Eine Leiter ist eine Leiter, und eine Treppe ist eine Treppe. Dazwischen gibt es aber noch eine Variante: eine steile, schmale Stiege, die von beidem etwas hat. Eine Raumspartreppe, auf deren Stufen man balancieren oder gar tänzeln muss, weil sie nur in einer bestimmten Schrittfolge zu nehmen sind. Und diese Leitertreppenkreuzung regt offenbar stets auch die Phantasie an.
Sambatreppe sagt man dazu, genauso Schmetterlings- und Schiffstreppe - oder aber Leipziger Treppe. Das ist dann eine ganz besondere Form. Bei ihr sind dreieckige Stufen im Wechsel zueinander angeordnet. Wie bei den anderen Treppen dieser Art bleibt man mit jeweils einem Fuß immer schön auf einer Seite. Aber immerhin könne man hier die Dreiecksstufen notfalls auch in der Mitte betreten, sagt der Tischlermeister Bernd Milbradt. „Diese Treppe lässt sich sogar verkehrt herum begehen.“ Das ist die spezielle Leipziger Eigenart.
Zugang zum Dachboden
Als Zugang für Dachböden baut Milbradt sie oft ein oder auch als zusätzliche Verbindung von Wohnräumen. Als ausschließliche Treppe dürfe sie dort allerdings nicht fungieren, denn solch ein schmaler Aufgang gilt nicht als zugelassener Rettungsweg. Immer da, wo wenig Platz im Raum und in der Decke zum Durchstoß vorhanden ist, sei sie dennoch ideal, erläutert Milbradt, der im niedersächsischen Celle tätig ist. Oft ist sie nur 50, 60 Zentimeter breit.
Ein Tischler in Leipzig habe sie im vergangenen Jahrhundert erfunden, weiß Milbradt. Doch bestimmten Werkstätten in Leipzig lässt sich die Bauart nicht zuordnen, und stark verbreitet ist dieser Treppentyp dort auch nicht. Vielmehr entstammt der Begriff wohl der Welt des wandernden Handwerks - Schreiner aus Leipzig werden mit derartigen Treppen einen Eindruck hinterlassen haben. Leipzig hatte außerdem ganz allgemein den Ruf besonders steiler und enger Treppen, seit dort vor gut 100 Jahren viele Siedlungen mit extrem kleinen, mehrstöckigen Arbeiterhäusern gebaut worden waren. Die Spielart, Leitern durch Steiltreppen zu ersetzen, passte also nur zu gut dorthin, man unterstellte sie Leipzig einfach. „Dann machte sich der Begriff offenbar selbständig, so etwas gibt es häufiger“, erzählt der Schreiner Josef Ries vom Deutschen Holztreppeninstitut.
Simple Idee
Der Saarländer Ries weiß noch zu gut, wie es war, als seine Branche vor Jahrzehnten überhaupt begann, sich deutschlandweit zusammenzutun und einheitliche Begriffe für den Holztreppenbau zu finden. „Jede Region hatte eigene Bezeichnungen für ein und dieselben Bauteile“, sagt er. Da gab es viel Verwirrung. Bis heute ist es ein Hemmnis, dass Treppen planerisch oft ein Dasein am Rande führen. Sie werden im Bauwesen zu wenig beachtet, finden Fachleute.
Eine simple Idee liegt der Leipziger Treppe zugrunde, das müssen selbst Skeptiker anerkennen, die so schmale Aufgänge gar nicht als Treppe gelten lassen wollen. Sie besteht aus immer gleichen Teilen gleichschenkliger Dreiecke, die nur gegeneinander versetzt angebracht werden müssen. Das ist leichter herzustellen als die andere Bauart der Steiltreppe, bei der tellerförmige Trittflächen sich rechts und links abwechseln. Ein wesentliches Merkmal dieser Raumspartreppen ist außerdem ihre Kürze. Um die zwei Meter lang sind sie, höchstens 2,50 Meter. Immer sind sie aus Holz.
Historische Beispiele für die raumsparenden Treppen sind rar, wie der Treppenforscher Friedrich Mielke bestätigt. Der hochbetagte Denkmalschützer, der sein ganzes Forscherleben der „Scalalogie“ gewidmet hat, weiß nur von einem Aufgang mit rechteckigen, versetzten Stufen im Dom von Malta. Auch auf einen historischen Vorläufer der Leipziger Treppe ist er bei seinen Recherchen gestoßen - allerdings nur als Zeichnung und natürlich nicht unter diesem Namen.
Mielke fand die Dreiecksstufen in Werken des französischen Architekten Eugène Viollet-le-Duc. Dort sind sie als schmale Steintreppen dargestellt. Ein echtes Exemplar aus der Zeit vor 1900 fand Mielke nie, nicht einmal in französischen Schlössern, Festungen und Kathedralen, die Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert restaurieren ließ. Verwundert hat es ihn nicht. Vieles aus den Schriften Viollet-le-Ducs sei „doch recht phantastisch“.
