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Stadtplanung Rekorde auf Zeit

09.03.2010 ·  Die Wolkenkratzer in Asien sind Folgen der Wohnungsnot - langfristig könnte die europäische Stadt zum Vorbild werden.

Von Ingmar Höhmann
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Der Monsterturm von Dubai könnte einem Science-Fiction-Film entstammen, in dem der Großteil der Menschheit zusammengepfercht in Wolkenkratzern aus Stahl, Glas und Beton lebt - in sterilen Wohnzellen, abgeschottet von der Umwelt. 828 Meter ragt der Anfang des Jahres eröffnete Burj Khalifa in die Höhe. 12 000 Menschen wohnen und arbeiten in dem 1,8 Milliarden Dollar teuren Mammutbauwerk. Es ist eine eigene Stadt mit Luxushotel, Fitnessclub und Nobelrestaurants.

Fast ein Jahrhundert lang strebt die Menschheit nun architektonisch in die Höhe: Die großen Städte in den Vereinigten Staaten machten es vor, später folgten die Megacities in Fernost. Heute führen die arabischen Emirate im Wettrennen um die höchsten Gebäude. Dubais Superturm überragt selbst die Wolkenkratzer in Kuala Lumpur und Schanghai, doch das heißt nicht, dass er das letzte Megaprojekt sein wird. „Es geht in den asiatischen und arabischen Staaten auch um Symbolik, um Prestige, um die Demonstration von wirtschaftlichem und technischem Können“, sagt der Stuttgarter Architekt Werner Sobek.

Architektonische Höhenkunst? Fehlanzeige

Ganz anders die europäischen Länder: Nur vereinzelt finden sich noch Hochhausprojekte, Vergleichbares wie den Burj Khalifa sucht man vergebens. „Die Stadtplaner folgen einem relativ zementierten Leitbild. Die europäische Stadt und ihre Überschaubarkeit ist in den Köpfen fest verankert“, sagt Bernd Hallenberg, Leiter Forschung und Consulting beim Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung VHW. In der 2007 verabschiedeten Leipzig Charta haben sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union Werten wie Ökologie, kultureller Vielfalt und sozialer Balance verpflichtet. Architektonische Höhenkunst? Fehlanzeige.

Ein zentraler Punkt der Leipzig Charta ist die Beteiligung der Bürger. Wohin das führen kann, zeigt das Beispiel München: Dort gilt nach einem Votum der Einwohner die 100-Meter-Grenze für alle Bauvorhaben - mehrere Hochhausprojekte blieben deshalb schon auf der Strecke. Ohnehin sind die deutschen Städte das Aushängeschild des europäischen Paradigmas. Masterpläne für die Stadtentwicklung in Köln oder Mannheim erheben Lebensqualität zum Leitbild. Statt glitzernder Riesentürme sehen die Pläne mehr Parks, öffentliche Flächen und verkehrsberuhigte Zonen vor. Das Auto verbannen sie aus der Innenstadt.

Europa kehrt zur Beschaulichkeit zurück

Während die asiatischen Metropolen boomen, kehrt Europa zur Beschaulichkeit zurück. Verlieren die Metropolen der Alten Welt im internationalen Städtewettbewerb den Anschluss? Ganz im Gegenteil, findet der Münchener Architekturprofessor Gerhard Hausladen. Er hat zwei Hochhausstudien in der bayerischen Landeshauptstadt begleitet - und ist froh, dass die Bürger gegen den Turmbau entschieden haben. „Da haben doch viele ernsthaft argumentiert, München brauche Hochhäuser, um modern zu erscheinen“, sagt er. „Gott sei Dank gehört das der Vergangenheit an.“ Modernität habe nichts mit dem Bau in die Höhe zu tun.

Mit dieser Ansicht steht Hausladen nicht alleine dar. Renommierte Architekten auf der ganzen Welt sehen in den europäischen Städten eine Vorbildfunktion. Zwar sei von den Glitzerpalästen in Asien eine Signalwirkung ausgegangen, sagt Klaus Beckmann, wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu). Doch die Städte mit der höchsten Lebensqualität hätten europäisches Flair, beispielsweise Zürich, München oder Hamburg. „In diesen Orten entstehen hochwertige Arbeitsplätze. Unternehmen legen auf weiche Standortfaktoren Wert wie Bildung oder Umweltqualität - und nicht auf die höchsten Bürotürme.“

