17.11.2008 · Denkmalschutz und energetische Sanierung müssen kein Gegensatz sein. Drei Beispiele aus Sachsen zeigen, dass nicht jede Photovoltaikanlage zum ästhetischen Gau führt. Sogar die Dorfkirche wird so zum kleinen Kraftwerk.
Von Jörg Niendorf350 Jahre haben das Haus von Thorsten Gehlich etwas bucklig gemacht. Darüber kann selbst die penibelste Sanierung nicht hinwegtäuschen. Zwar blitzt das historische Bauerngehöft im sächsischen Nossen derzeit wie neu, denn Besitzer Gehlich hat viel Aufwand bei der Sanierung betrieben. Aber einen Buckel hat das Fachwerk trotzdem.
Viele waagerechte Balken verlaufen wie auf einer schiefen Bahn. Doch gerade diese spezielle Note mag der Hausherr. Ebenso begeis-tert ist Ralf-Peter Pinkwart vom sächsischen Landesdenkmalamt in Dresden. Auf dieses Fachwerk und seine „Andreaskreuze“ sei es besonders angekommen. „Die finden Sie sonst kaum noch an einem Hof in Sachsen“, sagt Pinkwart.
„Kein Widerspruch zum Denkmal“
Und gleich noch ein Bau-Detail hebt der Denkmalpfleger hervor: das Dach der Scheune, die direkt ans Haupthaus grenzt. 140 matt schimmernde Solarmodule bedecken dort die gesamte Fläche. „Das steht in keinem Widerspruch zum Denkmal“, sagt Pinkwart.
Hier also ein „Anno 1660“, eingeritzt in einen Balken, und dort ein Kleinkraftwerk mit einer Leistung von 16,8 Kilowatt, offen zur Schau gestellt. Provozierend offen. Als gingen 17. und 21. Jahrhundert wie selbstverständlich Hand in Hand. Sonst ist doch eher von ei-ner unüberwindbaren Kluft die Rede, von einer Verunstaltung historischer Dachlandschaften durch Solaranlagen.
Seit Monaten beherrscht etwa in Marburg die Diskussion über eine „Solarsatzung“ die Stadt. Vorbehalte und Vorurteile sind an der Tagesordnung. 400 Kilometer östlich, im beschaulichen Nossen, hört man dagegen ganz andere Töne. Auf dem sauber gepflasterten Hof der Familie Gehlich beteuert der Denkmalpfleger Pinkwart sogar, „dass die Module das waren, was ich am schnellsten zugelassen habe“.
Dunkle Solarzellen zum schwarzen Schiefer
Sie passen für ihn ins Bild. Fast allen Besuchern, die am Tor zum Gehöft stehen, fallen sie erst auf den zweiten oder gar dritten Blick auf. Die Ton-in-Ton-Tarnung ist nahezu perfekt. Mit schwarzen Schieferziegeln ist das Dach des Wohnhauses gedeckt, und auch die Südseite des Scheunendaches hat immerhin einen schmalen Rand aus Schieferplatten.
Innerhalb dieses Rahmens sind aber die gläsernen Photovoltaikmodule in langen Reihen ineinandergesteckt. Je nach Stand der Sonne glänzen sie mal mehr, mal weniger, doch stets dezent. „Wenn wir es ohnehin mit einer ungestalteten Dachfläche zu tun haben, ist solch eine Anlage aus meiner Sicht völlig in Ordnung“, erläutert der Denkmalschützer Pinkwart. Dann dränge sich solch eine pragmatische Lösung doch geradezu auf. Das helfe, eine Denkmalsanierung für private Bauherren attraktiver zu machen.
Energiefressende Denkmäler
Die Notwendigkeit ist da, auch Kulturdenkmäler energetisch aufzurüsten: Denn alte Gemäuer verschlingen besonders viel Heizenergie. Wenn dann Idealisten solche Projekte anpackten, dürfe man sie nicht einfach ausbremsen. „Die reine Lehre der Denkmalpflege ist nicht immer anzuwenden“, sagt er.
Halb verfallen war das Wohnstallhaus am Nossener Ortsrand noch vor wenigen Jahren. Da entdeckten es Thorsten Gehlich und seine Frau auf einer Fahrradtour - und wollten es auf Anhieb. Sie verhandelten sofort mit der Stadt über den Kauf. Noch bevor allerdings ein Vertrag geschlossen wurde, steckten er und die zuständigen Denkmalschutzbehörden sozusagen ihr Terrain ab, erzählt der Steuerberater Gehlich heute.
Der kulturelle Wert des 350 Jahre alten Gebäudeensembles ist sehr hoch. Daher war Ralf-Peter Pinkwart aus Dresden zu den Verhandlungen über die Sanierung hinzugezogen worden. Er ist im Landesdenkmalamt der Gebietsreferent für die Kreise Meißen und Sächsische Schweiz. Um historische Kastenfenster entbrannte dann zum Beispiel ein Streit.
Teure Forderungen vom Denkmalschutz
Auf diese teuren Bauteile bestand der Denkmalschützer. Auch um Größe und Form der Dachgauben auf dem Haupthaus ging es. Die neuen Besitzer wollten schließlich den Dachboden zu Wohnraum machen. Das Paar, Mitte dreißig, lebt nun mit zwei kleinen Kindern in der einen Hälfte ihres properen Denkmals. Daneben liegt eine separate Wohnung, die sie vermietet haben.
„Alle Streitigkeiten haben wir kultiviert ausgetragen“, beteuern der Denkmalpfleger und der Denkmalbesitzer im Nachhinein und loben die gute Zusammenarbeit. Die Fassade des Hauses, die Scheune und die Kutschdurchfahrt haben ihr Gesicht aus dem 17. und 18. Jahrhundert wieder erlangt, sagt Pinkwart zufrieden. Die Dächer wiederum orientieren sich an der Anmutung des vorletzten Jahrhunderts. Eindeckungen mit Schiefer waren in dieser Region erst nach 1800 gebräuchlich. Zu dieser Zeit wurden englische Schieferziegel importiert. So wurden die alten Stroh- oder Holzschindeldächer abgelöst.
