Home
http://www.faz.net/-gqe-72ptu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Neue Häuser 2012: K78 Backsteinrefugium im Kiez

Keine Frage - es gibt leichtere und weniger teure Bauvorhaben, als eine heruntergekommene, denkmalgeschützte Remise in das Zuhause einer vierköpfigen Familie zu verwandeln. Doch für Barbara Kotte und Peter Bünnagel aus Berlin hat sich die Mühe gelohnt.

© Pein, Andreas Vergrößern Früher Brauerei, heute Wohnhaus

Wie kommen wir aus dieser Nummer nur wieder raus? Drei Jahre lang haben Barbara Kotte und Peter Bünnagel sich immer wieder diese Frage gestellt und keine Antwort darauf gefunden. Wohl auch keine finden wollen. Denn bei allen Zweifeln, Widrig- und Unwägbarkeiten, die ihre Entscheidung mit sich brachte, eine mehr als 100 Jahre alte Remise in einem Hinterhof am Prenzlauer Berg in ein Wohnhaus zu verwandeln, waren sie zugleich sicher, etwas Besonderes gefunden zu haben.

Birgit Ochs Folgen:      

Ein Makler hatte das Paar in den Hof eines Gründerzeitensembles geführt, dessen sechs Stockwerke hohe Vorderhäuser die ehemaligen Wirtschaftsgebäude verbergen. Zur Straße hin herrscht bürgerliche Gediegenheit, dahinter rauher Backsteincharme. „Innen sah es damals wirklich übel aus“, erinnert sich Bünnagel an den ersten Eindruck, den der längliche Bau mit dem rotbraunen Klinker auf ihn gemacht hatte. Das Dach war undicht, in den Innenräumen standen Pfützen, es roch muffig.

Mehr zum Thema

Und doch reizte den Professor für Gestaltung und die Kommunikationsdesignerin die Idee, dieses große, bis dahin so gar nicht heimelige Gebäude zu sanieren und aus der mehr als drei Meter hohen, nüchternen Halle im Erdgeschoss in einen Ort zum Wohnen zu machen. Einst hatte in dem Backsteinbau eine Brauerei ihren Sitz, zu DDR-Zeiten diente er dann als Schreinerei. Als Bünnagel und Kotte die Remise sahen, stand sie schon seit Jahren leer. Der Makler hatte beim Besichtigungstermin Pläne zur Hand, wie das Gebäude nach einer Rundumsanierung aussehen sollte. Barbara Kotte und Peter Bünnagel aber waren sich schnell einig: „Wenn wir das kaufen, dann nur unsaniert.“

„Bauzeit war fast eine Erholungskur“

Damals war den beiden nicht wirklich klar, auf was sie sich einließen. In Berlin seit Ende der achtziger Jahre zu Hause, hatten sie schon eine ganze Weile nach einer eigenen Immobilie gesucht, die ausreichend Platz bieten sollte - für sie, ihre Tochter und möglichst noch ein weiteres Kind. Eine Zeitlang hatten sie mit der Möglichkeit geliebäugelt, als Mitglieder einer Baugruppe ihren Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen.

Vermutlich wäre alles einfacher gewesen als der Kauf und Ausbau der Remise. Nicht nur, weil diese einer Generalüberholung bedurfte, bei der neben der Baubehörde auch das Denkmalamt mitzureden hatte, sondern auch, weil das Gebäude Teil eines Gebäudeensembles ist. „Wir fühlten uns wie Käufer eines Hauses, dabei wurden wir mit dem Kauf Teil einer Wohnungseigentümergemeinschaft“, erzählt Peter Bünnagel. Als die Gemeinschaft während der Planungsphase bei allen möglichen Fragen ein Mitspracherecht forderte und ihren Einfluss geltend machte, wussten die Käufer, dass ihnen ein gewaltiger Abstimmungsmarathon bevorstand. Am Ende dauerte die Planung fast drei Jahre. „Dagegen war die einjährige Bauzeit dann wie eine Erholungskur“, scherzt Barbara Kotte.

