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Ernst-May-Siedlung Denkmalpfleger erklären sich für machtlos

22.08.2009 ·  Zwischen 1926 und 1930 schuf der Frankfurter Stadtbaurat Ernst May eine richtungsweisende Siedlung. Nur wenige der Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Der Wildwuchs blüht. Doch es gibt Kräfte, denen Mays Erbe nicht gleichgültig ist.

Von Birgit Ochs, Frankfurt
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Ob Ernst May sich im Grab umdrehen würde? Manchmal muss sich der Vorsitzende des Praunheimer Siedlervereins, Fred Illenberger, das fragen. Zum Beispiel dann, wenn er die Fassaden der Häuser betrachtet, die in Flieder, Grellgelb, Blau, Olivgrün oder auch in leicht schmuddeligem Eternitplatten-Weiß gehalten sind.

Schließlich hatte sich der Stadtbaurat seine Siedlung ganz anders vorgestellt. Zwar setzte auch er auf kräftige Töne wie Rot und Blau, allerdings nach einem strengen Konzept, das die Straßenzüge farbig, doch zugleich einheitlich wirken ließ. Später, in den siebziger Jahren, erarbeitete die Stadt einen Farbleitplan, doch auch dieser ist mittlerweile Geschichte.

Willkommen in Kunterbunthausen

Heute ist dem Geschmack keine Grenze gesetzt. „Kunterbunthausen“ nennt Illenberger deshalb das Quartier. Wer durch die Straßen wandert, kann mühelos einen Streifzug vorbei an den wechselnden Moden der vergangenen Jahrzehnte unternehmen und einen Eindruck von Wohnträumen wie finanziellen Möglichkeiten der Bewohner gewinnen: Da reiht sich ein Vordach im Alpenlook an einen Glasbauwindschutz aus den fünfziger Jahren.

Wenige Schritte weiter mühen sich zwei mächtige Säulen, ein großbürgerliches Entree zum kleinen Arbeiterhäuschen zu schaffen. Zur Gartenseite hin hat kaum einer der Eigentümer auf einen Anbau im Erdgeschoss verzichtet. Bis zu 4 Meter sind in der Regel zulässig. Manche haben nur die Terrassen überdacht, andere einen Wintergarten gebaut, wieder andere steinerne Wände hochgezogen und so den Wohnraum erweitert.

Ein Haus mit 57 Quadratmetern

„Es ist ein Kampf um Quadratzentimeter“, hat Elmar Lixenfeld beobachtet, der erst seit wenigen Jahren zu den Siedlern gehört. Gemessen an heutigen Ansprüchen, bieten die Häuser wenig Platz. Der kleinste Typ verfügt nur über 57 Quadratmeter, verteilt auf zwei Etagen. Viele Bewohner haben daher ihre Keller ausgebaut, und zur Siedlungslegende gehört, dass es eine Familie geben soll, die sogar ihren gesamten Garten unterkellert habe. Die Optik stört dies anders als im Fall der Anbauten nicht.

Daher regte sich vor kurzem heftiger Protest, als ein neuer Eigentümer das bisher übliche Maß überschritt und seinen Erweiterungsbau über zwei Etagen anlegte. „Das hat hier viele empört“, berichtet Illenbergers Vorstandskollegin Monika Steger. Die Stadt hat den Bau gestoppt, dem Bauherrn aber erlaubt, über den Anbau einen Wintergarten zu setzen. Das zerstöre jedoch nach Ansicht vieler den Charakter der Siedlung - vor allem, wenn sich Nachahmer finden.

Denkmalpfleger machtlos

„Wir haben hier keinen Einfluss“, antwortet Landesdenkmalpfleger Christoph Mohr auf die Frage, ob seine Behörde keine Vorgaben machen könne. Der Wildwuchs ließ das Landesamt für Denkmalpflege davor zurückschrecken, die komplette Siedlung unter Denkmalschutz zu stellen, räumt er ein. Nur wenige ihrer Gebäude, darunter die Laubengang- und die zehn Versuchshäuser, stehen unter Denkmalschutz.

Wie die meisten anderen May-Siedlungen befinden sie sich im Besitz einer Wohnungsgesellschaft. Die übrigen Häuser, immerhin an die 1000, sind Privateigentum. Entsprechend hoch ist die Zahl der Ansprechpartner, mit denen sich die Behörde auseinandersetzen müsste. „Da können Sie nur Hass ernten“, winkt Mohr ab.

Aufstieg zur Großstadt

„Wir brauchen hier eine Linie“, fordert Illenberger von der Stadt. Er ist Jahrgang 1939 und hat im Viertel beinahe sein ganzes Leben verbracht. Noch immer wohnt er in jenem Haus, das seine Großeltern 1932 kauften, in das seine Eltern mit einzogen, in dem er aufgewachsen ist. Es ist eine von etwa 15.000 Wohneinheiten, die unter Stadtbaurat Mays Regie innerhalb von nur fünf Jahren entstanden. Der damalige Oberbürgermeister Ludwig Landmann hatte der Stadt diesen Kraftakt verordnet.

Landmann trieb Frankfurts Aufstieg zur Großstadt voran und hatte das Stadtgebiet durch Eingemeindungen deutlich erweitert. Einzelne Großprojekte wie der Bau der Großmarkthalle und des Waldstadions entstanden im Laufe seiner Amtszeit. Das wohl wichtigste Vorhaben aber war der Wohnungsbau im großen Stil, der die Wohnungsnot linderte, der Stadt aber auch eine klarere Kontur gab.

