Brasilianische Telefonzellen, marokkanische Brunnen, japanische Neonreklame - eine der letzten öffentlichen Freiflächen Kopenhagens soll gestaltet werden. Und zwar nicht nur von Architekt und Behörden, sondern von den Bewohnern des Viertels Nørrebro selbst. Es ist ein multikultureller Stadtteil mit 57 Nationalitäten.
Jeder kann ein Lieblingsstadtmöbel aus seinem Heimatland vorschlagen. Sechzig davon werden später in das eineinhalb Kilometer lange Gelände integriert. „Ich bin selbst gespannt auf die Ergebnisse“, gesteht Bjarke Ingels, der mit seinem Büro BIG den Wettbewerb um Superkilen gewonnen hat.
Sympathische Leuchten
„Im vielschichtigsten Viertel Kopenhagens wollten wir etwas machen, das die Nachbarschaft wirklich abbildet“, erzählt der Architekt. Ohne Frage geht es dabei um Integration. Aber auch darum, Vielfalt zu nutzen. „Es gibt sechs Milliarden Menschen auf der Welt, aber nur fünf Millionen in Dänemark. Und vieles ist in anderen Ländern besser.“
So hofft man auf die schönsten und komfortabelsten Bänke, auf die sympathischsten Leuchten und auf die funktionalsten Grillstellen der ganzen Welt. Die Sammlung der Vorschläge läuft derzeit, bis Dezember sollen die Pläne gezeichnet sein, und im Sommer 2010 werden die Bauarbeiten losgehen, während Lieferungen aus aller Herren Länder in Kopenhagen eintreffen.
Grüner Park, roter Platz, Schwarzmarkt
Als Setting für das Best-off wird Superkilen, was zu Deutsch Superkeil heißt und sich auf die schlanke Form bezieht, in drei farbige Bereiche unterteilt: in den grünen Park, den Roten Platz und den Schwarzmarkt - alles international bekannte Begriffe, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann, auch wenn sie hier anders gedacht sind. Im Park werden nicht nur Gras und Bäume grün, sondern auch Wege und Fahrradständer. Der Rote Platz ist wirklich rot und für Streetsportarten reserviert, während im schwarzen Areal Märkte stattfinden und sich Anwohner zu Schach und Backgammon treffen - hier möchte man vom Süden lernen und die Baumstämme weiß streichen. Weiße Linien auf dem Boden greifen dagegen eine Idee aus einem dänischen Film auf: In Lars von Triers „Dogville“ ersetzen sie Hausmauern.
Zwar geht es in Superkilen um globale Vielfalt, aber auch um Integration. Denn Nørrebro hat eine hohe Kriminalitätsrate und inzwischen einen richtigen Bandenkrieg. „Seit Neujahr gibt es wöchentlich Schießereien“, erzählt Ingels. Ob da portugiesische Bänke und englische Mülleimer helfen können? „Man kann Menschen nicht aufhalten“, meint Ingels. „Das Beste, was man tun kann, ist, belebten statt leeren Raum zur Verfügung zu stellen.“ Er ist davon überzeugt, dass Superkilen die Integration fördern kann. Und zwar nicht nur als Weltausstellung urbanen Alltags, sondern wegen der Spiel- und Sportfreiräume. So steht in der Projektbeschreibung: „Ganz gleich, woher man kommt, an was man glaubt und welche Sprache man spricht. Man kann immer miteinander Fußball spielen.“
Klostergarten, Markthalle oder Skylink?
Die Bevölkerung zu fragen, wenn es um ihre Stadt geht, kommt offenbar immer mehr in Mode. So durften vor zwei Jahren die Hamburger ihre Ideen zur Nutzung des Domplatzes einbringen, nachdem die umstrittene Bebauung mit einem mal „Domkristall“, mal „Glaspalast“ genannten Gebäude vom Tisch war. Da wünschte man sich einen Klostergarten, eine Markthalle oder gar einen Skylink, eine Kabinenseilbahn, die Touristen vom Domplatz über die Altstadt direkt in die Hafencity fliegen sollte.
Die Berliner durften gleich bei mehreren Projekten mitreden - alles symbolische Orte, die in gewisser Weise emotional vorbelastet sind: angefangen beim Alexanderplatz über die Mauergedenkstätte und das Gleisdreieck bis zum Flughafen Tempelhof. Überall sollten sich die Bürger interaktiv beteiligen, ihre Ideen einbringen und online diskutieren. Im Vergleich zur gesetzlich vorgeschriebenen öffentlichen Auslegung des Planungsvorhabens auf dem Amt hört sich das nach einer guten Portion mehr aktiver Mitsprache an. Doch die wichtigste Frage bleibt, wie die Beteiligung gedacht ist: Geht es um eine PR-Maßnahme, darum, Protesten die Basis zu nehmen, oder trauen sich Bürgermeister und Behörden wirklich, den Bürger entscheiden zu lassen?
