Home
http://www.faz.net/-gz7-6wpgk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leerstandsbekämpfung Künstler und Kreative werden zu gern gesehenen Zwischennutzern

12.01.2012 ·  Städte in Nordrhein-Westfalen, die unter einem hohen Leerstand von Gewerbeflächen leiden, gehen gezielt auf Nutzersuche in der Kreativbranche. Die Übergangsmieter zahlen weniger, tragen dafür aber im Idealfall zum Erhalt der Standortqualität bei.

Von Miriam Beul-Ramacher, Essen
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Einst sorgten Künstler und Kreative vor allem für Kopfschütteln und gerümpfte Nasen unter Immobilienbesitzern. In diesem Abwehrreflex drückte sich nicht zuletzt die Sorge aus, die kreativen Geister als Mieter nicht schnell genug loswerden zu können, wenn die Flächennachfrage wieder anzieht. Doch die Stimmung dreht sich, wie inzwischen Beispiele in zahlreichen Städten in Nordrhein-Westfalen zeigen.

Wuppertal etwa wirbt seit geraumer Zeit schon gezielt um Zwischennutzer aus der Kreativbranche für leerstehende Gewerbeflächen. In der Stadt gibt es einige weiträumige gründerzeitliche Quartiere. Die Wohnungen in den Gebäuden erfreuen sich einer regen Nachfrage - nur die Ladenflächen im Erdgeschoss stehen immer häufiger leer. Ganze Straßenzüge leiden unter verwaisten Schaufenstern und zugenagelten Fronten, und das schon seit Jahren. „Kleine Ladeneinheiten mit weniger als 100 Quadratmetern Fläche rechnen sich für die meisten Händler nicht mehr, seit wir es gewohnt sind, in Supermärkten und Shoppingcentern einkaufen zu gehen“, sagt Gaby Schulten, die in der Zwischennutzungsagentur der Stadt Wuppertal für die Flächenvermittlung zuständig ist. Das Büro wurde 2007 im Rahmen des Förderprogramms „Stadtumbau-West“ eingerichtet und legte zweieinhalb Jahre später einen ersten Zwischenbericht vor. Danach konnten von mehr als 400 leerstehenden Ladeneinheiten 76 an kreative Zwischennutzer vermittelt werden. Unter den Mietern waren unter anderem kleine Theater, Event-Agenturen für Kinder, Fotografen, Designwerkstätten und Künstler zu finden.

Leerstehende Räume werden zur Experimentierfläche

„Stehen Gebäude längere Zeit leer, kosten sie trotzdem Geld und müssen unterhalten werden“, sagt Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Metropoleruhr. „Hinzu kommt, dass Quartiere mit größeren Leerständen schnell in der öffentlichen Wahrnehmung eine Abwertung erfahren.“ Er hält die temporäre Nutzung für eine sinnvolle Alternative. „Zwischennutzer bringen den Eigentümern nicht nur Geld - sie erhalten oder steigern sogar die Attraktivität von Standort und Gebäude.“

Das Grundkonzept der temporären Nutzung ist einfach: Leerstehende Laden-, Büro- oder Industrieflächen werden über einen vorher fest vereinbarten Zeitraum als Experimentier-, Atelier- oder Geschäftsräume abgegeben - entweder zum Nulltarif oder zu einem vergünstigten Quadratmeterpreis. Nach diesem Prinzip lädt etwa die RAG Montan Immobilien GmbH seit 2010 kreative Nutzergruppen als Zwischenmieter auf die stillgelegte Zeche in Dinslaken-Lohberg ein. Benötigt der Eigentümer die Fläche wieder für eine reguläre Nutzung oder steht ein Investor für das Gebäude vor der Tür, hilft Quartiersmanager Gerhard Seltmann bei der Suche nach Ausweichflächen. „Die Zwischenmieter haben zwar keinen Rechtsanspruch auf eine neue Fläche“, sagt er. „Auf unserem 40 Hektar großen Areal haben wir aber genügend Freiflächen und Gebäude, die genutzt werden können.“ Niemand sitze permanent auf gepackten Koffern. Seltmann hat es vor allem mit Malern, Filmemachern und Fotografen zu tun. Mit den vergleichsweise geringen Mieteinnahmen könne die Eigentümerin gut leben. „Zwischennutzungen und Events sind auf der Zeche Lohberg als gezielte Methode der Öffentlichkeitsarbeit und Standortvorbereitung eingeplant und eingepreist“, fügt er hinzu.

