Die fünf maroden Scheibenhochhäuser im Zentrum von Halle-Neustadt haben schon bessere Zeiten erlebt. Einst waren sie das stolze Wahrzeichen einer sozialistischen Musterstadt, die mit ihren 18 Stockwerken das Stadtbild schon von weitem prägten. Heute sind die markanten Hochhäuser ein Symbol für den steten Niedergang der Plattenbaustadt. Mehr als 90000 Einwohner zählte Halle-Neustadt noch vor der Wende, 20 Jahre nach der Einheit hat sich die Bevölkerung durch Abwanderung und Geburtenrückgang fast halbiert - ein Ende des Schrumpfens ist nicht abzusehen.
Udo Mittinger lebte von 1966 bis 1995 in der Neustadt. Als der Kraft- und Arbeitsmaschineningenieur nach dem Studium in dem naheliegenden Chemiewerk Leuna zu arbeiten begann, „war ich froh, hier eine Wohnung zu bekommen“, erinnert sich der Mittsechziger. Wovon die Bewohner zu dieser Zeit in den Altbauten der DDR nur träumen konnten, war in Halle-Neustadt schon selbstverständlich: „Alle Wohnungen hatten Zentralheizung und Warmwasser“, schwärmt Mittinger.
Eine von drei Vorzeigestädten
Aber auch stadtplanerisch und architektonisch setzte sich Halle-Neustadt von gewöhnlichen Großraumsiedlungen in der DDR deutlich ab. Neben Schwedt und Eisenhüttenstadt bildete sie eine von insgesamt drei sozialistischen Vorzeigestädten mit einem eigenen Zentrum samt Marktplatz, einem Bahnhof und ungewöhnlich vielen Grünanlagen.
Als die Planstadt vom Reißbrett in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut wurde, zog sie Menschen aus der ganzen DDR an. Arbeit gab es reichlich in den naheliegenden chemischen Industriekombinaten „Leuna“ und „Buna“. „Die Leute, die hierherkamen, haben zu Hause alles stehen- und liegengelassen, um sich hier ein neues Leben aufzubauen“, erzählt Mittinger.
Mit dem langsamen Sterben ihrer Stadt wollen sich etliche inzwischen ergraute Alteingesessene daher ganz und gar nicht abfinden. Bis 1990 war die frühere Chemiearbeiterstadt Halle West eigenständig. Erst nach der Wende fusionierte sie mit dem historischen Halle an der Saale. Seitdem ist HaNeu, wie Halle-Neustadt liebevoll von ihren Bewohnern genannt wird, zwar geographisch nur noch Stadtrand. Der Vergleich mit anderen ostdeutschen Großraumsiedlungen hinkt bis heute jedoch gewaltig.
Nach der Wende flossen trotz des erheblichen Bevölkerungsrückgangs millionenschwere Investitionen in die ehemalige sozialistische Musterstadt. Die meisten Häuser sind inzwischen saniert. Allein die „Gesellschaft für Wohn- und Gewerbeimmobilien“ (GWG), die zweitgrößte städtische Wohnungsgesellschaft in Halle, investierte rund 500 Millionen Euro in die Sanierung ihrer insgesamt 10500 Wohnungen in Halle-Neustadt. Hinzu kamen weitere Ausgaben in Millionenhöhe für den Ausbau des Nahverkehrs, die Straßenerneuerung sowie Investitionen für Grünanlagen und Spielplätze. Selbst eine Straßenbahn, die schon zu DDR-Zeiten auf dem Plan stand, rollt nun durch die Neustadt.
„Löchrig wie ein Schweizer Käse“
In der Altstadt dagegen kann längst nicht jeder die Sonderstellung von Halle-Neustadt nachvollziehen. Christian Feigl ist von Geburt an Altstädter. Hier, in einer leicht ansteigenden Seitenstraße, lebt der 46-Jährige mit seiner Familie in einem mehr als 300 Jahre alten Fachwerkhaus. Christian Feigl liebt alte Häuser. Schon zu DDR-Zeiten setzte sich der Denkmalpfleger für den Erhalt historischer Baudenkmäler inner- und außerhalb der mehr als 1200 Jahre alten Hallenser Altstadt ein.
In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebte er, wie die Altstadt zunehmend verfiel, wie Häuserzeile um Häuserzeile ihre Einwohner verlor und wie ganze Straßenzüge aus der Barock- und Renaissancezeit dem Erdboden gleichgemacht wurden. „Viele zogen damals in die Neustadt mit ihren vergleichsweise komfortablen Wohnungen“, erinnert sich Feigl. Auch nach der Wende hielt die Abrisswelle in der Altstadt und ihren umliegenden Gründerzeitvierteln an.
