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Neue Bundesländer Plattenbauten zu Bungalows

13.08.2008 ·  Arbeiterschließfächer hießen die Plattenbauten im Volksmund der DDR. In Dessau verwandeln sie sich in individuelle Einfamilienhäuser. Die Häuser kosten 150.000 bis 200.000 Euro - mehr nicht. Und dabei werden Dach, Fenster, Türen und die Wärmedämmung komplett erneuert.

Von Jörg Niendorf
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Nur ein Klingeltableau an der Hauswand zeugt noch davon, was hier einmal war: In zwei senkrechten Reihen stehen die Namen von früher. Zwei Wohnungen je Etage, fünf Geschosse. In Kürze fliegt auch dieses alte Bauteil auf den Müll. Dann kommen auch hier neue Dämmplatten auf den Beton, danach moderne Eternitverschalungen in Elfenbein und Rubinrot. Das neue Klingelschild wird nur noch einen Namen tragen: Familie Granditzky.

Der frühere Aufgang für zehn Wohnungen ist fortan die Haustür einer einzigen Familie. Die oberen Stockwerke sind weg, Betonsegment für Betonsegment haben die Bauarbeiter abgetragen. Übrig bleiben acht Reihenhausbungalows - auf der Länge des DDR-typischen Gebäuderiegels von 96 Metern. Noch in diesem Monat wollen alle neuen Besitzer einziehen.

DDR-Typenbauten flexibel und individuell

„Plattenbaukasten“ nennt sich dieses Vorhaben an der Kreuzbergstraße in Dessau. „Es soll zeigen, wie flexibel und individuell DDR-Typenbauten zu nutzen sind“, sagt der Stadtplaner Holger Schmidt von der Wohn-Bund-Beratung. Die Idee für dieses außergewöhnliche Gebäuderecycling stammt von ihm. Mit seinem Dessauer Büro koordiniert er das Projekt im Süden der Bauhausstadt.

Sonst gilt doch der Komplettabriss von leerstehenden Wohnblöcken in ostdeutschen Städten als günstigster Weg. Dafür erhalten die kommunalen Wohnungsunternehmen oder Genossenschaften hohe Zuschüsse aus dem Förderprogramm „Stadtumbau Ost“ des Bundes. Hier jedoch wird ein Plattenbau mit staatlichen Mitteln „kontrolliert demontiert“, wie Baufachleute es nennen, um stückweise an private Eigennutzer verkauft zu werden.

Kurz gesagt: Die Wohnungswirtschaft ist die Platte los, und die darauf lastenden DDR-Altschulden werden mit dem Verkauf getilgt. Gleichzeitig jedoch wird die innerstädtische Fläche mit allen Straßen und Anschlussleitungen für Wohnzwecke weiter genutzt, das Umfeld profitiert. Städtebaulich ist das mehr wert als eine weitere Grünfläche. Es ist ein simples, wegweisendes Modell.

Bewohner wählen ganz verschiedene Grundrisse

Einhundertzwanzig Quadratmeter Wohnfläche haben die neuen Besitzer in ihrem Haus zur Verfügung, noch einmal fast einhundert im Keller. „Alle acht Bauparteien haben aber ganz unterschiedliche Grundrisse für ihre Wohnungen gewählt“, sagt Schmidt. Das heißt, die meisten haben Küchen und Bäder versetzen lassen und diese viel größer konzipiert, als sie in den Ursprungswohnungen waren.

„Fünf Wohnräume haben wir jetzt hier oben“, sagt zum Beispiel Bettina Granditzky, während sie über die Baustelle im Erdgeschoss ihres künftigen Eigenheimes führt. In der Mitte liegt das ehemalige Treppenhaus. Nach dem Teilrückbau des dreißig Jahre alten Blocks konnte man vom Treppenflur aus gen Himmel schauen. Dann wurde der Raum mit einer Betonplatte abgedeckt, in deren Mitte ein Oberlicht montiert ist.

Bodentiefe Fenster zum Garten hin

Einige nichttragende Wandsegmente sind aus der Wohnung verschwunden. Außerdem hat die Familie alle Türöffnungen verbreitern lassen. Das war notwendig, weil ihre Tochter im Rollstuhl sitzt. Gleich in drei Räumen ließen die Granditzkys bodentiefe Fensterflächen zur Gartenseite hin einbauen. Das Heraussägen dieser Öffnungen aus dem Beton war kein Problem. „Wir waren erstaunt, wie gut sich der Bungalow unseren speziellen Bedürfnissen anpassen ließ“, sagt Bettina Granditzky. Eine acht Meter breite Terrasse aus Holz und Stahl liegt nun am Haus, dahinter ist der Garten.

