturerbe erklärt hat, können viele Israelis nicht mehr genug von ihnen bekommen. Touristen strömen durch die von Bäumen gesäumten Straßen des historischen Zentrums, und Ari Leibovich hat volle Auftragsbücher: Obwohl die ältesten „Bauhäuser“ in den dreißiger Jahren entstanden sind, wachsen sie noch heute weiter.
Durch enge Einbahnstraßen
In seinem schweren Audi kämpft sich der Bauunternehmer durch die engen Einbahnstraßen des Viertels rund um den Rothschild-Boulevard von einer Baustelle zur nächsten. Leibovich renoviert die denkmalgeschützten Bauten nicht nur. Wenn seine Arbeiter fertig sind, sind manche fast doppelt so hoch wie zuvor.
„Mindestens ein Stockwerk muss genauso aussehen wie die darunter, die noch die Bauhaus-Architekten geplant haben. Auf das Flachdach können wir dann noch ein oder zwei Stockwerke draufsetzen, eine Art Penthouse, das etwas zurückgesetzt wird“, erklärt Ari Leibovich vor dem jetzt sechsstöckigen Haus in der Engelstraße 7.
Zwischen dem historischen Kern und den neuen Etagen ist kein Unterschied zu erkennen. Die modernen Aufbauten auf dem Dach lassen sich von der Straße aus nur von der Seite sehen. „Der Rest ist Bauhaus pur“, schwärmt der Bauunternehmer und zeigt stolz auf das hohe Fenster im Treppenhaus, die hölzernen Jalousien und den Gartenzaun aus Metall.
Strikte Auflagen
Streng sind die Denkmalschutzauflagen, aber in Tel Aviv gehört dazu ein Schuss orientalischer Pragmatismus, wenn es um den Ausbau geht - auch nach unten. Denn viele der renovierten Häuser haben nun eine Tiefgarage. Dafür stellt man sie einfach auf Betonpfeiler, die sich bis zu zwanzig Meter tief in die Sanddünen bohren.
Dann können die Parkplätze entstehen, an denen es in Tel Aviv zu Tausenden mangelt. Sie steigern den Wert des Gebäudes noch einmal: Rund 50.000 Dollar muss man heute für einen Stellplatz in der staugeplagten Innenstadt ausgeben. Bei den Wohnflächen können die Quadratmeterpreise auf bis zu 11.000 Dollar steigen.
„Bauhaus“, wie die Häuser im Stil des Neuen Bauens pauschal genannt werden, ist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Langsam werden deshalb die unrenovierten Häuser in der Innenstadt knapp. Denn die Investitionskosten lassen sich durch die zusätzlichen Wohnungen relativ schnell wieder hereinholen.
Architekten auf der Flucht
Die Stadt mit den meisten Gebäuden des Neuen Bauens auf der Welt haben meist jüdische Architekten geplant und gebaut, die in den dreißiger Jahren aus Europa vor den Nationalsozialisten fliehen mussten. Im Jahr 1939 gab es mehr als 100 Architekten in Palästina, die eine deutsche Hochschule besucht hatten, darunter 19, die am Bauhaus studierten.
Der schnörkellose sachliche Stil, den sie mitbrachten, passte zu der Aufbruchstimmung dieser Tage: Tel Aviv sollte die moderne Stadt für die „neuen Juden“ sein und nichts mehr mit den engen Gassen der osteuropäischen Gettos gemeinsam haben. Die Vorliebe der Bauhaus-Lehrer für großzügige Balkone und Flachdächer, auf denen sich die heißen Sommer am Mittelmeer auch ohne Klimaanlagen ertragen lassen, erwiesen sich dabei als ein Segen.
Kurze Begeisterung
Doch die Begeisterung für den neuen Stil war nicht von Dauer: Die Bauhaus-Viertel verkamen, die Menschen zogen lieber in die Neubauten im Süden - bis Niza Szmuk Anfang der neunziger Jahre anfing, systematisch Straße für Straße im alten Zentrum zu durchkämmen, wo kaum noch ein Haus in dem Weiß erstrahlte, mit dem die Stadt heute wieder für sich wirbt. Die Architektin, die damals bei der Stadtverwaltung angestellt war, erstellte die erste Übersicht, wie viele historische Gebäude es überhaupt gab. Dann begann ein jahrelanger Kampf darum, so viele wie möglich vor Zerfall oder entstellenden Renovierungen zu bewahren.
