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Neues Stadtviertel in Doha Der grüne Musterknabe vom Golf

 ·  In der Hauptstadt des kleinen Emirats Qatar wird mitten im Zentrum ein neues Viertel hochgezogen. Es soll ein globales Musterbeispiel für die Revitalisierung von Innenstädten sein - vielfältig, dicht gedrängt und ausgesprochen nachhaltig.

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© Jörg Niendorf Ein Land will Aufmerksamkeit: Im neuen innerstädtischen Viertel, das wörtlich übersetzt „Ort zum Trinken“ heißt, soll die Tradition nicht zu kurz kommen

Die ganze Wadi Musheireb Street erzittert. Über mehrere hundert Meter zieht sich ein grüner Blechzaun. Dahinter kämpfen Bagger und anderes schweres Baugerät mit dem steinigen Boden der qatarischen Hauptstadt Doha. Es dröhnt, es staubt, der Boden bebt - und die kleinen Läden auf der anderen Straßenseite beben mit. Alle Baustellen seien einfach riesig hier im Land, sagt der aus Indien stammende Verkäufer eines Geschäftes, das bis unter die Decke mit Fernsehern und Hausgeräten vollgestopft ist.

Allerdings sind die Großprojekte üblicherweise am Stadtrand von Doha, auf freier Wüstenfläche zu finden. Wie in den anderen reichen Staaten am Persischen Golf entstehen dort glitzernde Neubauviertel, die durch autobahnartige Straßen miteinander verbunden sind. Die Baustelle hinter dem grünen Blechzaun liegt jedoch mitten im Zentrum von Doha.

„Msheireb“, Ort zum Trinken

Ein ganzes Viertel aus den fünfziger und sechziger Jahren ist abgerissen worden und soll in neuer Form wieder aufgebaut werden. In unterschiedlichen Schreibweisen heißt das Prestigevorhaben mal „Msheireb“, dann wieder „Musheireb“. Auf jeden Fall bezieht sich die Bezeichnung auf den Stadtteil von Doha, in dem es sich befindet, und bedeutet übersetzt: der Ort zum Trinken.

Auf einer Fläche von 31 Hektar wächst eine vollkommen neue Innenstadt heran - ein Viertel mit mehr als 100 Wohn- und Geschäftshäusern sowie öffentlichen Bauten. Es liegt gleich neben den ältesten Gassen von Doha und dem arabischen Markt Souq Waqif, in unmittelbarer Nähe zum Palast des Emirs. Die veranschlagten Kosten von 20 Milliarden qatarischen Riyals, umgerechnet sind das etwa 4,5 Milliarden Euro, trägt das kleine Land am Golf allein. Auftraggeber ist die „Qatar Foundation“. Die Stiftung finanziert viele Infrastrukturprojekte, aber auch kulturelle Vorhaben. Als Bauträger wurde die Gesellschaft Msheireb Properties gegründet.

Bis 2016 sollen alle fünf vorgesehenen Bauabschnitte fertiggestellt sein. Erste Rohbauten stehen schon. Sie werden im Moment mit steinernen Fassadenplatten verkleidet. Durch die großen Staubwolken, die immerfort aufsteigen, schauen die Kleinhändler von gegenüber täglich zu, wie die Häuser wachsen. Sie zählen die Stockwerke. Bislang sei man in der Innenstadt eher unter sich gewesen, sagt der indische Verkäufer. Nun sitzen all die Einwanderer mittendrin und werden direkte Zeugen des rasanten Aufbruchs von Qatar.

Viele von ihnen mussten ihre Läden und Wohnungen verkaufen und ein paar Straßen weiterziehen, damit das Baufeld im vergangenen Jahr planiert werden konnte. Genau diese Bewohner könnten später in die neuen Häuser einziehen, „die ganz normalen Leute“, erläutert Issa Al Mohannadi, Vorstandsvorsitzender von Msheireb Properties. Oft präsentieren er und sein Staatsunternehmen derzeit das schnell voranschreitende Projekt: auf Messen, vor Journalisten, in Fachkreisen.

Image einer weltoffenen, modernen Gesellschaft

Qatar will Aufmerksamkeit: Das Land verfügt über die drittgrößten Erdgasreserven der Welt; beim Pro-Kopf-Einkommen liegt es global sogar an erster Stelle. Doch Qatar will auf keinen Fall nur als Hort der Superreichen gelten. Vielmehr wird am Image einer weltoffenen, modernen arabischen Gesellschaft gefeilt. Etwa 1,9 Millionen Einwohner hat das Land - mehr als drei Viertel von ihnen sind eingewandert.

„Wir bieten in Msheireb allen Bevölkerungsgruppen etwas an“, sagt Al Mohannadi. So werde es in einem Teil der neu aufgebauten Innenstadt ein Marktviertel geben - mit kleinteiligem Einzelhandel, Mehrfamilienhäusern und „Qatari Townhouses“, die wenige Stockwerke hoch sind und vergleichsweise einfach ausgestatteten Wohnraum bieten. Gleich daneben entstehen jedoch luxuriöse Apartments und Hotels, teilweise in Hochhäusern.

