http://www.faz.net/-gqe-74xhr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 09.12.2012, 13:45 Uhr

Kupferfassaden Patina ante portas

Im Fassadenbau ist Kupfer ein Nischenprodukt. Kein Wunder, denn das Material ist teuer. Allerdings bietet das Blech auch jede Menge Vorzüge: Es ist robust, wiederverwertbar und individuell.

von Jörg Niendorf
© Rosenkranz, Henner Extravaganz in Seeheim: erst voroxidiert, dann anthrazitfarben

Eine Hausfassade, die Flecken bekommt, müsste den Eigentümern eigentlich zu denken geben. Nicht so, wenn der Metallbauer Peter Ness am Werk war. Ness baut Fassaden aus Kupferblech, und die dürfen, ja müssen sogar fleckig werden und die Farbe ändern. Das mache sie nur wertvoller, beteuert Ness. Der Handwerker aus Berlin-Pankow ist ein Schwärmer für alles, was glänzt, schimmert, oxidiert, changiert - und sich an Häuserwänden anbringen lässt.

Wie sich das Kupfer im Laufe der Zeit verändert, ist unberechenbar. Auf jeden Fall ist das Material unverwüstlich, einmal angebracht, müsse es nicht angerührt werden für Jahrzehnte, verspricht Ness: „So wie die alten Kirchendächer, die halten ewig.“ Er ist darauf spezialisiert, ganze Häuserfronten mit dem Material zu verkleiden. Auf Wunsch stellt er Kupfer-Fassadenplatten her, die wie große Fliesen aussehen oder rautenförmig sind und sich ineinanderstecken lassen. So werden sie vor einen Rohbau montiert.

Der Exot unter den Baustoffen

Kupfer eignet sich sehr gut als Wetterschutz, zudem ist es ein Natur-Material, ökologisch unbedenklich und voll recycelbar. Allerdings hat der Baustoff seinen Preis: Der Grund sind die seit Jahren steigenden Rohstoffkosten. Wer für eine Kupferverschalung einen dreimal höheren Preis als für eine Putzfassade kalkuliert, liegt nicht verkehrt. Trotzdem taucht das Material immer wieder als Blickfang an öffentlichen Bauten auf. Wenn schon ein Blech, dann Kupfer, sagen Anhänger des Materials. Es ist stabil, aber formbar und damit ideal zum Modellieren organischer Formen, etwa wenn eine Fassade fließend wirken oder wie gefaltet aussehen soll.

Eigenwillig und teuer - kein Wunder, das Kupfer ein Exot unter den Baustoffen ist. Doch auch in Einfamilienhausgebieten schimmert es hier und da, zum Beispiel an modernen Anbauten, die eine Kupferhaut haben. Sie sollen für einen Kontrast sorgen. In einer Stadt wie Hamburg gibt es in dieser Hinsicht folgende Spezialität: Wenn dort Besitzer ihre Häuser aufstocken lassen, dann neuerdings häufig mit einem kupferverkleideten Obergeschoss. Es wird auf einen Backsteinbau gesetzt. Erprobt ist diese ästhetische Kombination von Ziegeln und Kupfer überall in der Hansestadt. Zartgrün sind die Kupferbleche im Norden - das liegt am Salzgehalt der Luft in der Nähe der Ost- und Nordsee. Im Binnenland dagegen findet man viel weniger grüne Kupferdächer oder -fassaden. Da behält das Metall meistens seinen typischen Rot-Ton, manchmal nimmt es einen Braunton an. Wenn überhaupt, dann wird es nach vielen Jahrzehnten grün.

22446604 Historische Blechkiste: Kupfer-Fertighaus in Berlin © Wolfgang Bittner Bilderstrecke 

In der Unberechenbarkeit liegt der Reiz, meint der Architekt Johannes Schlüter aus dem hessischen Seeheim der dort einen Neubau komplett in eine Kupferhaut gehüllt hat. Dach und Außenhaut gehen ineinander über, wie ein Panzer. Das extravagante Eigenheim steht auf einem Hanggrundstück am Ortsrand von Seeheim. Verwendet wurden Kupferbleche eines finnischen Herstellers, die voroxidiert waren und dadurch einen anthrazitfarbenen Ton angenommen haben. Zumindest bis jetzt. „Es taucht tagsüber völlig im Grün der Natur ab“, schwärmt der Architekt über die Wirkung des Blechs. Zugleich warten er und die Familie, die es bewohnt, gespannt darauf, wie stark sich die Farbe wohl in den kommenden Jahren verändern wird. Es war das erste Mal, dass Schlüter Kupfer für einen Hausbau verwendete. Heute hat er viel Lob parat, gerade für die sensible Anmutung. „Das ist wie bei einer Jeans, die man immer mehr mag, je mehr Spuren sie zeigt.“

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Frankfurter Altstadt Ein Eckpfosten, bildreich wie ein Totempfahl

Die Goldene Waage in der wiederaufgebauten Frankfurter Altstadt ist ein Museum der Baukunst. Es erzählt Geschichten. Mehr Von Rainer Schulze

18.06.2016, 19:58 Uhr | Rhein-Main
Videografik Ein Blick hinter die Mauern des Weißen Hauses

Das Weiße Haus in der amerikanischen Hauptstadt Washington D.C. ist der Sitz des amerikanischen Präsidenten. Der von George Washington in Auftrag gegebene Bau verfügt über weitläufige Gartenanlagen und Freizeiteinrichtungen für die Präsidentenfamilie. Trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen ist es immer wieder zu Zwischenfällen gekommen. Eine Videografik wirft einen Blick hinter die dicken Mauern. Mehr

09.06.2016, 02:00 Uhr | Politik
Deutsche Oper Berlin Nur im Schritt ist alles fit

Wenn der Regisseur die Skandälchen liebt, wird eben der Sexclub einer lesbischen Drogendealerin zum Serail: An der Deutschen Oper Berlin gerät Mozarts Entführung aus dem Serail in eminentem Maße sinnlos. Mehr Von Jan Brachmann

20.06.2016, 14:15 Uhr | Feuilleton
Nationalmannschaft Löw streicht Reus aus EM-Kader

Bundestrainer Joachim Löw hat sich am Dienstag in Ascona in der Schweiz entschieden und den endgültigen EM-Kader für das Turnier in Frankreich bekanntgegeben. Prominentester streich Kandidat ist Marco Reus, der wie auch Karim Bellarabi, Julian Brand und Sebastian Rudy die Europameisterschaft verpassen wird. Mehr

31.05.2016, 15:53 Uhr | Sport
Wozzeck an der Oper Frankfurt Auch wenn er singt, ist er vor Kummer stumm

Wenn Worte meine Sprache wären: An der Oper Frankfurt legen Sebastian Weigle und Christof Loy die ganze Tragik in Alban Bergs Wozzeck offen. Mehr Von Jan Brachmann

28.06.2016, 15:41 Uhr | Feuilleton

Das Herz der EU

Von Holger Steltzner

Der EU-Binnenmarkt ist in Misskredit geraten, viele verteufeln ihn als neoliberal oder verunglimpfen ihn als Machtmittel deutscher Hegemonie. Dabei ist gerade er der wirtschaftliche Motor, der Wachstum und Wohlstand bescherte. Ein Kommentar. Mehr 24 35

Grafik des Tages Ist der Mindestlohn schlimm?

Seit anderthalb Jahren gilt in Deutschland ein gesetzlicher Mindestlohn. Immer noch zweifeln viele Firmen, dass er ihre Erträge schmälern wird - besonders in einer Branche. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“