Klare Ansage
„Es muss von Anfang an klar sein, was mit den Ergebnissen passiert“, meint Andrea Riedel, Stadtplanerin und Geschäftsführerin von Zebralog, dem Büro, das für Gleisdreieck, Tempelhof und Mauergedenkstätte die Online-Beteiligung durchgeführt hat. Sei es, dass die besten Zitate veröffentlicht werden, die Ergebnisse in die Ausschreibungsbedingungen eingehen, sich der Architekt streng an die Top 30 halten muss oder dass die drei besten Vorschläge dem Senat vorgestellt werden.
„Alles andere verschreckt die Öffentlichkeit auf lange Sicht“, urteilt Riedel. Das klingt plausibel. Denn wer macht sich schon die Mühe, Ideen zu entwickeln, sich eine Meinung zu bilden und zu diskutieren, wenn er den Eindruck hat, die Kommune schiebt die ganze moderne E-Partizipation später einfach in die Ablage P?
Basisdemokratie im Internet
Der Weg übers Internet eröffnet für die Mitbestimmung neue Wege: Man erreicht hundertmal mehr Menschen als über klassische Informationsveranstaltungen - und nicht immer nur dieselben. Günstiger ist es obendrein. Außerdem schick und innovativ. Ein weiterer Vorteil: „Im Internet kann man nicht laut schreien wie auf einer Bürgerversammlung“, sagt Riedel. „Da muss man argumentieren oder Fragen stellen.“ Außerdem ist das Internet in gewisser Weise ein geschützter Raum. Es beteiligen sich viele, die sich vor versammelter Mannschaft nichts zu sagen getraut hätten.
Doch auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen: Gerade hat Bürgermeister Wowereit schnell mal die Modemesse Bread & Butter nach Tempelhof geholt - und damit manche Idee übergangen. In Hamburg verwirklicht man am Domplatz nun doch eine auf Dauer angelegte Zwischenlösung, die aus der Beteiligung nur den großen Konsens übernahm, dass die Bürger eine öffentlich erlebbare Fläche wollten. Das hätte man aber auch durch eine einfache Umfrage herausfinden können.
Online-Befragung in Frankfurt
In Frankfurt wird derzeit zum ersten Mal ein regionaler Flächennutzungsplan aufgestellt - die Bürger will die Stadt mit einbeziehen. Schließlich geht es darum, wo Platz für Fabriken, Wohnen oder Windkraft reserviert wird. „Das möchte man so transparent wie möglich gestalten“, berichtet der Pressesprecher des Planungsverbands Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main, Frank Tekkilic. „Damit keiner erschrickt, wenn zweihundert Meter weiter ein Gewerbegebiet entsteht.“
Bei der ersten Online-Befragung im Sommer 2007 gab es rund zehntausend Anmerkungen, die die Behörde über vier Monate prüfen und gegeneinander abwägen musste. Im Herbst dieses Jahres soll die Bevölkerung nun erneut befragt werden. Außer den Plänen wird sich dann ein kleines, aber nicht unwichtiges Detail geändert haben. Zusätzlich zur Eingangsbestätigung bekommt jeder eine Rückmeldung darüber, was aus seiner Eingabe geworden ist.
Fest verankert in der Schweiz
In der Schweiz ist Partizipation schon durchs System der direkten Demokratie fest verankert. Hier geht es nicht mehr so sehr darum, dass die Bürger überhaupt beteiligt werden, sondern wie man eine gemeinsame Ebene findet, auf der sich die Fachleute und die Bevölkerung wirklich verstehen. So wurde am Fachbereich Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich im Zuge eines Nationalen Forschungsprojekts eine Art Werkzeugkoffer entwickelt, um Sprachbarrieren zu überwinden. Dabei soll nicht geschickt kalkuliert die Zustimmung zum Projekt abgeholt, sondern wirklich kommuniziert werden.
Schließlich kann man Laien auch mit bunten Visualisierungen blenden oder mit perspektivischen Tricks umgarnen. „Eine Planung ist erst dann nachhaltig, wenn sich die Bewohner mit ihr identifizieren“, erklärt Michael Martin von der ETH Zürich und spielt darauf an, dass das Prinzip der Partizipation in der Agenda 21 als Grundlage für Nachhaltigkeit beschrieben wurde. „Man muss weg von fixen Zielen, sich stattdessen auf mögliche Ziele zubewegen und die modifizieren.“
Visionäre Attraktion
Auch wenn nun doch keine Seilbahn den Hamburger Domplatz und die Hafencity verbindet, hat die Stadt schon seit mehr als zwei Jahren eine andere von Anwohnern ersonnene visionäre Attraktion zu bieten, bei der sie nicht erst zur Bürgerbeteiligung aufrufen musste. Eine Gruppe aus Künstlern, Hafenstraßenbewohnern und St.-Paulianern hat zehn Jahre lang für einen kleinen Park mit Blick auf die Docks gekämpft, nachdem sie sich Mitte der Neunziger gegen die Pläne eines Investors durchsetzen konnten.
Mit ihrem kollektiven Wunschproduktionsarchiv nahmen sie sogar an der Documenta 11 teil. Ganz gleich, ob die Ideengeber von einst heute unter den Nutzern von „Park Fiction“ sind - jedenfalls ist man sich weit übers Viertel hinaus einig, dass es bei schönem Wetter keinen besseren Platz gibt als auf einem fliegenden Rasenteppich unter künstlichen Palmen.
