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Energieeffizienz Hamburger Backsteindämmerung

05.06.2011 ·  Von der Not der Fassaden in Zeiten des Wärmeverbundsystems können nicht nur Denkmalschützer ein Lied singen. In Hamburg ringen die Hüter der Bausubstanz um zukunftsfähige Lösungen.

Von Birgit Ochs
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Angelika Gervais steht im Regen – mal wieder. Ein Jahr lang hat die Geologin aus Hannover das Fugennetz eines Hamburger Backsteinbaus auf seine Wasserdurchlässigkeit untersucht. Erst 2006 war der Mörtel ausgebessert worden, um die Fassade des Wohnhauses zu retten. Das Gebäude ist Teil der Jarrestadt. Die Großwohnsiedlung aus den zwanziger Jahren gilt wegen ihrer architektonischen Qualität und der städtebaulichen Leistung, die die damalige Stadtregierung vollbrachte, als herausragend und steht unter Schutz.

Doch der neue Mörtel hielt nicht, was sich die Hauseigentümer von ihm versprochen hatten. Längst kriecht die Feuchtigkeit wieder ins Mauerwerk. Gervais und ihr Team haben daher im Auftrag des Hamburger Amts für Denkmalschutz die Eigenschaften von zwölf verschiedenen Bindemitteln im Laufe der Jahreszeiten getestet. Bei Hitze wie bei klirrender Kälte, vor allem aber an den nassen Tagen, die in der Hansestadt häufig sind. Dass der Hamburger Regen besonders ist, zählt auch zu den Erkenntnissen, die die Fachfrau aus Hannover während ihrer Versuche gewonnen hat.

Backstein verschwindet hinter Wärmeverbundsystemen

Das Wetter gehört zur Stadt wie ihre Backsteinarchitektur. Berühmt sind vor allem Speicherstadt und Kontorhausviertel, die für Besucher auf dem Pflichtprogramm stehen und unter denen das Chilehaus ein Star von Weltrang ist. Der dunkle Ziegelbau, der sich schnittig an der Fischertwiete erhebt, gilt als Musterbeispiel für den Backsteinexpressionismus der zwanziger Jahre. Abgesehen vom prominenten Ensemble der Speicher und Kontorhäuser ist es jedoch vor allem die Masse der Wohnsiedlungen, die weite Teile des Stadtbilds prägt.

Noch: Denn seit ausgemacht scheint, dass eine Dämmschicht auf den Außenwänden die Wohnungen besser gegen Kälte schützt und damit der Energieverbrauch und die Nebenkosten für die Mieter sinken, drohen immer mehr alte Backsteinfassaden hinter Wärmeverbundsystemen zu verschwinden. Besonders jene Zeilenbauten aus den fünfziger und sechziger Jahren, die nicht nur ihrer Grundrisse, Größe und Haustechnikstandards, sondern auch der vergleichsweise lausigen Energiebilanz wegen als unzeitgemäß gelten, sind heiße Kandidaten für die Rundumverpackung.

Der Druck zur energetischen Ertüchtigung ist groß

Seit ein paar Jahren schon erhitzt das Thema die Gemüter. Nicht allein die Denkmalschützer fürchten, dass die Stadt durch die Ganzkörperverhüllung der Bauten ihr bisheriges Erscheinungsbild verdeckt, wenn nicht gar zerstört. Der Druck zur energetischen Ertüchtigung, wie es so hübsch pädagogisch heißt, ist groß. Hamburg darf sich in diesem Jahr mit dem Titel „Umweltstadt Europas“ schmücken. Und das heißt, Vorbild sein und den Kohlendioxidausstoß drastisch senken – bis 2020 um 40 Prozent, bis 2050 um 80 Prozent. Ein ehrgeiziges Ziel: „Um das zu erreichen, müssen wir viel mehr Häuser isolieren als bisher“, stellt Baudirektor Jörn Walter fest.

Da das Wärmeverbundsystem eine kurzfristig unkomplizierte und relativ günstige Lösung verheißt, geben viele Hausbesitzer ihr den Vorzug. Die Stadt hat reagiert und fördert die Sanierung des Rotklinkers nun mit 50 Euro je Quadratmeter statt mit bisher 15 Euro. Voraussetzung dafür ist, dass die Eigentümer eine Variante wählen, bei der die Fensteröffnungen kein Schießschartenformat annehmen und kein Putz oder Klinkerimitat die ursprüngliche Fassade verdeckt.

„Backstein im Schlafrock“

Für letztere hat Albert Schett vom Hamburger Amt für Denkmalschutz nur ein Wort - grausig. „Hören Sie mal“, sagt er und klopft an die Außenwand eines Wohnhauses, das zu einer weiteren Großsiedlung aus der Zeit des Neuen Bauens gehört, dem Dulsberg. Hohl tönt es, seit auf der einstigen Fassade des Zeilenbaus eine mit Backsteinimitat beklebte Dämmschicht sitzt. Wann immer Schett Besuchergruppen durch die historischen Siedlungen am Dulsberg oder durch die Jarrestadt führt, macht er die Hörprobe. Eine Wand aus hartgebranntem Ziegel klingt anders.