Moscheen und Museen, Kinos und Restaurants

Reiche Ausländer und Qatarer, die sonst außerhalb des Landes leben und einen Wohnsitz in Doha suchen, sollen diese Wohnungen kaufen beziehungsweise mieten. So sieht es der Masterplan für die Milliardeninvestition vor. Ein Shoppingcenter mit einigen feinen Geschäften soll die Bedürfnisse dieser anspruchsvollen Klientel befriedigen. In die direkte Nachbarschaft ziehen zudem Moscheen und Museen, Kinos und Restaurants - alles sehr heterogen, dicht gedrängt und weitgehend ohne Autoverkehr.

Das Mammutvorhaben ist gleichsam ein Musterbeispiel für eine urbane Mischung. Wer dem in den Vereinigten Staaten ausgebildeten Ingenieur Al Mohannadi zuhört, wähnt sich in einer Vorlesung zur Revitalisierung von Innenstädten und zur nachhaltigen Stadtentwicklung. „Wir wollen die Ersten in der Golf-Region sein, die diesen neuen Weg beschreiten“, sagt er. Wohl dem, der die Mittel dafür hat.

Es soll ein Paradigmenwechsel gelingen

Das geplante lebendige und enge Stadtzentrum soll zu den eigenen Wurzeln zurückführen - mit dieser Idee rühmt sich das Wiederaufbauprogramm. Zumindest sei es der Versuch einer Besinnung, fügt John Rose hinzu. Er ist ein amerikanischer Architekt, der für das qatarische Projekt als Entwicklungschef arbeitet. „Vorher kamen Ideen immer von außen“, erläutert Rose. Seit der Golf-Staat reich wurde, also seit mehr als 60 Jahren, setzte man dort allein auf das Auto, ganz nach amerikanischem Vorbild. Das Auto: ein Statussymbol, das die Bewohner in die Vorstädte brachte.

Nun soll ein Paradigmenwechsel gelingen. Im neuen Stadtzentrum wird kein Porsche oder Mercedes mehr benötigt, die Wege sind kurz. Über Tage ist nicht einmal Platz für Fahrzeuge vorgesehen, nur unter Tage in dunklen Tiefgaragen. Alles sei Teil der großangelegten staatlichen Strategie „Qatar 2030“, sagt der Amerikaner. Das Ziel sei ein Wertewandel für ein Zeitalter, das nicht mehr allein auf fossile Energiequellen setzt.

Dem Verlauf der Sonne angepasst

Rose ist unter anderem zuständig für eine Architektur, die das kulturelle Erbe widerspiegeln soll. Also gehören in Msheireb keine glitzernden Stahl-und-Glas-Türme zum Repertoire, sondern abwechslungsreiche Baukörper in verschiedenen Höhen - meist hinter Fassaden aus Natursteinen. Dicht rücken die Häuser aneinander.

Das ganze Ensemble ist dem Verlauf der Sonne angepasst. Immer spenden die höheren Bauten so viel Schatten wie möglich für niedrigere. Früher, erzählt Rose, sei das am Persischen Golf wegen der immensen Hitze im Sommer ganz selbstverständlich gewesen. Genauso erhalten die meisten Häuser im Viertel lange Dachüberstände, die Schatten bieten - auch das eine wiederbelebte Tradition.

Traditionell wird ebenso das Grundraster der Wege und Gassen ausfallen. Sie verlaufen in Msheireb künftig nur noch in Nord-Süd-Richtung. Von Norden her, von der Doha-Bucht, kommt meistens der Wind, der dann als natürliche Klimaanlage durch die Straßen zieht. Althergebrachte Bautechniken wie die „atmenden Wände“ sollen teilweise wieder angewandt werden. Das bedeutet, dass zwischen dicken Mauerschichten ein vertikaler Schacht verläuft, in dem Luft zirkulieren kann. Oft kühlt ein kleiner Wasserbrunnen diesen Schacht von unten.

Immerhin vier Baudenkmäler, die ungefähr 100 Jahre alt sind, wurden mitten im neuen Baugebiet erhalten. Auch diese Häuser - weiß getüncht und etwas gedrungen - halten derzeit wacker dem Beben der Bauarbeiten stand. An ihren kastellartigen Außenmauern stehen zudem noch drei, vier alte Palmen. Demnächst werden die Häuser sorgfältig restauriert und zu Museen umgestaltet. Durch den würfelartigen Neubau des Nationalarchivs, der einen großen Durchgang erhält, schreitet man später auf die alten Paläste und ihre dunklen Holzportale zu. Gleich daneben stehen Kamele im Sand an einem Fort. Eine starke historische Inszenierung - keine Frage.

Das Minarett einer Moschee darf im arabischen Raum nicht fehlen. Nur der zweite Turm daneben, der wird eine ganz andere Bedeutung haben. Er gehört zur zentralen Kühlanlage für das neue Msheireb-Quartier, auf die bei aller traditionellen Bauweise dann doch nicht verzichtet wird.

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17.05.2013 17:45 Uhr
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