Augsburg am Rande des Textilviertels: Fabrikschloss und Glaspalast sind nicht weit. Die herrschaftlichen Bauten aus dem 19. Jahrhundert erinnern daran, dass die Stadt am Lech einmal eine Hochburg der europäischen Textilproduktion war. Westlich beginnt die Innenstadt. Doch mit dem Zentrum ist das ehemalige Industriequartier bis heute eher schlecht als recht verwoben.
Auch das Viertel selbst gleicht einem Flickenteppich: zusammengestoppelt aus sanierten Arbeitersiedlungen, großen Bau- und Supermärkten, neuen Reihenhäusern und Brachen. Dazwischen Straßen wie grobe Nähte. Eine davon hält graue Wohnblockreihen zusammen. Dahinter verbergen sich, umgeben von Gärten, Einfamilienhäuser im Hexenhaus-Stil der fünfziger Jahre.
Das Haus der Familie Pielcke-Zimmermann bricht mit den architektonischen Gepflogenheiten seines Umfelds. Der zweigeschossige Baukörper, in einer kleinen Sackgasse gelegen, ist klar und geometrisch, massiv und doch nicht wuchtig. Schlicht. Edel. Nicht zufällig erinnert sein Anblick zwischen den anderen Häusern an ein Schmuckkästchen. Schließlich ist der Neubau nicht nur Wohnhaus, sondern auch Atelier der Schmuckgestalter und Goldschmiede Gitta Pielcke und Erich Zimmermann.
Vor mehr als einem Jahr haben das Ehepaar und seine drei Kinder das neue Zuhause im Textilviertel bezogen. Seitdem genießen sie Arbeit und Familienleben unter einem Dach. „Für uns ist das ideal“, sagt Gitta Pielcke, die nun wie auch ihr Mann ohne Zeitverlust zwischen den beiden Lebenswelten pendeln kann. Beide sind Familienmenschen, beide lieben ihren Beruf und haben sich mit ihren Schmuckkreationen einen Namen gemacht - im In- wie im Ausland. Die Freude über ihr Haus rührt jedoch nicht allein daher, dass sich hier anders als in der Vergangenheit Privates mit Beruflichem verbindet, sondern ebenso aus der Art und Weise, wie das geschieht. „Es herrscht eine wunderbar räumliche Balance“, lobt Zimmermann. „Beide Bereiche lassen sich sowohl verbinden als auch trennen.“
Während die Wohnräume im Erd- und Obergeschoss des östlichen Gebäudeflügels auf insgesamt mehr als 170 Quadratmetern untergebracht sind, beherbergt der eingeschossige Westteil des Hauses das Atelier. Hier fertigt das Goldschmiedeehepaar unter Hilfe seiner beiden Mitarbeiter die Kreationen an. Diese werden dann hauptsächlich über Galerien verkauft, so dass die Zahl der Kundenbesuche in der Augsburger Werkstatt überschaubar ist.
Dieser Doppelfunktion des Gebäudes als Wohn- und Arbeitsort wird der Eingang gerecht. In einem recht großzügigen Ausschnitt der Fassade zur Straße hin, über drei flache Stufen erreichbar und gut geschützt, befinden sich die beiden Haustüren aus Eichenholz. Die linke führt ins Wohnhaus, die rechte in die Goldschmiede - dazwischen Glas. Das sorgt gerade zur Werkstatt hin für Offenheit, ohne jedoch das Innere zu sehr auszustellen. Obwohl zurückhaltend angelegt, zieht der Eingang sofort die für eine Geschäftsadresse nötige Aufmerksamkeit auf sich. Dafür sorgt auch der dunkelgraue Putz, der ihn, wie auch kleinere Fensteröffnungen, in der ansonsten hellen Fassade rahmt und akzentuiert. Innen verbindet eine Tür die Wohn- und Arbeitsräume.
Der Eingang ist mit der gleichen Sorgfalt und Detailgenauigkeit geplant wie das Haus insgesamt. Das ist nicht verwunderlich. Schließlich sind die beiden Auftraggeber im Kunsthandwerk tätig. „Wir sind Gestalter, das macht uns, fürchte ich, zu schwierigen Bauherren, denn wir wollen bei wirklich allen Einzelheiten mitreden“, beschreibt Gitta Pielcke ihre Rolle während der Planungsphase.
Vor gut sieben Jahren fällte das Ehepaar die Entscheidung, in ein größeres Haus zu ziehen. Damals lebten sie zusammen mit Erich Zimmermanns Mutter in einem Reihenhaus. Als sich das dritte Kind ankündigte, wurde es dort zu eng. Das neue Haus sollte Platz für die wachsende Familie samt Großmutter bieten. „Denn das war klar, wir lassen keinen zurück“, sagt Zimmermann.
Zunächst liebäugelte die Goldschmied-Familie mit diversen Bestandsimmobilien. Einmal hätte er fast bei einer Zwangsversteigerung ein Schnäppchen gemacht, erzählt Zimmermann. Doch die Gläubigerbank zog das Angebot kurzfristig zurück.
Kurz darauf wurde ihnen ein Rohbau angeboten. Der kam zwar nicht in Frage. Aber von diesem Zeitpunkt an, hätten sie mit einem Mal die Idee eines modernen Hauses gehabt. „Von einem Haus, in dem wir so wohnen können, wie es uns entspricht, ohne Kompromisse eingehen zu müssen“, erläutert der Augsburger, was ihn an der Vorstellung zu reizen begann, selbst Bauherr zu werden.