Schett klopft oft – fürs Fernsehen, für den Hörfunk und auch für die Teilnehmer einer Informationsreise, zu der das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz unter dem Motto „Backstein im Schlafrock“ in diesem Jahr nach Hamburg eingeladen hatte. Dass ihm als Denkmalschützer am Erhalt der ursprünglichen Erscheinungsform der Bauten liegt, ist nicht verwunderlich. Aber in Zeiten, in denen der Klimaschutz staatlich gefordert und gefördert wird, kann allein das Argument, die originäre Gestalt eines Hauses zu bewahren, dürftig wirken. Zumal wenn – wie im Fall der Häuser am Dulsberg – die Fassade schwer beschädigt ist; durch Konstruktionsfehler am Anfang, durch den Krieg und durch die im Laufe der Jahrzehnte versuchten Sanierungsmaßnahmen, die dem Ziegel den Rest gegeben haben.

Auf dass sich der Backstein nicht vollsaugt

Eine Generalsanierung, bei der die Mieter ausquartiert werden müssten, ist für die Immobilieneigentümer eine finanziell nicht zumutbare Herausforderung. Das wissen die Hamburger Denkmalschützer. Ihnen ist auch klar, dass nur ein Ewiggestriger auf Zukunftsfragen allein die Antwort kennt: Alles möge bitte so bleiben, wie es ist. Deshalb halten sich die Denkmalschützer auch weit weniger mit den ästhetischen Verheerungen durch die Wärmeverbundsysteme auf als mit den langfristigen Auswirkungen des Materials, und suchen nach zukunftsfähigen Lösungen.

Deshalb auch hat Geologin Gervais so oft im Hamburger Regen gestanden, nach einem tauglichem Mörtel für den Backsteinbau gesucht – und am Ende zwei gefunden. Das Material muss die Feuchtigkeit wieder nach außen abgeben, auf dass sich der Backstein nicht vollsaugt wie ein Schwamm, erläutert sie. „Diffusionsoffen heißt das Zauberwort.“

Weniger Effekt als die Hersteller behaupten?

Es gebe Fälle, da habe man unter den gegebenen Umständen hinnehmen müssen, dass das Wärmeverbundsystem zum Einsatz komme, um das Wasser von der Wand fernzuhalten, sagt Denkmalschützer Schett. Aber grundsätzlich müsse man nach „intelligenteren und nachhaltigeren Wegen“ suchen und diese den Eigentümern der betroffenen Immobilien aufzeigen, fordert er. Jenseits von ästhetischen Fragen führt er lieber die vergleichsweise schlechte Kohlendioxid-Bilanz der Außendämmung als Gegenargument an. Ferner nennt er die überschaubare Haltbarkeit des Materials und weist auf die ungeklärte Frage hin, welche Kosten und Mühen dereinst anfallen, wenn die Hülle ausgedient hat und entsorgt werden muss. Mit ihrer kritischen Haltung zur Fassadendämmung stehen die Denkmalschützer keineswegs allein.

„Man wüsste grundsätzlich schon gern mehr zum Wärmeverbundsystem, über seine Lebensdauer, über die Entsorgung“, sagt etwa Manfred Hegger, der an der TU Darmstadt Entwerfen und Energieeffizientes Bauen lehrt und die HHS Planer und Architekten AG in Kassel leitet. „Da fehlt eine klare Aussage der Politik.“ Doch auch wie viel Energie sich tatsächlich einsparen lässt, wenn die Fassade gedämmt wird, erscheint unklar. Die Kritiker halten den Effekt für weitaus niedriger als Hersteller behaupten und Energieberater errechnen. Über Maßnahmen an Dach und Kellerdecke, neue Fenster und ein neues Heizsystem lassen sich die größten Einspareffekte erzielen, führt Schett an. Isoliere man zudem alte Heizrohre, trage auch das zur Verbesserung der Energiebilanz bei.

Die wertvolle Bausubstanz nicht schlechter machen

Dass das Verpacken einer Fassade nicht automatisch die Energiebilanz verbessert, bestätigt auch Hegger, der erhebliche Wissensdefizite bei vielen Akteuren sieht. Er vermisst oftmals den ganzheitlichen Ansatz, der nötig ist, um der komplexen Aufgabe gerecht zu werden. „Schließlich wollen wir wertvolle Bausubstanz ja nicht schlechter machen, brauchen aber Veränderung am Gebäude“, sagt er.

Darauf setzt man auch in Hamburg. Das dortige Denkmalschutzamt ist Partner im EU-Projekt „Cool Bricks“, an dem 17 Regionen aus Ostseeanrainerstaaten und Weißrussland teilnehmen. Insgesamt 4,3 Millionen Euro stehen bereit, um die Forschung voranzutreiben und Pilotprojekte zu initiieren, 600.000 Euro haben die Hamburger zur Verfügung. Es geht um Lösungen auf administrativer, politischer und technischer Ebene. Vor allem will man Qualitätsstandards für die Aus- und Fortbildung des Handwerks entwickeln, um die denkmalgerechten Sanierungen zu professionalisieren. Angelika Gervais kann zum Thema Mörtel schon Auskunft geben.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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