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Plädoyer für eine städtebauliche Erneuerung „Macht mir die Städte stark“

18.01.2008 ·  Die Ära des vorstädtischen Siedlungsbaus ist zu Ende. Aber die Faszination der Stadtplätze hat auch heute nicht an Faszination eingebüßt. Die Stadtbewohner wollen identifizierbare und emotional ansprechende öffentliche Räume.

Von Klaus T. Brenner
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Mit dem wachsenden Bedürfnis der Stadtbewohner nach identifizierbaren und emotional ansprechenden öffentlichen Räumen wächst der Druck auf Stadtpolitiker, Bauherren und Architekten, solche Räume einzurichten und zum Kern städtebaulicher Entwicklungen zu machen.

Die Stadt Braunschweig und ihr Baustadtrat Zwafelink haben nach Durchführung eines europaweiten Wettbewerbs und nach Befragung der interessierten Bevölkerung entschieden, dass das Projekt „St. Leonhards Garten“ realisiert werden soll: Es ist ein vom Bund gefördertes Modellprojekt der Stadtrekonstruktion in Form eines großen Platzes mit Anklängen an die Piazza Navona in Rom - nur in der etwas privateren Ausführung als ein von gereihten Ein- und Mehrfamilienwohnhäusern umstandener grüner Schmuckplatz, eingebunden in eine bestehende Baustruktur.

Wir brauchen Leitfiguren der städtebaulichen Erneuerung

Mit dieser Entscheidung, zeitgleich zur Entscheidung der Stadt München, die modernistische Werkbundsiedlung in Form von scheinbar wahllos über die Fläche verstreuter Punkthäuser nicht zu bauen, stellt sich die Frage nach der Bedeutung starker und identitätsstiftender Figuren (traditioneller Elemente des Städtebaus also) als Leitfiguren der städtebaulichen Erneuerung. Auf sie konzentriert sich zurzeit das Baugeschehen in Deutschlands Städten. Man könnte auch formulieren: Macht mir die Städte stark!

Mit dem Ende des vorstädtischen Siedlungsbaus scheint sich die Tendenz abzuzeichnen, dass städtische Räume mit starker Strahlkraft, also bewusst inszenierte Straßen und Platzräume von herausragender Qualität auf die Bevölkerung auffallend attraktiv und anziehend wirken. Gleichzeitig wächst das Interesse von Mietern, Käufern, Bauherren und Bauträgern an Arealen, die stadtnah liegen und mit solchen Qualitäten ausgezeichnet sind.

Bewusst inszenierte Räume erzielen höhere Preise

So wurde im vergangenen Jahr in Berlin Tiergarten vom Liegenschaftsfonds ein Investorenwettbewerb für 12 Grundstücke mit freistehenden, gereihten Mehrfamilienhäusern um eine neue, repräsentative Stadtstraße herum (Planung KTB) ausgeschrieben, mit dem Ergebnis, dass mehr als das Doppelte des erwarteten Grundstückspreises erzielt wurde. In Braunschweig am St. Leonhards Garten - etwas weniger großstädtisch und zentral gelegen - ist das Interesse groß, dort zu investieren - auch weil die Grundstücke von der Stadt zu moderaten Preisen angeboten werden. Was steckt hinter dieser Strategie?

Der zentrale Begriff innerhalb der Vorstellungswelt der Stadtrekonstruktion ist der öffentliche Raum als gebauter, architektonisch manifester Raum. Straßen und Plätze sind Versammlungsräume von Häusern und Menschen und im Verhältnis zu den privaten Freiräumen von Hof und Garten von herausragender Bedeutung. Mit starken öffentlichen Räumen, die geplant und anspruchsvoll realisiert werden müssen, gewinnen die neuen Stadtquartiere ihren Charakter.

Es geht um das Besondere und Einprägsame

Damit geht die Zeit zu Ende, da Häuser und Häusergruppen - so schön diese auch im Einzelnen gewesen sein mögen - wie auf der grünen Wiese herumstanden. Das Verfahren, über starke öffentliche Räume Projekte zu vermarkten, ist nicht neu. Die Terraingesellschaften Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben ebenso gehandelt und Charakter gezeigt.

Mit Charakter ist das Besondere, Einprägsame gemeint, das sich im Zusammenwirken der Teile zu einem Gesamteindruck verdichtet, auch in der Architektur. So betonte der amerikanische Stadtplaner und Soziologe Kevin Lynch (1918 bis 1984) den Charakter städtebaulicher Phänomene als Orientierungs- und Erinnerungswert im Leben der Stadtbewohner. Bezogen auf den öffentlichen Raum heißt das: Straßen und besonders Plätze bilden zentrale Themen der Stadtarchitektur und erhalten durch einprägsame Figuren ihren unverwechselbaren Charakter im kollektiven Gedächtnis.

Es geht um Klarheit und Einfachheit der sichtbaren Form. Einfache Formen können viel leichter in die Vorstellung aufgenommen werden. Es scheint, dass der Betrachter eine komplizierte Situation oft sogar verzerrt, um die Form zu vereinfachen. Durchlaufen von Kanten und Oberflächen - wie bei Straßen-, Dach- oder Fluchtlinien -: das nahe Beieinander von Teilen gereihter Häuser, Wiederholung rhythmischer Zwischenräume, Ähnlichkeit, Gleichartigkeit und Harmonie von Oberfläche, Form und Material.

Gleichgewicht zwischen Plätzen und Häusern

Soziale Stadt in diesem Sinne ist eine Stadt der starken Figuren im Gleichgewicht zwischen großer, kollektiver (Platz) und kleiner, individueller Form (Haus). Dabei wird der Raum durch eine Vielfalt von Funktionen, bezogen auf unterschiedliche Altersgruppen geprägt. Er kann offen sein für unbestimmte Sehnsüchte und Emotionen oder spontane Vereinnahmung durch zukünftige Nutzungsansprüche. Das alles macht die Atmosphäre von städtischen Plätzen aus.

Die städtische Architektur scheint unter dem Ziel einer umfassenden Stadtrekonstruktion weder auf starke Figuren als soziale Orte, noch auf den typologischen Ansatz - den Bezug auf historische Platz- und Straßenmodelle - verzichten zu können. Die Faszinationskraft und Lebendigkeit von Stadtplätzen, auch wenn sie, wie im 19. Jahrhundert, eingebettet sind in eine städtische Wohnwelt von ebenso großem architektonischem Anspruch wie alltäglicher Gelassenheit, ist ungebrochen. Deren Architekten und Bauherren stellten im 19. Jahrhundert den Anspruch auf Stadtschönheit stolz neben den Gebrauchswert städtischer Räume. Wieso sollte das heute anders sein, wenn alle Seiten davon profitieren können.

Der Autor ist Architekt in Berlin.

Quelle: F.A.Z., 18.01.2008, Nr. 15 / Seite 43
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