„Wichtig ist es, den Geist der Gebäude zu erhalten“, sagt Niza Szmuk. Das geht für sie bis zu den Fensterrahmen. Auch wenn vielleicht Aluminium am Mittelmeer besser geeignet sein mag, müssen Fensterrahmen und Jalousien aus Holz sein, wie sie es auch in den Originalbauten waren. Hier konnte sich die Architektin durchsetzen, der es auch zu verdanken ist, dass Tel Aviv als einzige Stadt in Israel eine eigene Denkmalschutzbehörde hat.
Manche Kompromisse tun weh
Andere Kompromisse tun ihr bis heute sichtlich weh. „In zwanzig Jahren werden diese Viertel anders aussehen. Durch die zusätzlichen Stockwerke werden sich die Proportionen der Häuser verändern. Es wird weniger Licht in die Straßen kommen, weniger Grün und mehr Autos geben“, befürchtet sie.
Aber Stadt und Staat haben schlicht nicht genug Geld, um den Eigentümern das zuvor gewährte Recht, ihre Häuser mit neuen Stockwerken zu versehen, mit einer Entschädigung wieder abzukaufen. „Tel Aviv war schon immer eine Stadt, die viel gewagt hat und wenig über die Konsequenzen nachgedacht hat“, seufzt Niza Szmuk, deren Wanderausstellung über das Tel Aviver Bauhaus gerade im Frankfurter Architekturmuseum zu sehen ist.
Zusätzliche Wohnungen
Aber die zusätzlichen Wohnungen auf dem Dachgeschoss erlauben oft erst die dringend notwendige Renovierung. Vielen Eigentümern fehlt das Geld dafür; städtische oder staatliche Unterstützung gibt es nicht. Meira Meisler hätte gegen ein weiteres Stockwerk nichts einzuwenden. „Hauptsache, es geschieht etwas“, sagt die Goldschmiedin, die in einer weiteren architektonischen Besonderheit im Norden der Stadt lebt.
Zur Bauhaus-Epoche gehören nicht nur die freistehenden Häuser mit Garten, sondern auch fünf genossenschaftliche Wohnblocks mit Hunderten von Wohnungen. Ihr Architekt, der israelische Bauhaus-Schüler Arieh Scharon, hatte sich von der Berliner Siemens-Stadt und dem Karl-Marx-Hof in Wien inspirieren lassen.
In diesen Siedlungen des Gewerkschaftsdachverbands Histadrut zogen dann aber kaum Arbeiter ein: „Hier wohnten früher Intellektuelle, ein bekannter Richter und sogar die Ministerpräsidentin Golda Meir“, erinnert sich Meira Meisler. Besonders an der Fassade haben Generationen von Bewohnern ihre Spuren hinterlassen: Sie haben Klimaanlagen angebaut, alle möglichen Rollläden angebracht und aus den kleinen Balkonen zusätzliche Zimmer gemacht. Von der streng gegliederten Bauhaus-Fassade ist kaum noch etwas zu erkennen. Meira Meisler hofft, dass die Renovierung die alte Schönheit zurückbringt - auch wenn sie dann ihr kleines Arbeitszimmer verlieren könnte, in das sie ihren Balkon verwandelt hat.
Aufzüge und Klimaanlagen
„Tel Aviv ist eine lebende Stadt und kein Museum. Darauf sind wir stolz“, sagt Jeremie Hoffmann, der Chefkonservator im Rathaus. Die Leute wollen Aufzüge und Klimaanlagen, die Regierung einen besseren Schutz vor Erdbeben; schon das mache täglich schwierige Entscheidungen nötig, sagt der Nachfolger von Niza Szmuk im Rathaus, dem ein anderes Problem noch größeres Kopfzerbrechen bereitet: In vielen Bauhaus-Bauten tickt nach seinen Worten eine „Zeitbombe“.
Die feuchtwarme salzhaltige Meeresluft und die Autoabgase setzen dem mit Eisen verstärkten Beton in den Gebäuden schwer zu. Aufwendig muss er saniert werden, wie lange er dann hält, kann niemand genau sagen. „Wir sind hier ein großes Laboratorium“, sagt Konservator Hoffmann und meint nicht nur den Beton, sondern den Umgang mit dem historischen Erbe. Die Tel Aviver Bauhaus-Architekten wussten jedenfalls von der begrenzten Haltbarkeit ihres bevorzugten Baumaterials. Kurz vor seinem Tod habe einer von ihnen erzählt, dass er und seine Kollegen dachten, dass die Menschen nach fünfzig Jahren genug von dem Stil und Lust auf Neues hätten, erinnert sich Niza Szmuk.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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