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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Neue Häuser (8) Raumwunder im Stahlmantel

 ·  Im niederbayrischen Fürstenzell bewohnen Dora und Ulrike Materna mit ihrer Tochter ein Landhaus der etwas anderen Art.

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© Jan Roeder Ein Haus wie ein Schlauch: Das extrem schmale Grundstück erzwingt die längliche Form

Haus Materna verblüfft. Leicht erhöht steht es hinter dem Carport und dem großen Walnussbaum. Hier, wo Fürstenzell weniger Städtchen und mehr Dorf ist, Koppeln zu Häusern gehören und Maisfelder an Gärten grenzen, tragen die meisten Häuser Tracht. Anders der Neubau. Der Bungalow mit einem Mantel aus rohem, vor sich hin rostendem Stahl ist kein herkömmliches Landhaus, so wie seine Bewohner, die Ehefrauen Dora und Ulrike mit Tochter Lena, auch keine herkömmliche Familie sind.

Als sie das gut 980 Meter große Grundstück samt Nussbaum zum ersten Mal sah, habe sie sich sofort darin verliebt, erzählt Ulrike Materna. Die Chirurgin und ihre Familie hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon seit längerem auf die Suche nach einem Eigenheim oder nach Bauland gemacht. Eine Bestandsimmobilie wäre für sie durchaus auch in Frage gekommen, ein Bauträgerangebot jedoch nicht. Das Grundstück am Rande Fürstenzells dagegen erschien ihnen auf Anhieb ideal: Die Entfernung zu Arbeitsplätzen der beiden Frauen in Passau ist nicht weit, die Schule für die zwölfjährige Lena liegt nur einen Katzensprung entfernt, die Umgebung ist grün. Zudem war der Kaufpreis für das Stück Land extrem günstig.

Unbebaubar

Genau da aber lag der Haken. Das Grundstück war seit Jahren am Markt und galt als unbebaubar, denn mit einem 3-Meter-Abstand zum Nachbarn, wie ihn die bayerische Bauordnung vorsieht, bleibt bei einer Breite von nur 10 Metern an der schmalsten Stelle kaum Spielraum. Architekt Albert Koeberl allerdings sah darin kein Problem und legte bald einen ersten Entwurf vor, der mit dem heutigen Bau weitgehend übereinstimmt. Maternas waren auf das Büro Koeberl Doeringer Architekten, das sowohl in Passau als auch im österreichischen Schärding niedergelassen ist, im Internet aufmerksam geworden. „Bei der Durchsicht der Projekte waren wir zuversichtlich, dass denen auch für uns was Passendes einfallen würde“, sagt Dora Materna. Die 41 Jahre alte Bauherrin wundert sich zugleich darüber, wie viele Architekten offenbar immer noch auf eine aussagekräftige Online-Präsentation ihrer Arbeit verzichten. Mit Koeberl Doeringer jedenfalls fanden die Baufrauen schnell zusammen.

Die Wünsche, die die Maternas für ihre neues Haus hatten, sind rasch aufgezählt: Es sollte ebenerdig, funktional und hell sein, Raum genug für sie drei und die beiden Katzen bieten. Ein begehbarer Kleiderschrank wäre nicht schlecht. Der Walnussbaum musste erhalten bleiben.

Für Koeberl stellte sich abgesehen von der geringen Breite des Grundstücks noch eine weitere Herausforderung. Da das Grundstück unweit der Landesstraße liegt, die in Bayern Staatsstraße heißt, gelten besondere Schallschutzauflagen: Die Wohnräume dürfen grundsätzlich nicht in Richtung Landstraße ausgerichtet sein.

Ein fensterloser Schlauch

So gleicht das Haus nun auf seiner Südseite einem fensterlosen Schlauch. Auf 35 Metern erstreckt sich das Gebäude in die Tiefe des Grundstücks und ist im vorderen Teil doch nur maximal 5 Meter breit. Der Einschnitt in die Gebäudehülle, der den Eingang birgt, verstärkt den Eindruck der schlanken Silhouette zusätzlich. Eine schmale Rampe führt durch den Carport hindurch geradewegs auf die geschützt liegende Haustür zu.