Die Tücken der Wolkenkratzer

Doch nicht nur das - die Hochhaus-Städte in den Schwellenländern bringen gleich eine ganze Reihe von Problemen mit sich. Die Infrastruktur stößt schnell an ihre Grenzen, wenn sich viele Menschen auf dichtem Raum zusammendrängen. Neben der Ver- und Entsorgung sei vor allem die Verkehrsanbindung zu bewältigen, sagt Beckmann. „Wo kein öffentlicher Nahverkehr existiert, funktioniert der Transport der Menschenmassen nicht. Das beste Beispiel ist Los Angeles - hier gehört der Verkehrskollaps zum Alltag.“ 

Zudem haben die Wolkenkratzer selbst ihre Tücken. Dicke Fundamente, eine ausgeklügelte Statik, Hightech-Fassaden für die starken Winde in luftiger Höhe: Der Konstruktionsaufwand für die Riesen in den asiatischen Metropolen ist enorm. Weitere Anforderungen kommen auf die Erbauer zu: Der größte Teil der Kosten entfällt auf die Instandhaltung - und gerade die geht bei Hochhäusern ins Geld. So steige der Aufwand für Brandschutz, Logistik und Energieversorgung mit der Geschosszahl überproportional an, sagt Experte Hausladen - und das schon „ab einer Gebäudehöhe von 50 Metern“. Der deutsche Architekt Albert Speer hält Häuser mit mehr als 400 Metern Höhe generell für unwirtschaftlich.

Kritisch sehen Stadtentwickler auch den Umgang mit den vorhandenen städtischen Strukturen in den Boomstädten Asiens. „In Schanghai zerstören die Planer für Hochhäuser rigoros die alte Bausubstanz“, sagt Difu-Geschäftsführer Beckmann. „Das geht nur in einem autoritären System, bei uns wäre das nicht möglich.“

Zentraleuropäische Arroganz

Doch nicht alle Vertreter moderner Stadtplanung stellen den Sinn der asiatischen Riesenbauten in Frage. „Zu sagen, dass Hochhäuser per se schlecht sind, zeugt von zentraleuropäischer Arroganz“, sagt der Stuttgarter Architekt Sobek. „Die Voraussetzungen sind in den explodierenden Metropolen in Asien ganz andere als in den, was die Bevölkerungszahl angeht, stagnierenden Städten Europas.“ Verdichtung sei bei starkem Wachstum absolut notwendig, und das bedeute auch, Wohnhäuser mit einer Höhe von 100 bis 200 Metern bauen zu müssen. „Wir können die vielen - nicht zuletzt wegen einer massiven Landflucht - rapide wachsenden Städte nicht nach dem Muster der Gartenstädte des 19. Jahrhunderts bauen“, hebt Sobek hervor.

Asiens Megacities begegnen mit dem Bau in die Höhe der Wohnungsnot - der Nachholbedarf ist immens. Ein chinesischer Bürger etwa verfügt heute über eine durchschnittliche Wohnfläche von 5 bis 7 Quadratmetern. In Deutschland liegt diese Zahl bei mehr als 40.

Will China den hiesigen Standard erreichen, dann muss das Land noch das Sechs- bis Siebenfache des bereits bestehenden Wohnraums errichten. Werden die Chinesen nun in Massen in die Bundesrepublik flüchten? Architekt Sobek gibt Entwarnung: „Zwischen europäischen und chinesischen Städten herrscht kein Wettbewerb, weil es keine nennenswerte internationale Migration gibt.“ Den Konkurrenzkampf sieht er eher innerhalb Europas sowie innerhalb Chinas.

Auch in den Emiraten geht es nicht mehr nur um Höhenrekorde

Sollte sich das Bevölkerungswachstum eines Tages abschwächen, könnte auch der Turmbau der Vergangenheit angehören. Schon heute gelten europäische Städte in Regionen, die es sich leisten können, als Blaupause für Vorzeigeprojekte. Los Angeles will den Beton, der den Fluss durch die Stadt zupflastert, aufbrechen und endlich mehr Grün in den Moloch bringen. Seoul in Südkorea beruhigt nach europäischem Vorbild Teile der Innenstadt. Und selbst in den arabischen Emiraten geht es nicht mehr um Höhenrekorde.

Unweit vom höchsten Turm der Welt, in Dubais Nachbaremirat Abu Dhabi, entsteht derzeit der Prototyp der Stadt der Zukunft. Masdar City soll seinen Strom komplett aus erneuerbaren Energien beziehen und dank umfangreichem Recycling so gut wie keine Abfälle produzieren. Vor allem aber in einem Punkt unterscheidet sich das 22-Milliarden-Dollar-Projekt von seinen Nachbarn in Dubai: Die Bebauung richtet sich nach der traditionellen arabischen Stadt, die Gassen sind schmal und schattig. Wolkenkratzer à la Burj Khalifa wird es hier keine geben - allein schon aus ökologischen Gründen.

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