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Veröffentlicht: 30.11.2010, 09:00 Uhr

Baustoff Stroh "Die Bekanntheit des Strohbaus steigt"

Architektin Friederike Fuchs über den Baustoff vom Feld, Telefonbucheffekte und Vorurteile

von Jörg Niendorf
© Stroh Unlimited Typische Strohbauwand mit Holzrahmen

FRAGE: Frau Fuchs, gerade haben Sie ein Haus aus Stroh in Berlin gebaut. Zwar liegt es in einer Ökosiedlung noch eher am Stadtrand, aber dennoch: Es ist das erste in der Großstadt überhaupt. Wird der Strohballenbau jetzt urban?


ANTWORT: Die Bekanntheit nimmt zu, das ist die Hauptentwicklung derzeit. Bis vor kurzem war es noch eine Nischengeschichte von sehr überzeugten, stark ökologisch motivierten Einzelpersonen. Jetzt sieht es schon anders aus. Auch Baugruppen in Städten interessieren sich für Häuser, deren Wände aus Stroh sind. Sogar größere Investoren fragen mittlerweile danach, aus ganz pragmatischen Gründen. Zum Beispiel für ein Hoteldorf. Dort sähen sie durchaus Vorteile für sich, denn dann könnten sie mit einem gesunden Raumklima werben. Und mit einer ökologisch korrekten Bauweise. Also mit Zeitgeistthemen.

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FRAGE: Wo aber liegen die baulichen Grenzen?

Stroh2 © Privat Vergrößern Friederike Fuchs ist Architektin, Zimmerin und Inhaberin von Strohbau Unlimited in Berlin.


ANTWORT: Es sind die gleichen wie beim Holzbau, denn in Deutschland haben wir immer die Verbindung von Strohwänden und einer Holzkonstruktion. Also: Eine drei- bis viergeschossige Bauweise kriegt man hin, das variiert ein wenig in den Grenzen der jeweiligen Landesbauordnungen. Es ist eine Sache der Brandschutzkonzepte, die gibt der Holzbau vor.


FRAGE: Aber gerade Stroh ist doch hochbrennbar. Kommt die Vorsicht nicht von daher?


ANTWORT: Natürlich ist das lose Stroh leicht entzündbar. Daher herrscht auf unseren Baustellen auch absolutes Rauchverbot, und jeden Abend werden alle Strohreste zusammengekehrt. Aber im gepressten Ballen verhält sich das Stroh ganz anders, da ist es kaum brennbar. Tests haben einen Feuerwiderstand von 90 Minuten Dauer ergeben, das reicht für alle Zulassungen im mehrgeschossigen Wohnungsbau. Mit Stroh ist es ebenso wie mit Papier, und dort kennt man ja auch den „Telefonbucheffekt“. So jedenfalls nennen es die Abfallentsorger: Obwohl die einzelnen hauchdünnen Buchseiten brennen wie Zunder, bekommen sie die kompletten Telefonbücher kaum in Brand.


FRAGE: Wie genau werden die Strohballen verbaut?


ANTWORT: Das tragende Element ist das Holz. Dazu wird ein Ständerwerk errichtet, das dann sozusagen mit Strohballen aufgefüllt wird.


FRAGE: Gibt es im Gegensatz dazu auch Lasten tragende Wände komplett aus Stroh?


ANTWORT: Die Bauweise kommt bei uns kaum vor. Die Wände sind dann außerdem sehr dick, das will nicht jeder. Nur zweimal gab es dafür überhaupt eine Baugenehmigung in Deutschland.


FRAGE: Wie stark sind denn die Wände, die Sie bauen?


ANTWORT: 35 Zentimeter plus Putz. Die Strohballen liegen nicht auf dem Bauch, sondern werden auf die Seite gedreht. So schichten wir sie ins Holzgerüst des Hauses hinein. Oft ist es so, dass die Kunden den Bauprozess selbst miterleben wollen, sogar mitmachen. Andere Helfer finden wir, indem wir die Baustelle zum Praxisseminar erklären. Interessierte kommen dazu, sie arbeiten für Kost und Logis. Die Tätigkeit ist leicht, in einer Woche stehen meistens die Wände eines Hauses. Die Bauherren finden danach, das war eine gute Zeit, das steckt dann in den Wänden.


FRAGE: Wie viele Ballen stecken in einem Einfamilienhaus?


ANTWORT: Etwa 500.


FRAGE: Sind es genau solche Strohballen, wie sie auf den Feldern liegen?


ANTWORT: Genau. Oft wissen unsere Lieferanten gar nicht, dass sie Baustoff liefern. Landwirte pressen ihr Stroh, und sobald sie das mit einem Gerät tun, das genug Druck aufbringt, ist das Produkt für uns schon ausreichend. Stabile, kompakte Ballen sind entscheidend. Seit neuestem gibt es sogar eine Sorte von zertifiziertem Baustroh, ein Lieferant bürgt dabei für Qualität und Festigkeit. Sonst muss man sich in jedem Einzelfall eine Zustimmung vom Bauamt einholen.

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