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Neue Häuser 2012: K78 : Backsteinrefugium im Kiez

Blick in die Wohnküche: offen und doch gegliedert Bild: Pein, Andreas

Keine Frage - es gibt leichtere und weniger teure Bauvorhaben, als eine heruntergekommene, denkmalgeschützte Remise in das Zuhause einer vierköpfigen Familie zu verwandeln. Doch für Barbara Kotte und Peter Bünnagel aus Berlin hat sich die Mühe gelohnt.

          Wie kommen wir aus dieser Nummer nur wieder raus? Drei Jahre lang haben Barbara Kotte und Peter Bünnagel sich immer wieder diese Frage gestellt und keine Antwort darauf gefunden. Wohl auch keine finden wollen. Denn bei allen Zweifeln, Widrig- und Unwägbarkeiten, die ihre Entscheidung mit sich brachte, eine mehr als 100 Jahre alte Remise in einem Hinterhof am Prenzlauer Berg in ein Wohnhaus zu verwandeln, waren sie zugleich sicher, etwas Besonderes gefunden zu haben.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Makler hatte das Paar in den Hof eines Gründerzeitensembles geführt, dessen sechs Stockwerke hohe Vorderhäuser die ehemaligen Wirtschaftsgebäude verbergen. Zur Straße hin herrscht bürgerliche Gediegenheit, dahinter rauher Backsteincharme. „Innen sah es damals wirklich übel aus“, erinnert sich Bünnagel an den ersten Eindruck, den der längliche Bau mit dem rotbraunen Klinker auf ihn gemacht hatte. Das Dach war undicht, in den Innenräumen standen Pfützen, es roch muffig.

          Und doch reizte den Professor für Gestaltung und die Kommunikationsdesignerin die Idee, dieses große, bis dahin so gar nicht heimelige Gebäude zu sanieren und aus der mehr als drei Meter hohen, nüchternen Halle im Erdgeschoss in einen Ort zum Wohnen zu machen. Einst hatte in dem Backsteinbau eine Brauerei ihren Sitz, zu DDR-Zeiten diente er dann als Schreinerei. Als Bünnagel und Kotte die Remise sahen, stand sie schon seit Jahren leer. Der Makler hatte beim Besichtigungstermin Pläne zur Hand, wie das Gebäude nach einer Rundumsanierung aussehen sollte. Barbara Kotte und Peter Bünnagel aber waren sich schnell einig: „Wenn wir das kaufen, dann nur unsaniert.“

          „Bauzeit war fast eine Erholungskur“

          Damals war den beiden nicht wirklich klar, auf was sie sich einließen. In Berlin seit Ende der achtziger Jahre zu Hause, hatten sie schon eine ganze Weile nach einer eigenen Immobilie gesucht, die ausreichend Platz bieten sollte - für sie, ihre Tochter und möglichst noch ein weiteres Kind. Eine Zeitlang hatten sie mit der Möglichkeit geliebäugelt, als Mitglieder einer Baugruppe ihren Traum vom eigenen Haus zu verwirklichen.

          Vermutlich wäre alles einfacher gewesen als der Kauf und Ausbau der Remise. Nicht nur, weil diese einer Generalüberholung bedurfte, bei der neben der Baubehörde auch das Denkmalamt mitzureden hatte, sondern auch, weil das Gebäude Teil eines Gebäudeensembles ist. „Wir fühlten uns wie Käufer eines Hauses, dabei wurden wir mit dem Kauf Teil einer Wohnungseigentümergemeinschaft“, erzählt Peter Bünnagel. Als die Gemeinschaft während der Planungsphase bei allen möglichen Fragen ein Mitspracherecht forderte und ihren Einfluss geltend machte, wussten die Käufer, dass ihnen ein gewaltiger Abstimmungsmarathon bevorstand. Am Ende dauerte die Planung fast drei Jahre. „Dagegen war die einjährige Bauzeit dann wie eine Erholungskur“, scherzt Barbara Kotte.

          Behutsame Sanierung

          Die Bauherren hatte das Architekturbüro Roedig Schop beauftragt, das die Metamorphose vom Industriebau zum Wohnhaus für sie möglich machte. Es war eine anspruchsvolle Aufgabe: Das Haus sollte modernen Wohnansprüchen genügen, keine Energieschleuder mehr sein, doch gleichzeitig so behutsam saniert werden, dass sein Charakter so originalgetreu wie möglich erhalten blieb.

          “Für so etwas gibt es keine Schablone, das muss man individuell lösen“, sagt der Architekt Christoph Roedig. Da das Gebäude nur zur Hofseite hin ausgerichtet ist, wurde es auch nur von dieser Seite belichtet. „Das war die Kernaufgabe, wie bringen wir mehr Licht und Luft in einen sieben Meter tiefen Bau, ohne seine bisherige Anmutung zu zerstören“, schildert Roedig eine zentrale Frage.

          Die Antwort lag gewissermaßen auf dem Dach: Die Architekten nutzten die fünfte Fassade, um den Innenraum effektvoll zu belichten.

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