09.06.2008 · Am 28. und 29. Juni findet in vielen deutschen Städten wieder der Tag der Architektur statt. Da öffnen Gebäude im ganzen Land für Besucher ihre Pforten. Die Städte haben erkannt, dass gute Architektur ein starker Standortfaktor ist.
Von Christiane HarriehausenGebäude prägen das Leben der Menschen. Sie schaffen Identifikation, vermitteln Botschaften und gehen in ihrer Bedeutung oft weit über die reine Funktionalität hinaus. Doch während in früheren Zeiten die Auseinandersetzung mit der Architektur häufig kleinen Zirkeln von Künstlern, Staatsmännern und intellektuellen Kreisen vorbehalten war, ist sie heute Teil des Alltagslebens. Die Öffentlichkeit diskutiert, kritisiert, lobt und verwirft neue Bauvorhaben. Großbaustellen wie der Potsdamer Platz in Berlin oder die Hafen City in Hamburg locken die Massen.
Steigende Besucherzahlen verzeichnet auch der jährlich veranstaltete Tag der Architektur. 2007 nutzten rund 137.000 Menschen in ganz Deutschland die Gelegenheit, 1500 Gebäude in 731 Städten zu besichtigen und mit Architekten, Bauherren und Nutzern ins Gespräch zu kommen. Das waren fast 30.000 mehr als im Vorjahr, und auch in diesem Jahr erwarten die Architektenkammern wieder einen neuen Rekord. Der Tag der Architektur, der in den meisten Bundesländern am 28. und 29. Juni stattfinden wird (Schleswig-Holstein am 15. Juni und in Nordrhein-Westfalen am 20. und 21. Juni), steht dieses Mal unter dem Motto „Architektur belebt“.
Immobilien werden zu Ikonen
Als vielbeachtete Beispiele hierfür nennt Arno Sighard Schmid, Präsident der Bundesarchitektenkammer, das Schloss Ettersburg bei Weimar, die neu errichtete Sprungschanze in Garmisch-Partenkirchen, den neu gestalteten Nöldnerplatz in Berlin oder auch die entstehende Philharmonie in Hamburg. „Die Sprungschanze und die Elbphilharmonie werden zu Ikonen und geben dem Wirtschafts- und Tourismussektor starke Impulse“, urteilt Schmid. Er sieht im Tag der Architektur eine wichtige Möglichkeit, die Bevölkerung noch stärker für eine Auseinandersetzung mit der Architektur, Stadtplanung und Landschaftsgestaltung zu begeistern.
„Speziell vom diesjährigen Bundesauftakt, der in dem von Staab Architekten umgebauten Plenarsaal des Bayerischen Landtags stattfindet, verspreche ich mir eine Fortführung des Dialogs über Rekonstruktion versus Moderne, insbesondere auch mit der Politik“, sagt Schmid. Aus seiner Sicht ist der umgebaute Plenarsaal ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Tradition und Moderne verbunden werden können, ohne miteinander in Konkurrenz zu treten, sondern sich vielmehr zu ergänzen.
Nachhaltige Gesamtlösungen sind gefragt
Als große Aufgaben, denen sich Architekten stellen müssen, nennt der Präsident der Architektenkammer die Folgen des Klimawandels. „Es geht um wirklich nachhaltige Gesamtlösungen, welche die städtebauliche Konzeption genauso berücksichtigen wie einen intelligenten öffentlichen Nahverkehr, den Einsatz recycelbarer Baumaterialien und die energetische Konzeption von Gebäuden bereits im Entwurfsstadium.“
„Umweltfreundliche, energiesparende Architektur ist heute ,Markenzeichen' deutscher Architektur, die auch international stark beachtet und nachgefragt wird“, schildert Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee die Situation. Aus seiner Sicht gibt es für die Architekten noch viele gesellschaftlich relevante Aufgaben zu lösen. Dazu zähle auch der demographische Wandel. Bestehende Gebäude, also auch denkmalgeschützte, müssten barrierefrei und damit altengerecht gestaltet werden. Für Brachflächen und leerstehende Gebäude fordert er neue Nutzungskonzepte.
„Dieses Arbeitsfeld ist riesig“, sagt Bauminister Tiefensee. Beim Wohnungsbau gehe es derzeit vor allem um die Anpassung des Wohnumfelds an neue Bedürfnisse. Das reiche von Parks und Plätzen über Verkehrsbauten bis hin zu Einkaufszentren. Gefragt seien auch neue Modelle des Zusammenlebens mehrerer Generationen.