In anderen Konzepten übernehmen private Agenturen eine Vermittlerrolle zwischen Immobilienbesitzern, Wirtschaftsförderern und Kreativunternehmen. Für Eigentümer hat das den Vorteil, dass sie nicht den Überblick über Dutzende von Mietverträgen behalten müssen, sondern die Administration einfach der Agentur überlassen. Die Stadt Mönchengladbach arbeitet nach diesem Modell mit der Raumaufzeit GmbH zusammen. Diese mietet leerstehende Flächen für einen Mietzins von lediglich ein bis zwei Euro pro Quadratmeter an, richtet die Räume mit einfachen Mitteln her und vermietet sie dann für drei bis neun Euro pro Quadratmeter warm weiter.

Das ehemalige Bauamt in der Viersener Straße 16 ist auf diese Weise innerhalb von wenigen Wochen komplett an 24 Kreativunternehmen vermietet worden. Zuvor standen die 1200 Quadratmeter in dem Block über mehrere Jahre leer. „Das V 16 ist kein Künstlerhaus“, betont Martin Platzer, Projektmanager bei der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach. Alle Mieter seien Gewerbetreibende und Unternehmer, darunter Filmproduzenten, Schneidermeister oder Event-Manager. In der Quadratmetermiete von 8,90 Euro warm seien Stromkosten, Internetnutzung und ein Konferenzraum enthalten, den alle Mieter nutzen könnten. Obwohl das Projekt ein voller Erfolg war, soll es aber keine Verlängerung geben. „Nach zwei Jahren ist Schluss“, sagt Platzer. Allerdings hält er schon nach der nächsten passenden Immobilie aus dem umfangreichen Leerstandsportfolio Mönchengladbachs Ausschau. „Wir ermöglichen Zwischennutzungen aus wirtschaftlichen Erwägungen und nutzen sie daher als strategisches Element“, stellt er klar. Das V 16 habe auf diese Weise zumindest wieder eine schwarze Null geschrieben.

Neue Zuneigung für kreative Mietergruppen

Die immer größere Zuneigung, die Immobilieneigentümer kreativen Mietergruppen mittlerweile entgegenbringen, stößt einer Umfrage des nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministeriums zufolge aber nicht unbedingt auf Gegenliebe. Das im Ministerium angesiedelte sogenannte Clustermanagement Creative. NRW hat im vergangenen Sommer 195 Beschäftigte aus der Kreativwirtschaft nach den gegenwärtigen und den bevorzugten Raumbedingungen gefragt. Das Ergebnis: Zwar sind die meisten mit ihrer aktuellen Arbeitssituation unzufrieden; für fast zwei Drittel der Befragten kommt aber die Nutzung von leerstehenden Flächen überhaupt nicht in Frage. 65 Prozent der Befragten lehnten zudem Zwischennutzungen ab.

„Wir wollen nicht bloß Lückenbüßer in der Verwertungskette der Eigentümer sein“, sagt Joscha Hendricksen, Sprecher der Essener Künstlergruppe Freiraum. Um auf die Verschwendung von städtischen Entwicklungsflächen durch in Kauf genommene, langfristige Leerstände hinzuweisen, besetzte die Gruppe zum Beispiel das ungenutzte DGB-Haus - zwar nur für einen Tag, das Medienecho war aber gewaltig. Heute sitzen Hendricksen, die Essener Wirtschaftsförderung sowie verschiedene Immobilieneigentümer an einem Tisch, um nach Räumen für die Gruppe aus Tänzern, Sängern, Schauspielern und Künstlern zu suchen. Die Stadt Essen ist dabei an der Wiederbelebung bestimmter innerstädtischer Quartiere interessiert. „Wir arbeiten schon lange daran, die Essener Nordcity als Kreativquartier zu entwickeln“, sagt Dieter Flick, der bei der Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft (EWG) für die Standortentwicklung der Innenstadt zuständig ist. Die Vewo Wohnungsverwaltung GmbH in Gelsenkirchen hat mit Hendricksen und seiner Gruppe durchaus gute Erfahrungen gesammelt. Dort nutzte Freiraum 2010 über mehrere Monate eine entweihte Kirche. Dafür zahlte die Gruppe die Nebenkosten und übernahm - das war eine wesentliche Bedingung - auch den Winterdienst.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
29.05.2012 13:54 Uhr
  Vortag
Dax 6.375,16 +0,82%
 OK