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Neues Wohnviertel Goldgräber an der Themse

Mitten in London planen Investoren aus Malaysia rund um das historische Kohlekraftwerk Battersea Power Station ein neues Wohnviertel - größer als der Hyde Park. Interessenten für die Wohnungen kommen aus der ganzen Welt.

© Brunswickgroup Stadtsanierung auf britische Art: Rund um Londons Industrieikone Battersea soll neuer Wohnraum entstehen

Seit drei Jahrzehnten sitzt Ravi Govindia im Stadtrat des Londoner Verwaltungsbezirks Wandsworth, und die ganze Zeit über hat ihn dieses Ding begleitet: Gewaltig und leer wie eh und je dämmert die Battersea Power Station am Themseufer von Wandsworth vor sich hin. All die Jahre ragte das halbverfallene Kohlekraftwerk aus den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts so beeindruckend wie nutzlos in den Himmel über London. Stillgelegt wurde das Elektrizitätswerk schon 1983. Der Koloss ist rund 160 Meter lang und breit. Er gilt als das größte Ziegelsteingebäude Europas. Die komplette Kathedrale von St. Paul’s fände darin Platz, und wie das Gotteshaus ist auch die Battersea Power Station zu einem Wahrzeichen Londons geworden. Die Rockband Pink Floyd hat das archaische Gemäuer mit seinen vierhundert Meter hohen Schornsteinschloten 1977 auf dem Cover ihres Albums „Animals“ abgebildet.

Marcus Theurer Folgen:

Aber was tun mit der leerstehenden Architekturikone? Diese Frage begleitet Govinda, seit er 1982 in den Stadtrat gewählt wurde. An großen Plänen habe es nie gefehlt, sagt der Kommunalpolitiker, der inzwischen Bezirksbürgermeister von Wandsworth ist. Das weitläufige Kraftwerksgelände befindet sich schließlich in bester Innenstadtlage. Direkt gegenüber, am anderen Themse-Ufer, liegt Chelsea, eines der teuersten Londoner Wohnviertel. Nur, was fängt man mit dem sperrigen und fast fensterlosen Riesenklotz mittendrin an? Ein Abriss verbietet sich, denn die Battersea Power Station steht unter Denkmalschutz.

Goldgräberstimmung

„Wir haben jede Menge tolle Geschichten zu hören bekommen, was man alles mit dem Gebäude anstellen könne, aber Geld hat am Ende nie jemand auf den Tisch gelegt“, sagt Govindia. Den letzten Eigentümer, einen Immobilienbaron aus Irland, hat die Weltfinanzkrise verschluckt. Er hatte schon die Baugenehmigungen, da schickten ihn seine Gläubiger 2011 in die Insolvenz. Zu viele Kredite, zu wenig Eigenkapital. Die Stadträte von Wandsworth kennen das.

Dieses Mal sei alles anders, sagt der Bürgermeister Govindia: „Ich bin enorm zuversichtlich, dass es klappen wird.“ Im vergangenen September hat ein Konsortium aus Malaysia für umgerechnet 470 Millionen Euro das Grundstück samt Kraftwerkstorso gekauft. Dem Investoren-Trio gehören die Immobilienentwickler SP Setia und Sime Darby sowie ein Pensionsfonds an. Der Kraftwerks-Dinosaurier an der Themse soll das Herzstück eines neuen Viertels werden, das hier in den kommenden zehn Jahren für umgerechnet 12 Milliarden Euro aus dem Boden gestampft werden soll.

In Wandsworth herrscht Goldgräberstimmung. Es ist das größte Immobilienprojekt im ganzen Land. Denn an das Kraftwerksgelände grenzt flussabwärts das bisherige Gewerbegebiet Nine Elms an, das ebenfalls neu bebaut werden soll. Dort haben sich weitere internationale Investoren eingekauft. Zusammen umfasst das riesige Areal damit 195 Hektar - eine Fläche, die um ein Drittel größer ist als der Hyde Park. Zwei neue U-Bahn-Stationen sollen für eine gute Verkehrsanbindung sorgen. Die amerikanische Regierung baut in Nine Elms ihr neues Botschaftsgebäude. Auch die Niederländer wollen ihre Botschaft hierher verlegen.

Sicherer Hafen für Investoren

Das letzte Mal, dass ein so großes Stück London in einem Anlauf erneuert wurde, sei nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1666 gewesen, rechnet das britische Wirtschaftsblatt „Economist“ vor. 16.000 dringend benötigte Wohnungen sollen in Battersea und Nine Elms gebaut werden, dazu zahlreiche Büros, Läden und Restaurants, die 25.000 neue Arbeitsplätze schaffen sollen. „Die Jobs sind für uns der große Anreiz“, sagt der Bürgermeister Govindia. Auch Teile der Battersea Power Station selbst wollen die Investoren in einen Einkaufstempel umgestalten. Ein Konferenzzentrum und Theater- und Kinosäle könnten dort ebenfalls untergebracht werden. Auf das Dach des Kraftwerks wollen die Planer luxuriöse Penthousewohnungen setzen.

Aber warum soll sich auf einmal rechnen, was 30 Jahre lang nicht glücken wollte? Ein wesentlicher Grund dafür könnten ironischerweise gerade die Finanzwirren der vergangenen Jahre sein. Londons Immobilienmarkt ist zu einem Magneten für Investoren aus der ganzen Welt geworden, die einen „sicheren Hafen“ für ihr Geld suchen. Während in anderen Weltstädten wie New York, Paris und Singapur vergangenes Jahr die Preise für erstklassige Wohnimmobilien stagnierten oder fielen, sind sie in London um weitere 9 Prozent geklettert - trotz des ohnehin schon extrem hohen Preisniveaus.

„Wand aus Glas“

„Wir haben Interessenten für unsere Wohnungen aus der ganzen Welt“, sagt der Immobilienmanager Sean Ellis, dessen Unternehmen St. James in Nine Elms mehrere Apartment-Hochhäuser und Wohnblocks plant. Das Geschäft floriere. In dem neuen Viertel kaufen sich Russen, Araber, Chinesen und Kontinentaleuropäer ein. Mit der Suche nach Abnehmern für seine Apartments fing Ellis nicht daheim in London an, sondern startete die Marketingkampagne in Hongkong und Singapur. Die Preise sind hoch: Eine kleine Dreizimmerwohnung kostet umgerechnet rund 900.000 Euro.

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Nicht alle sind freilich von der Art und Weise begeistert, wie die Battersea Power Station aus ihrem Dornröschenschlaf gerissen werden soll. Am Themse-Ufer entstehe durch die Bauwut der Investoren eine kilometerlange „Wand aus Glas“, wettert Simon Jenkins. Der Journalist ist Vorsitzender des Denkmalschutzverbands National Trust. Dem historischen Kraftwerk, das bisher frei stehend am Fluss thront, rückt ein Gürtel gleich hoher gläserner Wohnburgen eng auf den Leib. „Anarchisch und korrupt“, findet Jenkins das Prestigeprojekt. „In Paris oder Rom werden sie so etwas nicht finden.“ Aber der erste Bauabschnitt direkt neben der Battersea Power Station mit fast 900 Wohnungen ist drei Monate nach Verkaufsstart praktisch ausverkauft. Im Sommer sollen die Bagger anrücken.

Quelle: F.A.Z.

 
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