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Marode Altbauten in Halle Alt- gegen Neustadt

 ·  Halle-Neustadt war der Stolz der DDR. Nach der Wende flossen millionenschwere Investitionen in die Sanierung der schrumpfenden Plattenbaustadt. Geld - das auch das historische Zentrum nötig hätte.

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© Pein, Andreas Vergrößern Halles Zentrum: „Löchrig wie ein Schweizer Käse“

Die fünf maroden Scheibenhochhäuser im Zentrum von Halle-Neustadt haben schon bessere Zeiten erlebt. Einst waren sie das stolze Wahrzeichen einer sozialistischen Musterstadt, die mit ihren 18 Stockwerken das Stadtbild schon von weitem prägten. Heute sind die markanten Hochhäuser ein Symbol für den steten Niedergang der Plattenbaustadt. Mehr als 90000 Einwohner zählte Halle-Neustadt noch vor der Wende, 20 Jahre nach der Einheit hat sich die Bevölkerung durch Abwanderung und Geburtenrückgang fast halbiert - ein Ende des Schrumpfens ist nicht abzusehen.

Udo Mittinger lebte von 1966 bis 1995 in der Neustadt. Als der Kraft- und Arbeitsmaschineningenieur nach dem Studium in dem naheliegenden Chemiewerk Leuna zu arbeiten begann, „war ich froh, hier eine Wohnung zu bekommen“, erinnert sich der Mittsechziger. Wovon die Bewohner zu dieser Zeit in den Altbauten der DDR nur träumen konnten, war in Halle-Neustadt schon selbstverständlich: „Alle Wohnungen hatten Zentralheizung und Warmwasser“, schwärmt Mittinger.

Eine von drei Vorzeigestädten

Aber auch stadtplanerisch und architektonisch setzte sich Halle-Neustadt von gewöhnlichen Großraumsiedlungen in der DDR deutlich ab. Neben Schwedt und Eisenhüttenstadt bildete sie eine von insgesamt drei sozialistischen Vorzeigestädten mit einem eigenen Zentrum samt Marktplatz, einem Bahnhof und ungewöhnlich vielen Grünanlagen.

Als die Planstadt vom Reißbrett in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gebaut wurde, zog sie Menschen aus der ganzen DDR an. Arbeit gab es reichlich in den naheliegenden chemischen Industriekombinaten „Leuna“ und „Buna“. „Die Leute, die hierherkamen, haben zu Hause alles stehen- und liegengelassen, um sich hier ein neues Leben aufzubauen“, erzählt Mittinger.

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© Pein, Andreas Vergrößern Kein Einzelfall: Für die Sanierung der historischen Bausubstanz fehlt das Geld

Mit dem langsamen Sterben ihrer Stadt wollen sich etliche inzwischen ergraute Alteingesessene daher ganz und gar nicht abfinden. Bis 1990 war die frühere Chemiearbeiterstadt Halle West eigenständig. Erst nach der Wende fusionierte sie mit dem historischen Halle an der Saale. Seitdem ist HaNeu, wie Halle-Neustadt liebevoll von ihren Bewohnern genannt wird, zwar geographisch nur noch Stadtrand. Der Vergleich mit anderen ostdeutschen Großraumsiedlungen hinkt bis heute jedoch gewaltig.

Nach der Wende flossen trotz des erheblichen Bevölkerungsrückgangs millionenschwere Investitionen in die ehemalige sozialistische Musterstadt. Die meisten Häuser sind inzwischen saniert. Allein die „Gesellschaft für Wohn- und Gewerbeimmobilien“ (GWG), die zweitgrößte städtische Wohnungsgesellschaft in Halle, investierte rund 500 Millionen Euro in die Sanierung ihrer insgesamt 10500 Wohnungen in Halle-Neustadt. Hinzu kamen weitere Ausgaben in Millionenhöhe für den Ausbau des Nahverkehrs, die Straßenerneuerung sowie Investitionen für Grünanlagen und Spielplätze. Selbst eine Straßenbahn, die schon zu DDR-Zeiten auf dem Plan stand, rollt nun durch die Neustadt.

„Löchrig wie ein Schweizer Käse“

In der Altstadt dagegen kann längst nicht jeder die Sonderstellung von Halle-Neustadt nachvollziehen. Christian Feigl ist von Geburt an Altstädter. Hier, in einer leicht ansteigenden Seitenstraße, lebt der 46-Jährige mit seiner Familie in einem mehr als 300 Jahre alten Fachwerkhaus. Christian Feigl liebt alte Häuser. Schon zu DDR-Zeiten setzte sich der Denkmalpfleger für den Erhalt historischer Baudenkmäler inner- und außerhalb der mehr als 1200 Jahre alten Hallenser Altstadt ein.

In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebte er, wie die Altstadt zunehmend verfiel, wie Häuserzeile um Häuserzeile ihre Einwohner verlor und wie ganze Straßenzüge aus der Barock- und Renaissancezeit dem Erdboden gleichgemacht wurden. „Viele zogen damals in die Neustadt mit ihren vergleichsweise komfortablen Wohnungen“, erinnert sich Feigl. Auch nach der Wende hielt die Abrisswelle in der Altstadt und ihren umliegenden Gründerzeitvierteln an.

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