Das Ehepaar wandte sich an einen renommierten Architekten. Das Grundstück im Textilviertel, auf dem zuvor ein betagtes Einfamilienhaus gestanden hatte, besaßen sie da schon. Doch der Kontakt war ernüchternd. „Das ist jemand, der nur für sich baut, nicht für die Bauherren“, resümiert Zimmermann seine Erfahrung aus diesem ersten Versuch. „Da hat das Herz gefehlt.“ Auch die nächste Wahl war nicht glücklich. Die Bauherren hatten ein Exposé mit all ihren räumlichen Bedürfnissen verfasst. Der Entwurf ließ zwar nicht lange auf sich warten, aber der Planer hatte etwas Wesentliches vergessen: ein Kinderzimmer. Im Rückblick erscheint dem Ehepaar dieser Patzer als bezeichnend für die grundsätzliche Haltung des Architekten. „Da fehlte das genaue Hinhören“, meint Zimmermann.
Im dritten Anlauf endlich fanden sie mit Andreas Petermann den passenden Partner. Petermann entwarf ihnen inmitten des alten Baubestands das schlichte und doch markante Gebäude - ganz zu Anfang als reines Wohnhaus, dessen eingeschossigen Westflügel die Großmutter bewohnen sollte.
Doch die erlebte den Umzug nicht mehr. Angesichts der neuen Situation beschlossen die Bauherren, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu vereinen. Im Atelier sind die Werkplätze für die Schmuckgestalter untergebracht, dazu noch ein Büroraum. Vom Flur aus führt eine Treppe in den Keller, wo sich neben den üblichen Haustechnik- und Vorratsräumen noch eine Bastelwerkstatt für die Kinder und ein Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter befindet.
Das Erdgeschoss des Wohnhauses besteht fast zur Gänze aus einem großen Raum, in dem Küche, Ess- und Wohnzimmer untergebracht sind. Im Obergeschoss liegen die drei Kinder- und das Elternschlafzimmer, zu dem ein kleines Bad gehört. Die Kinder nutzen ein eigenes Badezimmer. Vom Flur wie auch von zwei Kinderzimmern aus lässt sich die über dem Atelier liegende Terrasse betreten, deren schützende Wände jedoch durchbrochen sind.
Von dort gelangt man über eine Treppe hinunter zur Gartenterrasse, die im Winkel der beiden Gebäudeflügel liegt. Während auf der Dachterrasse Kantsteinplatten verlegt sind, ließ Architekt Petermann für diesen Freisitz eine im Industriebau übliche Bodenplatte aus Beton gießen, die dann aber in einzelne große Felder geschnitten wurde. Es war eine vergleichsweise günstige Lösung für die Gestaltung der Außenräume.
Innen wie für die Gebäudefassade haben die Bauherren auf edle Baustoffe gesetzt. „Authentische, massive Materialien für die Ausstattung waren uns wichtig“, sagt Gitta Pielcke. Sie wählten geölte Eiche für die Böden und Möbel. Auch die schwebende Treppe, die ins Obergeschoss führt, ist aus diesem honigfarbenen Holz. Für die Bäder und Arbeitsflächen suchten die Bauherren den italienischen Sandstein Pietra Serena aus. Zur optischen Wirkung tragen auch der Weißlack auf den Einbaumöbeln und der Eisenglimmer-Lack für Metalle bei. Wände und Decken sind mit einem Filzputz versehen, der aber keine ganz feine Oberfläche aufweist, um Unebenheiten zu kaschieren. Das gilt auch für die Fassade.
Insgesamt steckt das Haus voller gestalterischer Details, die erst bei näherem Hinsehen auffallen. Vieles wie den Kaminofen oder die Griffe für die Einbauschränke haben die Bewohner selbst entworfen. Eine sehr elegante Lösung haben Planer und Hausherren zum Beispiel gefunden, um ein nur bei Bedarf sichtbares Heimkino zu schaffen. Im Wohnzimmerschrank - wie alle Schränke ein Einbaumöbel - ist der Beamer verborgen. Die Leinwand hängt eingerollt hinter einer Leiste am Fenster, die auch die Vorhangschiene und das Rollo verdeckt.
Auf eine effektive Verschattung an der Außenseite wurde bislang allerdings verzichtet, obwohl das hochgedämmte Gebäude mit den großen Fensterflächen zum Garten hin eigentlich einer solchen bedürfte. Der Bau, ausgestattet mit einer Grundwasserwärmepumpe, Solarthermie und kontrollierter Raumlüftung samt Wärmerückgewinnung, erreicht nach Angaben des Architekts die beste Energieeffizienzklasse. Dass die Familie Pielcke-Zimmermann jedoch auch an heißen Sonnentagen nicht in ihrem Wohnzimmer schmort, liegt am Schatten, den dann die umliegenden hohen Bäume spenden. Wenn die nicht wären, hätte er das Haus anders planen müssen, stellt Andreas Petermann heraus.
Durch den natürlichen Sonnenschutz hätten sie mindestens 25000 Euro gespart, schätzt Zimmermann. Er ist dem Planer dankbar, dass dieser nicht gleich auf eine entsprechende Investition gedrungen hat. An dieser Stelle wie an vielen anderen Stellen hat sich für die Bauherren gezeigt, „dass Herr Petermann unser Geld geschont hat, als ob es sein eigenes wäre“.
Baujahr 2010
Bauweise Massivbau aus Porenbeton, zum Teil Stahlbeton, gedämmt und verputzt
Energiekonzept Energiesparhaus mit Wärmepumpe, Lüftungsanlage, Dreifachverglasung und Solarthermie
Grundfläche 191 Quadratmeter
Wohnfläche 171 Quadratmeter und 66,7 Quadratmeter gewerbliche Nuzfläche
Baukosten (Kostengruppe 300 und 400) knapp 500 000 Euro
Standort Augsburg