10.11.2011 · Passivhaus-Planer Folkmer Rasch über Mythen, Fehler der Vergangenheit und künftige Standards
Von Birgit OchsHerr Rasch, Sie planen seit 1996 Gebäude in Passivbauweise. Inwiefern hat sich der Passivhausbau seither verändert?
Die Bauweise ist deutlich günstiger geworden. Die Kosten für sogenannte passivhaustaugliche Baukomponenten haben sich seit 1996 etwa halbiert.
Was genau sind passivhaustaugliche Komponenten?
m Wesentlichen die Dreischeibenfenster mit entsprechend wärmegedämmten Rahmen, die Dämmstoffe für die Gebäudehülle und natürlich die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, die ja das Herzstück des Passivhauses ist.
Haben sich nur die Kosten verändert?
Nein, mittlerweile hat sich die Unsicherheit bei den Handwerkern gelegt - zumindest in den Regionen, in denen verstärkt nach Passivhausstandard gebaut wird. Mit dem Aufbringen der Dämmstoffe tut sich heute eigentlich niemand mehr schwer. Gut gedämmte Häuser mit einer Dämmschicht von 15 bis 20 Zentimetern sind im Neubau längst Standard. Im Passivhausbau sind es 26 bis 30 Zentimeter. Kurz, das ist kein großer Unterschied mehr. Und was uns Planer angeht: Wir gehen nicht mehr so überängstlich an die Gebäude heran.
Überängstlich?
In den ersten Jahren herrschte große Unsicherheit. Es gibt ja Berechnungen, die zeigen, unter welchen Bedingungen dieser Gebäudetyp funktioniert. In der Praxis hat sich das Passivhaus dann als viel gutmütiger erwiesen, wenn ich das mal so sagen darf. Die Annahme, man dürfe im Passivhaus kein Fenster öffnen, ist das beste Beispiel dafür.
Das wurde aber lange von den Anbietern so erzählt: Die Nutzer dürften kein Fenster öffnen, um die Lüftungsanlage nicht zu stören.
Ja, aber das ist schon seit Längerem kein Thema mehr. Heute wissen wir, dass man selbstverständlich Fenster öffnen kann, im Sommer wie im Winter. Alles andere ist Quatsch. In der warmen Jahreszeit ist eine Querlüftung über Nacht sinnvoll. Aber auch im Winter kann man mal ein Fenster öffnen, ohne dass das Haus völlig auskühlt. Im Passivhaus sind die Wände und Decken schließlich eine extrem gute Wärmespeichermasse.
Apropos Wärme: Passivhausbewohner in älteren Gebäuden klagen häufig über zu warme Räume, weil die Verschattung fehlt.
Auch in diesem Punkt sind wir heute weiter. Anfangs hatten wir Angst, dass im Winter zu wenig Licht durch die Scheiben fallen könnte. Daher haben wir zum Beispiel Balkone maximal 70 Zentimeter tief gebaut. Mittlerweile bauen wir diese Häuser mit der Möglichkeit zur richtigen Verschattung. Die braucht man wie bei jedem anderen Haus auch. Das war auch ein Missverständnis der Nutzer, die die Lüftungsanlage für eine Art Klimaanlage gehalten haben.
Das lag aber auch an den Versprechungen der Anbieter, die mit dem tollen Raumklima geworben haben. Nach dem Motto: "Im Sommer schön kühl, im Winter mollig warm."
Das stimmt. Ein Passivhaus ist keine eierlegende Wollmilchsau. Das muss man klar sagen. Letztlich verhält sich das Passivhaus wie jedes andere Gebäude. Und was die Lüftungsanlage angeht: Wenn es im Sommer warm ist, saugt sie warme Luft an. Daher ist es wichtig, die Räume tagsüber abzudunkeln und nachts mittels offener Fenster zu lüften. Durch die kontrollierte Lüftung allerdings haben diese Gebäude grundsätzlich ein sehr gutes Raumklima.
Eine hochgedämmte Gebäudehülle und die Lüftungsanlage sind längst kein Alleinstellungsmerkmal des Passivhauses mehr. Inwiefern hat dieser Gebäudetyp den Standard im Neubau beeinflusst?
Mittlerweile allen Vorbehalten zum Trotz sehr stark. Das Passivhaus hat gezeigt, wie man auf fast revolutionär einfache Art den Heizenergiebedarf eines Gebäudes auf ein Minimum reduzieren kann. Das Beispiel aus Darmstadt-Kranichstein, wo das erste Passivhaus entstand, hat längst international Schule gemacht, auch in China und den Vereinigten Staaten von Amerika. In der aktuelle Energieeinsparverordnung, der EnEV 2009, entspricht die von der KfW besonders geförderte Energieeffizienzklasse 40 dem Passivhausstandard. In fünf Jahren wird die EnEV auf dem Niveau des Passivhausstandards stehen, da wette ich.
Das würde bedeuten, dass die luftdichte Gebäudehülle Pflicht wird. Die Herstellung der Dämmstoffe ist aber enorm energieintensiv, weswegen das Passivhaus nicht als wirklich intelligente Lösung gilt.
Das kann ich so nicht sehen. Vor 20 Jahren gab es Kritik, weil die Polystyrole und Mineralwolle nicht genug "bio" waren. Schafswolle zum Beispiel ist aber erstens kein bezahlbares Massenprodukt, zweitens bräuchte man weit mehr Schafherden als heute, um den Bedarf zu decken. Und dann würden deren Methan-Furze die Atmosphäre zusätzlich aufheizen. Nein, mal ernst: Die Industrie wird diese Produkte verbessern; Vakuum-Isolierungen, die heute noch zu teuer sind, werden erschwinglich werden. Denn das A und O ist das energieeffiziente Haus. Erneuerbare Energien sind kostbar. Mit denen muss man sparsam umgehen.
Passivhäuser sind aber immer noch teurer als andere energieeffiziente Bauten.
Der entscheidende Kostenfaktor ist die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung. Die ist noch zu teuer, vor allem bei kleinen Wohneinheiten. Die Investitionskosten liegen bei etwa 5000 Euro. Auf 200 Quadratmeter umgerechnet, ist das kein Brocken. Aber bei 50 bis 70 Quadratmetern spürt man das. Die Hersteller sollten da mit Blick auf den Markt der Zukunft günstigere Produkte anbieten.
An der Lüftungsanlage allein liegt es aber nicht, oder?
Nein. Wohnungsunternehmen wie Architekten können dieses Problem aber in den Griff bekommen. Bei geschickter Planung liegen die Mehrkosten bei höchstens 150 Euro je Quadratmeter. Im Schnitt kostet der Quadratmeter - reine Baukosten - bei einem EnEV-Gebäude zwischen 1400 bis 1600 Euro inklusive Mehrwertsteuer. In Darmstadt haben wir jetzt bei einem Projekt mit Passivhausstandard 1300 bis 1400 Euro erreicht. Es geht also, wenn man will.
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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