Christian Feigl berichtet von 50 Altstadthäusern, die seit 1990 abgebrochen wurden - und von denen zahlreiche noch zu retten gewesen wären. Etliche historische Bauten sind immer noch akut vom Abbruch bedroht. „Mittlerweile ist die Altstadt löchrig wie ein Schweizer Käse“, ärgert sich der Denkmalpfleger. Der Hallenser appelliert dringend an die Stadt, sich endlich stärker zu ihrem „Integrierten Stadtentwicklungskonzept“ zu bekennen, das vorsieht, die Stadt von außen nach innen schrumpfen zu lassen.
Teure Spülung der Abwasserrohre
Denn nur wenn sich der Großteil der jährlichen Investitionen auf das historische Zentrum und seinen umliegenden Gründerzeitgürtel konzentriere, könne es gelingen, eine schrumpfende Stadt für potentielle Einwohner und Investoren interessanter zu machen und damit auch die historische Bausubstanz langfristig zu retten, glaubt Christian Feigl.
Viele fragen sich, warum in Zeiten leerer Kassen die Fördermittel nicht gänzlich auf die historisch gewachsenen Stadtteile verteilt werden, anstatt diese in stark schrumpfenden Stadtteilen regelrecht zu verpulvern. Denn auch die Aufrechterhaltung etwa der Verkehrsinfrastruktur ist mit einem erheblichen finanziellen Aufwand verbunden. Deutlich wird die Problematik auch am Beispiel der Abwasserleitungen. Schon jetzt zahlt Halle viel Geld für die Spülung der Abwasserrohre in von starkem Einwohnerrückgang betroffenen Plattenbaugebieten, um Fäulnis und unangenehmen Gerüchen vorzubeugen, weil immer weniger Menschen die Leitungen nutzen.
Friedrich Busmann (68) war von 1995 bis 2002 Planungsdezernent mit Schwerpunkt Stadtplanung in Halle. „Das Problem der Schrumpfung“, sagt Busmann, „ist lange Zeit verdrängt worden.“ Erst als die Bundesregierung im Jahr 2002 das milliardenschwere Programm „Stadtumbau Ost“ auflegte, mit dem Ziel, auf den verheerenden Leerstand in den neuen Ländern zu reagieren und die Stadtzentren zu stärken, „fand im Stadtrat ein Umdenken statt“, weiß Busmann.
Von außen nach innen schrumpfen
Doch 45000 Wählerstimmen aus Halle-Neustadt sind ein Argument, um es mit der Stärkung der Altstadt und weiteren Abrissen in der Neustadt nicht zu weit zu treiben.Unterstützung erhalten die Neustädter zudem von der „Stiftung Bauhaus“ aus dem benachbarten Dessau, die schon einmal verlauten ließ, die sozialistische Musterstadt unter Denkmalschutz zu stellen.
Auch in vielen Regionen Westdeutschlands wie etwa dem Ruhrgebiet veranlasst der wirtschaftliche und demographische Strukturwandel die Stadtplaner zum Umdenken. Von außen nach innen zu schrumpfen und dabei die historisch gewachsenen Stadtbezirke zu fördern ist Ziel der meisten betroffenen Städte. Als Leitbild gilt die „europäische Stadt“, die sich durch ihre dichte und abwechslungsreiche Bebauung sowie ihre Mischung aus Wohnen, Arbeiten, Bildung, Versorgung und Freizeitgestaltung auszeichnet.
Doch in der Praxis tun sich viele deutsche Städte schwer, die in der Theorie erarbeiteten Grundsätze umzusetzen. Noch immer überwiegt die Trennung zwischen Arbeiten in der Stadt und Wohnen am Stadtrand. Und noch immer werden selbst in den vom demographischen Wandel stark betroffenen Regionen Einfamilienhaussiedlungen oder Gewerbegebiete am Stadtrand ausgewiesen, während die Kernstadt verödet und oftmals baufällige, aber wertvolle Altbausubstanz auf bessere Zeiten wartet.
Unterdessen setzt sich Udo Mittinger als Vorstand des Vereins „Halle-Neustadt“ unermüdlich für die Belange des stark schrumpfenden Stadtteils ein. Mittinger klagt, dass die Neustadt so gut wie keine politische Lobby mehr habe. „Die Stadt steckt kaum noch einen Cent in die Neustadt“, ärgert er sich. Und dennoch oder gerade deswegen werben er und seine Mitstreiter unerlässlich für die Vorzüge ihrer Neustadt. „Hier gibt es keine Ruinen“, sagt Udo Mittinger.
Man wohne in der Neustadt wie in einem Park, und zudem seien die Mieten vielfach günstiger als im alten Teil der Stadt. Mittinger weiß, dass es ein Kampf um Zeit ist. Er selbst lebt schon lange nicht mehr in der ehemaligen sozialistischen Musterstadt.