Mindestens einen Austritt ins Grüne haben alle acht Nachbarn in die hintere Fassade sägen lassen. Der Garten ist den Bewohnern wichtig. 400 Quadratmeter gehören zu jedem Reihenhaus. Bis sie sich um Pflanzen und Beete kümmern werden, wird aber noch Zeit vergehen, denn noch sind die Häuser nicht fertig. Viele Bewohner übernehmen Teile des Innenausbaus. Die meisten sind „Platte-erfahren“, sie kennen die Bausubstanz gut. 600.000 Wohnungen gab es allein im DDR-Haustyp „P 2“, dessen Torso sie jetzt mit umgestalten.

Überall riecht es nach frischem Putz. Hinter vielen Eingängen sind mehrere Wände gefallen oder neue Durchgänge entstanden, so wie es gerade erforderlich war - ganz nach dem Baukastenprinzip.

Die Gebäudehülle wurde komplett erneuert

„Jeder Bauherr hat den Rohbau mit einer neuen Gebäudehülle gekauft, das heißt mit Dach, Wärmedämmung, neuen Fenstern und Türen“, erläutert Holger Schmidt. Hinzu kamen die Kosten für das Grundstück und die Planungsleistungen, das ergab das Basis-Paket. Der Einstiegspreis betrug weit weniger als 100.000 Euro. „Wie teuer dann der Innenausbau wird, bestimmen die Eigentümer“, erläutert Schmidt. Zwischen 120.000 und 150.000 Euro bezahlen die Käufer für ihr Haus, mehr nicht. Dafür leben sie zentral, mit einer Straßenbahnhaltestelle vor ihrer Haustür und Natur hinterm Garten.

Hinter ihrer Reihenhauszeile liegen die weiten Auen des Flusses Mulde. „Diese Aussicht ist durch nichts aufzuwiegen“, sagt die Hauseigentümerin Granditzky. Zwei weitere fünfgeschossige Gebäuderiegel, die genau nebenan liegen und bereits leer stehen, sollen ebenfalls bis auf die Erdgeschosszeilen abgetragen und zu Reihenhäusern umfunktioniert werden.

Dachgärten mit Terrasse auf der Platte

„Dieses Modell ist beliebig oft wiederholbar“, sagt der Stadtplaner Schmidt. Es sei eben kein prestigeträchtiges Pilotvorhaben, das nur mit Hilfe von hohen Einzelförderungen entsteht. Das unterscheidet es tatsächlich von anderen Teilrückbauten im Osten. Schon mehrmals wurden Plattenbaublocks zurechtgestutzt, mal zu Bauhaus-artigen Stadtvillen, mal zu Mehrfamilienhäusern in Terrassenform mit Dachgärten. Alles waren vielbeachtete und hochsubventionierte Projekte.

Der Plattenbaukasten ist dagegen unspektakulär, aber ökonomisch. Mehr als die Stadtumbau-Ost-Mittel werden nicht benötigt. Allerdings setzt das voraus, dass die privaten Bauherren und genauso die Wohnungsbaugesellschaft als Verkäufer während der Umnutzungsphase intensiv beraten werden. Davon kann Holger Schmidt viel berichten, seit zwei Jahren war er in der Kreuzbergstraße so etwas wie ein Bursche für alles.

Jedes einzelne der ersten acht Umbauprojekte kennt er in- und auswendig. Bis tief hinunter zum „Kollektorgang“ im Keller, einem Rohrgewirr, das durch alle Reihenhäuser läuft und sie mit sämtlichen Medien versorgt. Für das ganze Projekt ist dieses die Hauptschlagader, wenn man so will. Gerade dessen Weiternutzung halte doch die Kosten im Rahmen, erläutert Schmidt.

Der Ursprung der Platte wird nicht verleugnet

Keiner hat außerdem Skrupel vor der Platte. Auch darauf baut das Vorhaben auf, dieses psychologische Moment gehört zum Volksbaukasten. „Der Ursprung der Platte wird nicht verleugnet“, sagt Holger Schmidt, niemand will mit seinem Bungalow etwas anderes vorgeben als ein rationales, industrielles Typenhaus.

Die neuen Fassaden sind schlicht und einheitlich. Und in der Nummer 234, dem letzten Haus in der Reihe vor den Flusswiesen, wird dieser Minimalismus sogar auf die Spitze getrieben. Dort baut sich die Dessauer Familie Junker ihr Eigenheim selbst aus. „Bei uns bleiben die vorherigen Zuschnitte der Wohnungen am ursprünglichsten bestehen“, sagt die Zahntechnikerin Ute Junker, die jede freie Minute in Arbeitsmontur auf ihrer Baustelle verbringt. So sei es am günstigsten.

Zwei erwachsene Söhne helfen, der Mann ist als Heizungsmonteur vom Fach. Nur die Küche versetzen sie zur Rückseite des Hauses hin, damit Ute Junker immer hinausschauen kann auf die Wiesen und auf die Rotbuche, die vor ihrem Fenster steht.

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