Prominente Unterstützung

Eine besondere Rolle spielte das sogenannte Niddatal-Projekt im Westen, zu dem auch die Praunheimer Siedlung gehört. Für May, seit 1925 im Amt, ging es nicht um den Bau einzelner prestigeträchtiger Meisterhäuser, sondern darum, erschwinglichen Wohnraum für immerhin 10 Prozent der damaligen Frankfurter Bevölkerung zu schaffen.

Der Architekt holte sich reichlich Unterstützung: Studenten der Kunsthochschule Städel arbeiteten an den Plänen für die neuen Siedlungen ebenso mit wie zahlreiche Kollegen, darunter der Wiener Anton Brenner, Martin Elsässer, Walter Gropius, Walter Leistikow und auch die junge Margarete Lihotzky, Erfinderin der „Frankfurter Küche“, die als Mutter der Einbauküchen gilt. Gemeinsam mit ihnen suchte May nach einem modernen Siedlungskonzept, das den Bewohnern eine, gemessen an den damaligen Standards, ausreichende Wohnungsgröße mit eigenem Bad und eigener Küche, Luft und Licht in grüner Umgebung ermöglichen sollte.

Mehr Komfort als in der Altstadt

All das konnte die enge und völlig heruntergekommene Altstadt nicht bieten. Zudem ging es May auch darum, eine serielle Bauweise zu entwickeln. Statt Stein auf Stein ließ er die Häuser aus vorgefertigten Bauteilen errichten: die ersten Plattenbauten. Eine industrielle, effiziente Bauweise war für ihn mitnichten gleichbedeutend mit einem Einheitsstil.

Die Häuserreihen, die er für die Praunheimer Siedlung entwarf, unterschieden sich durchaus in Größe und Gestalt. Die Großeltern von Fred Illenberger etwa erwarben ein dreigeschossiges Haus, das über 150 Quadratmeter verfügte. Inspiriert von den englischen Gartenstädten, spendierten die Planer den Häusern relativ großzügige Grundstücke, um Hühner und Hasen zu halten und Kartoffeln und Bohnen zu ziehen.

Wegen der Gärten beliebt

Heute sind die Häuser nicht zuletzt der Gärten wegen beliebt. „Wir haben hier momentan einen ziemlich starken Wechsel“, erzählt Illenberger. Die Möglichkeiten sind begrenzt, in der Stadt ein eigenes Haus mit Garten zu kaufen. Das treibt die Preise. Tatsächlich sind die Siedlungshäuser keine Schnäppchen. Aktuell hat ein Makler 129.000 Euro für eines der um die 64 Quadratmeter kleinen Gebäude veranschlagt. Das wäre ein Quadratmeterpreis von 2015 Euro. Damit wird es für die Käufer allerdings nicht getan sein. Das 81 Jahre alte Reihenhäuschen befindet sich in einem Zustand, den der Immobilienvermittler als stark sanierungsbedürftig bezeichnet.

Viele Häuser wechseln erstmals den Besitzer. Kaum etwas entspricht noch heutigem Standard: im Erdgeschoss fehlt das WC, die Zimmer im Obergeschoss sind zu klein, die Leitungssysteme veraltet. Bleirohre sind noch im Einsatz. Als besonderes Problem nennt Illenberger, dass die Versorgungsleitungen gebündelt unter den Kellerdecken verlaufen.

Dicke Styroporplatten

Auch die Hauptgasleitung. Derzeit packen viele Eigentümer ihre Häuser in dicke Styroporplatten, um die Dämmung zu verbessern. „Das ist auch wieder so eine Sache“, sagt Landesdenkmalpfleger Mohr, denn die Dämmhülle verändert die Fassade. Er sieht die Stadt am Zug, wenn es darum geht, in der May-Siedlung gewisse einheitliche Standards zu schaffen, um das Siedlungskonzept zu schützen.

Auch Illenberger und Lixenfeld würden das begrüßen. Sie hoffen, dass das Erbe Mays nicht einfach der Willkür preisgegeben wird. Denn die Frankfurter Bauten zählen neben der Weißenhofsiedlung in Stuttgart (Weißenhofsiedlung: Häuser zum An- und Aufregen) und dem Bauhaus in Dessau zu den herausragenden Beispielen der Moderne.

Ein Pfund, mit dem Frankfurt nicht wuchert

Das ist eigentlich ein Pfund, mit dem Frankfurt wuchern könnte wie Berlin, das für seine Siedlungen von Bruno Taut einen Platz auf der Unesco-Weltkulturerbe-Liste erkämpft hat und diesen entsprechend vermarktet. Um rigide Vorschriften geht es weder Mohr noch engagierten Bewohnern wie Illenberger. Die Frage, welche Farbe die Fassade hat, ist letztlich ohnehin ein Nebenkriegsschauplatz. Wände kann man überstreichen, Vordächer jederzeit wegnehmen, sie richten keinen irreversiblen Schaden an.

„Die Leute tun ja etwas für den Erhalt der Siedlung, man kann sie nicht gängeln“, sagt Lixenfeld. Er hofft vielmehr, dass positive Beispiele Schule machen. In der Straße „Am Damaschkeanger“ etwa haben einige der neuen Bewohner zu den alten May-Farben Rot und Blau gegriffen oder gleich mehrere Nachbarn den gleichen Fassadenanstrich gewählt. „Da wird etwas Besonderes sichtbar, das bleibt nicht unbemerkt.“

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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