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Canary Wharf Atlantis an der Themse

12.04.2009 ·  Dem Eigentümer des Londoner Büroviertels Canary Wharf drohen die Schulden über den Kopf zu wachsen. In der Bankenkrise erhöht sich der Leerstand. Doch es ist nicht die erste Krise, die das Viertel überstehen muss.

Von Marcus Theurer, London
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In der vergangenen Woche haben sie Canary Wharf in London schon zu Grabe getragen. Während der Proteste gegen den G-20-Gipfel in der britischen Hauptstadt liefen zwei Demonstranten mit einem überdimensionierten leuchtend gelben Stoff-Kanarienvogel auf einer Bahre durch die Straßen. Der kugelrunde Riesenvogel streckte seine Flügel und Krallen von sich. „Ruhe in Frieden, Canary Wharf, 1990 - 2009“ stand auf dem Schild, das unter der Bahre baumelte.

In Großbritannien ist Canary Wharf, das Büroviertel an der Themse im Londoner Osten, zum Sinnbild aus Stahl und Glas für die Wirtschaftsmacht der Banken geworden - und nun für deren Niedergang in der Finanzkrise. Das Hochhausgebirge überragt die Silhouette der Stadt. Die drei höchsten Gebäude Londons stehen dort. Das Viertel ist fest in der Hand der Banken. Ob Citigroup, HSBC, JP Morgan oder Credit Suisse - zahlreiche große Namen aus der internationalen Finanzwelt haben hier ihre Niederlassungen.

Schulden werden ein Problem

Doch seit die britische Immobiliengesellschaft Songbird Estates, der Canary Wharf mehrheitlich gehört, Ende März ihre Geschäftszahlen veröffentlichte, ist klar: Nach den Mietern hat die globale Finanzkrise nun auch den Eigentümer des riesigen Büroareals erreicht. David Pritchard, der Verwaltungsratsvorsitzende von Songbird, gab schon die Warnung heraus, es bestehe „ein materielles Risiko“, dass die Gesellschaft in den kommenden zwölf Monaten gegen zentrale Klauseln in ihren Kreditverträgen verstoßen werde.

Songbird muss im Mai kommenden Jahres einen von der Citigroup ausgereichten Kredit von 880 Millionen Pfund (960 Millionen Euro) zurückzahlen und durch ein neues Darlehen ersetzen. Sollte die amerikanische Bank den Kredit fällig stellen, könnte es eng werden für die Immobiliengruppe. Hinter Songbird steht ein von der amerikanischen Großbank Morgan Stanley angeführtes Konsortium von Investoren. Das Unternehmen hat mittlerweile die Investmentbank Rothschild als Berater angeheuert, um sein Schuldenproblem zu lösen.

Drastisch an Wert verloren

Die Immobilien in Canary Wharf, die als Sicherheit für das Citigroup-Darlehen dienen, haben 2008 wegen der Wirtschaftskrise und der sinkenden Nachfrage nach Büroflächen drastisch an Wert verloren. Die Großbanken entlassen in London Tausende von Mitarbeitern. Songbird musste deshalb sein Immobilienportfolio um 28 Prozent nach unten korrigieren und dafür in seinem Jahresabschluss eine Wertberichtigung von knapp 1,8 Milliarden Pfund verbuchen. Die Gesellschaft weist für 2008 einen Nettoverlust von 1,7 Milliarden Pfund aus - nach einem Überschuss von 206 Millionen Pfund im Vorjahr.

Anderthalb Jahrzehnte lang hatte das Büroviertel zusammen mit der Finanzindustrie, die es beherbergt, einen atemberaubenden Aufstieg erlebt. 1993 arbeiteten gerade einmal 7000 Menschen in Canary Wharf. Heute strömen werktags mehr als 90 000 Angestellte in die Büros. Längst ist das Areal neben dem traditionellen Bankenviertel in der Londoner Innenstadt - der City - zur zweiten Herzkammer des wichtigsten europäischen Finanzzentrums geworden. Selbst die britische Börsenaufsicht FSA hat ihre Zentrale dorthin verlagert.

Es ist nicht die erste Krise

Und doch ist die heutige Krise von Canary Wharf nicht die erste in der Geschichte des Büroviertels, das seit Ende der achtziger Jahre auf den freigewordenen Flächen des ehemaligen Londoner Hafengebiets - den Docklands - errichtet worden ist. Der Start des ehrgeizigen Projekts verlief vor fast 20 Jahren ziemlich holprig. Canary Wharf war damals noch nicht an das Netz der Londoner U-Bahn angeschlossen - ein erheblicher Standortnachteil. Dem ursprünglichen Eigentümer von Canary Wharf, Olympia & York, einer Gesellschaft der kanadischen Reichmann-Familie, wurde schließlich die Immobilienkrise Anfang der neunziger Jahre zum Verhängnis. Sie wurde 1992 insolvent.

Mit den damaligen extrem hohen Leerstandsraten ist die Situation heute nicht vergleichbar. Auch in Relation zum letzten Abschwung am Londoner Büromarkt vor sechs Jahren sei die Lage noch günstig, sagt Mat Oakley, Analyst beim Immobilienmakler Savills in London. Damals habe der Büro-Leerstand in den Docklands bei 250.000 Quadratmetern gelegen. Heute schätzt Savills den Leerstand auf gut 70 000 Quadratmeter. „Die Leerstandsquote liegt bei moderaten 5 Prozent“, sagt Oakley. In der City, dem Bankenviertel in der Londoner Innenstadt, dürfte sie mehr als doppelt so hoch sein.

Auch die Büromieten sind nach Schätzung von Savills gegenüber den Spitzenpreisen vor der Krise bisher nur um knapp 10 Prozent und damit langsamer als in der City gefallen. „Canary Wharf profitiert davon, dass in den vergangenen Jahren nur sehr zurückhaltend zusätzliche Büroflächen geschaffen wurden“, sagt Oakley. Bis zum Jahresende rechnet er mit einem Minus von insgesamt rund 20 Prozent. Für James Roberts, Analyst beim Maklerhaus Knight Frank, steht Canary Wharf auf längere Sicht vor einer großen Herausforderung. „Wegen der starken Abhängigkeit von der krisengeschüttelten Finanzindustrie gibt es ein hohes Maß an Unsicherheit“, warnt er. „Viel wird davon abhängen, ob es 2009 gelingt, eine breitere Palette von Mietern jenseits der Finanzbranche zu gewinnen.“

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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