Der Bauminister will das Seine beitragen
Die Politik sieht Tiefensee in der Pflicht: „Es ist mir wichtig, die Rahmenbedingungen für eine gute, integrierte Stadtentwicklung und gutes Bauen zu verbessern.“ Dafür müssten auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Förderinstrumente an die neuen Anforderungen angepasst werden. Zudem trage die öffentliche Hand in ihrer Funktion als Bauherr Verantwortung. „Für Bundesbauten müssen wir auf hervorragende Qualität achten.“ Das Bundesbauministerium setze daher auf Architektenwettbewerbe und ein ansprechendes, wirtschaftliches und nachhaltiges Bauen.
Neben der öffentlichen Hand haben nach Ansicht von Bauminister Tiefensee auch die meisten Investoren inzwischen erkannt, dass sich die Investitionen in die Qualität der Architektur und den öffentlichen Raum sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht auszahlen. „Lebensqualität und Attraktivität unserer Städte sind ein wichtiger Standortfaktor im globalen Wettbewerb.“ Und die Architektur spiele hierbei eine entscheidende Rolle.
Trumpf für einen Standort
„Gute Architektur ist eine Trumpfkarte für einen Standort. Der Qualitätsanspruch darf sich aber nicht auf wenige Großprojekte beschränken“, mahnt der Bundesbauminister. Das Guggenheim Museum in der spanischen Stadt Bilbao habe zwar gezeigt, welchen Schub ein einziges Leuchtturmprojekt für die Entwicklung einer bis dahin architektonisch unbekannten Stadt bedeuten kann.
Eine wirklich attraktive Stadt entstehe jedoch nur, wenn es auch eine gute Alltagsarchitektur mit attraktiven Wohnquartieren, überzeugenden Industriebauten, einer guten Straßen- und Platzgestaltung sowie einer sinnvollen Verkehrsplanung gebe. „Dann entsteht Heimat. Es geht um eine Stadtentwicklungspolitik, welche die wirtschaftliche, soziale und ökonomische Entwicklung gleichermaßen berücksichtigt und alle Beteiligten an einen Tisch bringt.“
Hochwertige Architektur steigert den Wert einer Immobilie
Wie wichtig dieser Dialog ist, weiß auch Matthias Ottmann, Geschäftsführer der Südhausbau, eines der ältesten Wohnungsbauunternehmen in Bayern, das sich zudem noch vollständig in Familienbesitz befindet. „In den letzten 70 Jahren haben wir rund 20.000 Wohnungen für 55.000 Menschen errichtet“, berichtet Ottmann. Die Architektur habe dabei immer eine wichtige Rolle gespielt. „Oft wird Wohnqualität zuerst in der Architektur sichtbar“, berichtet Ottmann. Als Immobilieninvestor achte er auf die langfristige Perspektive seiner Aktivitäten und sieht in einer hochwertigen Architektur nicht nur einen Wettbewerbsvorteil am Markt, sondern auch einen Weg zum Werterhalt eines Gebäudes.
„Vor allem in innerstädtischen Lagen ist eine hochwertige Architektur als Qualitätsmerkmal gefragt“, sagt Ottmann. Demgegenüber gebe es aber Wohnlagen, in denen andere Aspekte wie Funktionalität oder der Preis im Mittelpunkt stünden. „Je stärker man den urbanen Dialog sucht, desto wichtiger wird Architektur“, resümiert der Fachmann.
Große Zurückhaltung in München
Er beobachtet, dass die deutschen Städte sehr unterschiedlich mit dem Thema Architektur umgehen. „In München ist man eher zurückhaltend, wenn es um herausragende Bauten geht. Die Auseinandersetzung mit der Architektur ist sehr politisiert“, beschreibt er die Lage in der bayerischen Landeshauptstadt. Wie viele andere deutsche Städte stehe auch München vor der Herausforderung, dass freie Grundstücke in der Stadt ein knappes Gut geworden sind. „Daher sollten sie nicht mit mediokrem Baurecht beplant werden“, mahnt Investor Ottmann.
Wichtig ist aus seiner Sicht auch, dass alle Akteure einer Stadt Architektur als Standortmerkmal definieren und die politischen Gremien diesem Aspekt noch größere Aufmerksamkeit schenken. „Eine Immobilie wird immer stark renditeorientiert gesehen. Doch es gibt eine Rendite, die mit der Zukunftsfähigkeit eines Standortes zusammenhängt. Um diese zu erzielen, braucht es die Unterstützung aller Beteiligten.“
Unter www.tag-der-architektur.de finden sich nähere Informationen zu den Aktivitäten der einzelnen Bundesländer sowie eine Liste der Projekte, die besichtigt werden können.