Behutsame Sanierung

Die Bauherren hatte das Architekturbüro Roedig Schop beauftragt, das die Metamorphose vom Industriebau zum Wohnhaus für sie möglich machte. Es war eine anspruchsvolle Aufgabe: Das Haus sollte modernen Wohnansprüchen genügen, keine Energieschleuder mehr sein, doch gleichzeitig so behutsam saniert werden, dass sein Charakter so originalgetreu wie möglich erhalten blieb.

“Für so etwas gibt es keine Schablone, das muss man individuell lösen“, sagt der Architekt Christoph Roedig. Da das Gebäude nur zur Hofseite hin ausgerichtet ist, wurde es auch nur von dieser Seite belichtet. „Das war die Kernaufgabe, wie bringen wir mehr Licht und Luft in einen sieben Meter tiefen Bau, ohne seine bisherige Anmutung zu zerstören“, schildert Roedig eine zentrale Frage.

Die Antwort lag gewissermaßen auf dem Dach: Die Architekten nutzten die fünfte Fassade, um den Innenraum effektvoll zu belichten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Architekt Helmut Jahn Die Rekonstruktion der Römer-Ostzeile ist Kitsch

Sein Messeturm ist zu einer Ikone geworden: Der Architekt Helmut Jahn hat die Frankfurter Skyline entscheidend bereichert. Doch nicht jedes seiner Projekte ist gebaut worden. Er nimmt solche Niederlagen sportlich. Mehr

29.03.2015, 10:26 Uhr | Rhein-Main
Besuch beim Architekten Wohnen im modernisierten Altbau in Istanbul

Istanbul zieht Künstler, Kreative und Kenner an – so wie Hakan Aldogan. Der türkische Architekt hat in einem alten, traditionsreichen Viertel der Stadt ein Haus von Grund auf renoviert und modernisiert. Mehr

22.03.2015, 09:40 Uhr | Stil
Umbau der Frankfurter Altstadt Aus alt mach neu - oder umgekehrt

Hätte im späten Mittelalter die Hessische Bauordnung gegolten, wäre die Frankfurter Altstadt nie entstanden. Ihr aktueller Wiederaufbau ist ein Kompromiss. Aber kein fauler. Das Wesen der Altstadt soll erfahrbar werden. Mehr Von Rainer Schulze

26.03.2015, 15:35 Uhr | Feuilleton
Architektur Streit um berühmtes japanisches Hochhaus

Seit 1972 gibt es in Tokio den "Nakagin Capsule Tower". Mit seinen 140 kleinen Wohnkapseln zeigt er, wie sich die Architekten der Metabolismus-Bewegung vor vier Jahrzehnten die Zukunft vorstellten. Der einzigartige, in die Jahre gekommene Schachtelbau von Kisho Kurokawa soll nun abgerissen werden. Mehr

22.10.2014, 10:51 Uhr | Feuilleton
Kein zweiter Hessenpark Umstrittene Frankfurter Altstadt wächst

Es ist eine von 4000 Baustellen in Frankfurt, aber eine ganz Besondere, sagt Bürgermeister Cunitz. Der Grüne meint die Rekonstruktion der Altstadt. Doch das Projekt ist umstrittenen. Mehr

17.03.2015, 19:05 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.09.2012, 09:45 Uhr

Daimler vor der Revolution

Von Susanne Preuß

Die Digitalisierung der Welt wird vor den Werkstoren von Mercedes nicht haltmachen. Der schwäbische Automobilkonzern orientiert sich um: Er will zum technischen Vorreiter der Branche werden. Mehr 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wo es den meisten Urlaub gibt

In Deutschland haben Arbeitnehmer gesetzlich einen Urlaubsanspruch von 24 Tagen. Wie es in anderen Ländern ist, zeigt unsere Grafik des Tages. Mehr 3