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Blick aus dem Wohnzimmer: Mais, soweit das Auge reicht © Jan Roeder Blick aus dem Wohnzimmer: Mais, soweit das Auge reicht

Dahinter beginnt das Raumwunder: Ein fast 23 Meter langer Flur, den ein sich in Bodenhöhe befindliches Fensterband belichtet, führt zu einer tiefer liegenden Ebene, wo Küche, Wohn- und Esszimmer liegen. Hier ist der Baugrund breiter. Und so verschafft sich das in Holzständerbauweise errichtete Gebäude mehr Raum nach Süden hin, wo das Arbeitszimmer und eine der beiden Terrassen liegen. Ein weiterer Freisitz befindet sich an der Westseite. Die großen, raumhohen Fenster öffnen diese Räume zu den umliegenden Feldern und Wiesen. Doch eine seitlich verlaufende Wand schirmt den Sitzplatz nicht nur gegen Wind ab, sondern kanalisiert zugleich die Blicke auf das angrenzende Maisfeld. Sie habe die Wand zunächst für „völligen Schmarrn gehalten“, gesteht Ulrike Materna. Es sei eigentlich der einzige Vorschlag des Planers gewesen, den sie nicht habe nachvollziehen können. Heute ist sie froh, dass sie Koeberls Entwurf auch in diesem Punkt gefolgt sind.

Wie introvertiert wirkt dagegen der vordere Teil des Hauses. Entlang des Flurs auf der rechten Seite bieten oberhalb des Fensterbands Einbauschränke Stauraum. Linker Hand reiht sich Zimmer an Zimmer. Tochter Lena ist gleich im ersten untergebracht und kann von ihrem Raum aus auf den Walnussbaum blicken. Mit dem Kinderzimmer verbunden ist ein kleines Bad, hinter dem zum Flur hin eine Gästetoilette liegt. Danach kommt der Haustechnik- und Wirtschaftsraum. Auf diesen folgen die Ankleide, Bad und Schlafzimmer.

Stahlbleche als Fassade

Jeder dieser Räume ist separat vom Flur aus zu erreichen. Untereinander durch innenliegende Wege verbunden, bilden sie eine eigene Einheit innerhalb des Hauses. Noch etwas verstärkt den Bezug: Da das Schlafzimmer aus besagten Schallschutzgründen kein Fenster nach Süden haben darf, hat Architekt Koeberl ein knapp 7 Quadratmeter großes Atrium geplant, um das sich Schlaf- und Badezimmer gruppieren. Der mit Glas überdachte Innenhof belichtet beide Räume. Die Dusche, die in dem schmalen Gang zwischen Atrium und Flur untergebracht ist, gewährt zugleich direkten Zu- und Durchgang vom Bad ins Schlafzimmer. Aus diesen Räumen mögen die großen Ausblicke fehlen, dafür gewähren sie untereinander Einblick.

Akzente setzen aber auch die Stahlbetonwände mit ihrer Strohmusteroberfläche. Als Fußbodenbelag haben die Bauherrinnen Sichtestrich gewählt. In der Dusche sind Boden und Wände mit weißem Epoxidharz beschichtet. In Wohn-, Ess- und Arbeitszimmer liegt Akazienparkett aus. „Wir wollten den unterschiedlichen Charakter hervorheben“, sagt Albert Koeberl und wendet sich in diesem Fall gegen den gegenwärtigen Trend, sämtliche Räume möglichst nahtlos mit ein und demselben Bodenbelag auszustatten, um eine Gleichwertigkeit herzustellen.

Die Fassade schließlich besteht aus Stahlblechen von unterschiedlicher Oberfläche und Stärke, die in breiten Streifen angeordnet sind und verschieden stark und schnell rosten. Auf Cortenstahl habe man, auch weil das Produkt modisch ist, nicht zurückgegriffen, erläutert der Architekt. Die Bewohnerinnen sind von den Farben des Rosts fasziniert, der die rotbraune Farbpalette ergänzt, zu der Holzverkleidungen, Dächer und Ziegel der umliegenden Gebäude beitragen.

„Wir haben genau das Haus, das zu uns passt“, freut sich Ulrike Materna. „Besonders schön ist, dass es kein Kompromiss ist“, ergänzt Dora. Dass sie sich in ihrem neuen Zuhause schon nach kurzer Zeit so wohl fühlen, liegt auch am guten Verhältnis zu ihren Nachbarn. Überrascht und erfreut sind die beiden, wie positiv diese den Neubau, aber auch sie selbst angenommen haben. Nach dem Grundstückskauf sei sie mit einem Mal unsicher gewesen, ob die Idee gut war, aufs Land zu ziehen, gesteht Ulrike Materna. Die Zweifel haben sich längst zerstreut. Ihr Umfeld habe mit „gesunder Neugier“ und Sympathie auf das eher ungewöhnliche Landhaus und den Frauenhaushalt reagiert. „Das ist ein großes Glück.“

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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