„Man muss solch ein Haus nach seiner Geschichte befragen“, sagt der Denkmalpfleger, „es hat ja schließlich nicht immer gleich ausgesehen im Laufe der Zeit.“ Daraus leitet Pinkwart sozusagen die Lizenz ab, auch heute ein Denkmal mit modernen Techniken weiterzuentwickeln.
Das Solardach war achtmal teurer
Der Hausbesitzer wiederum freut sich über den Ertrag. Das 170 Quadratmeter große Solardach überschreitet permanent die Durchschnittsleistung, die der Hersteller für die Stromproduktion angegeben hat. Selbst an Regentagen ist das so. Das kann Thorsten Gehlich in der Scheune an den drei Wechselrichtern der Anlage ablesen, es gibt dafür eine Anzeige. Schon nach acht Jahren werde sich die Investition amortisiert haben, sagt er. 80.000 Euro hat das System gekostet, achtmal mehr, als er für die normale Schiefereindeckung dieses Dachabschnitts hätte zahlen müssen.
Um die Energiebilanz des alten Hauses zu verbessern, hat er es außerdem im Innern mit Lehm gedämmt und eine Wärmepumpe als Heizung eingebaut. „Natürlich gibt es genauso auch illegal aufgebrachte Solaranlagen, auch auf Kulturdenkmalen“, räumt Pinkwart ein. Landauf, landab lassen diese meist aufgeständerten Paneele dann viele Beobachter, Architekten und Denkmalpfleger erschaudern - und nähren Bedenken und Vorurteile. Der sächsische Denkmalpfleger will dagegen weiterhin Kompromisse schließen. In Einzelfällen - da sind sich mittlerweile viele Fachleute einig - lassen sich Solarmodule an Denkmalbauten sehr wohl als eigenständige Gestaltungsmittel verwenden, statt sie nur als technologischen Makel zu behandeln.
Auch die Scheune bekommt Solarzellen
Selbst dafür bietet das kleine Nossen ein Beispiel. Auf dem Schieferdach eines alten Bauernhofs am Augustusberg prangt ein 30 Quadratmeter großes Glasgeviert, das eigentlich wie ein sehr schönes, schmückendes Atelierfenster aussieht. Es ist jedoch die thermische Solaranlage, die dem Gehöft das Warmwasser liefert und sogar die Heizung unterstützt. Die jungen Besitzer haben den denkmalgeschützten Vierseithof in den vergangenen Jahren behutsam saniert.
Nebenan, auf einer der vielen Scheunen des Hofes, blinken außerdem noch die dunklen Zellen einer Photovoltaikanlage im Herbstlicht. Sie bedecken das 300 Quadratmeter große und ohnehin vollkommen schmucklose Dach vollständig. Damit entspricht auch diese Anlage ganz dem Kriterien-katalog, den der Denkmalschützer Pinkwart für diese Fälle entwickelt hat. Art und Material des Daches beachtet er, zudem den Wert des Denkmals und seine städtebauli-che Bedeutung. Das heißt in etwa, wie prägend ein Denkmal für seine Umgebung ist.
Module auf der Dorfkirche
Als fünftes Kriterium nennt der Experte die Frage, ob mit einer modernen Solaranlage eine reizvolle Weiterentwicklung eines Kulturdenkmals möglich ist. „An der Kirche in Bärwalde ist das gelungen“, sagt Pinkwart. Der kleine Ort liegt ebenfalls im Landkreis Meißen. Nur ein „traufenbegleitendes Band“ aus Solarmodulen hat der Bau bekommen - und keine großflächige Anlage, wie sie auf anderen Kirchbauten installiert wurde.
In einer exponierten Lage, wie eine Dorfkirche nun einmal meistens steht, fände der Denkmalschützer alles andere als ein schmales Band eher unpassend. Dieser Streifen ist dagegen zurückhaltend, aber auch sehr selbstbewusst, denn er wird ja nicht vollkommen versteckt. So kann ein kleines Gotteshaus sogar zum großen Vorbild werden. Denn auf derartige Mitnahme-Effekte zählen derzeit viele Forscher, die Umwelttechnologien vorantreiben, wie zum Beispiel die Berliner Wissenschaftlerin und Ar-chitektin Susanne Rexrodt. Sie sagt: „Wenn die Aufgabe an Denkmalen gelingt, lässt sich das Innovationspotential häufig auf alle Bestandsgebäude übertragen.“
Dem stimmen sogar Skeptiker zu. Selbst der Berliner Architekt Hans Kollhoff, der eigentlich die Verschandelung ganzer Stadtbilder durch die boomende Solarindustrie beklagt, sieht schon eine neue Rolle auf die Denkmäler im Land zukommen. Sie würden, wie er jüngst sagte, zum Lackmustest für den ästhetischen Einsatz von Solarzellen in der gesamten Architektur.
Solardach
Heinz Mayer (Bundespraesident)
- 17.11.2008, 17:26 Uhr
Denkmalschutz
Thomas Spaniel (Echnaton1970)
- 17.11.2008, 18:16 Uhr
interessanter Beitrag!
Carsten Balleier (balleier)
- 17.11.2008, 18:39 Uhr
"Schon nach acht Jahren werde sich die Investition amortisiert haben"
otto schwein (Otto49)
- 18.11.2008, 09:07 Uhr
Vorgeschichte
Frank Ueberfuhr (gondwana)
- 20.11.2008, 10:43 Uhr